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30.10.2022

14:27

Massenpanik

Tragisches Unglück in Südkorea: Mehr als 150 Tote nach Halloween-Feiern

Von: Martin Kölling

Die Partymeile von Itaewon in Seoul zieht zu Halloween immer die Massen an. Nun wurde eine Gasse zur Todesfalle. Die Ursachensuche könnte politische Konsequenzen haben.

Mehr als 150 vorwiegend junge Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben. dpa

Trauer nach Halloween-Feier in Seoul

Mehr als 150 vorwiegend junge Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

Tokio Es sollte Südkoreas größte Halloween-Party seit drei Jahren werden. Doch nachdem am Samstagabend mehr als 150 Menschen in der Hauptstadt Seoul totgetrampelt wurden, trägt das Land Trauer. Der öffentlich-rechtliche Sender KBS gab die Zahl der Toten am Sonntagabend (Ortszeit) unter Berufung auf die Feuerwehr mit 153 an.

Staatspräsident Yoon Suk Yeol rief am Sonntag umgehend eine einwöchige Staatstrauer auf und ließ einen Altar für die Opfer errichten. So tief sitzt der Schock von Itaewon, dem Stadtteil, in dem die Tragödie stattfand.

Wie vor der Pandemie drängten sich die kostümierten Massen am Sonnabend wieder in den grellbunten Partybezirk der Megacity, der von kleinen Gassen durchzogen wird. Denn die Lockerung der Corona-Richtlinien erlaubte endlich wieder ein großes Fest. Eine kleine, abschüssige Seitenstraße wurde dann zur Todesfalle.

Zeugen und Überlebende berichten, dass eine riesige Gruppe von Menschen in die Hintergasse strömte. Dabei kam offenbar Panik auf. In dem Gedränge fielen dann mehrere Menschen zu Boden, während die Menschenmasse von hinten nachdrückte. Dabei wurden Menschen totgedrückt und -getreten oder verletzt. Die Bilder aus Itaewon gingen danach um die Welt.

Mitfeiernde versuchten, Erste Hilfe zu leisten und Opfer wiederzubeleben, bis sich endlich Sanitäter und Feuerwehrleute durch die Massen an den Unglücksort vorarbeiten konnten. Leichen, überdeckt mit Planen, lagen am Straßenrand, bevor sie zur Identifikation in eine nahe Sporthalle gebracht wurden. Unter den Todesopfern befanden sich laut Feuerwehr 22 Ausländer, das Innenministerium gab die Zahl mit 20 an.

Südkorea

Trauer nach Massenpanik in Seoul

Südkorea: Trauer nach Massenpanik in Seoul

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Am Sonntag trafen in Korea Mitleidsbekundungen aus vielen Ländern ein, darunter auch vom deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz und von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Staatschef Yoon sagte: „Es ist wirklich schrecklich. Die Tragödie und Katastrophe hätte nie passieren dürfen.“ Sein Herz sei schwer, und er kämpfe darum, mit der Trauer fertig zu werden, so Yoon. Danach kündigte er eine Untersuchung an. „Das Wichtigste ist, die Ursache des Unglücks zu klären und ähnliche Unfälle zu verhindern.“

Die Regierung kündigte an, die Gegend als besonderes Katastrophengebiet auszuweisen. Damit können die Familien der Opfer Entschädigungen und eine Erstattung der Beerdigungskosten erhalten. Die medizinischen Kosten der Verletzten werden ebenfalls übernommen.

Die Worte Yoons sind auch politisch wichtig. Als 2014 die Fähre Sewol sank und 304 Opfer forderte, die meisten davon Oberschüler, geriet die damalige konservative Präsidentin Park Geun Hye prompt für ihr langsames Krisenmanagement in die Kritik. Das Unglück war sogar Teil eines Misstrauensvotums gegen Park, die danach abgesetzt und wegen Bestechung zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Der Präsident ist bereits nach wenigen Monaten unbeliebt. Reuters

Präsident Yoon am Ort des Geschehens

Der Präsident ist bereits nach wenigen Monaten unbeliebt.

Der jetzige Präsident, ebenfalls ein Konservativer, ist schon fünf Monate nach seinem Amtsantritt sehr unpopulär. Das Unglück von Itaewon könnte ihm daher umso mehr schaden, wenn ihm langsames Handeln vorgeworfen oder seiner Regierung Nachlässigkeit nachgewiesen werden kann.

Die oppositionellen Demokraten, die im Parlament die Mehrheit besitzen, suchen bereits nach Argumenten gegen Yoon, den früheren Oberstaatsanwalt des Landes. Denn dessen ehemalige Kollegen haben im Rahmen von Korruptionsermittlungen in Immobiliendeals einige Vertraute von Oppositionsführer Lee Jae-Myung festgenommen.

Pikant dabei ist, dass Lee in den Präsidentschaftswahlen Yoons Gegenkandidat war. Die Demokraten boykottierten daraufhin Parlamentssitzungen, während Anhänger der Partei Demonstrationen bei Kerzenlicht wiederaufleben ließen, die sich 2016 zu einer Volksbewegung gegen die damalige Präsidentin Park entwickelt hatten.

Die Suche nach Schuldigen hat begonnen

So weit ist es derzeit nicht und so weit wird es vielleicht auch nicht kommen. Im Gegensatz zu Park führte Yoon noch in der Nacht Krisensitzungen durch und besuchte den Unglücksort, um sich persönlich zu informieren. Nun beginnt die Suche nach den Schuldigen für das Unglück in Itaewon, das mit seinen Nachtklubs für alle geschlechtlichen Orientierungen einer der Partymagnete ist.

Halloween zieht dabei traditionell mehr als 100.000 Besucher in die Region. „Aber dieses Mal war es einfach nur verrückt“, schrieb eine Besucherin auf Instagram. In den Fokus der Öffentlichkeit könnte dabei zuerst die Vorbereitung der Polizei geraten, die der Lage rasch nicht mehr Herr wurde.

Yoons Innenminister Lee Sang Min erklärte am Sonntag bereits, dass eine „bedeutende Anzahl an Polizei- und Sicherheitskräften“ zu einer Demonstration in Seouls Regierungsbezirk abgeordnet worden war. John Lee, ein Kommentator des Onlinemediums South Korea Pro, fragte danach bereits, ob die Verlegung des Präsidentensitzes in die Innenstadt womöglich zu der Schwerpunktsetzung beigetragen haben könnte und warum in Itaewon nicht mehr Vorkehrungen getroffen worden seien.

Auch das Verhalten von einigen Halloween-Teilnehmern gerät in die Kritik. So haben viele Besucher nach dem Unglück weitergefeiert. Park Juwon, eine Journalistin der Nachrichtenagentur Associate Press, kommentierte daraufhin auf Twitter: „Ich verliere den Glauben an die Menschheit.“ Südkorea stehen nun neben Trauer wahrscheinlich auch hitzige politische Diskussionen bevor.

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