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09.05.2022

09:42

Der Chefökonom – Kommentar

Nicht die Geldpolitik muss die Immobilienpreisblasen regulieren

Von: Bert Rürup

Die Immobilienpreise sind deutlich stärker als die Verbraucherpreise gestiegen. In die Inflationsermittlung fließen nur Wohnungsmieten ein, die Haus- und Wohnungspreise nicht. Ein Fehler?

Heute sieht sich die EZB mit den höchsten Inflationsraten ihrer Geschichte konfrontiert. dpa

Frankfurt am Main

Heute sieht sich die EZB mit den höchsten Inflationsraten ihrer Geschichte konfrontiert.

Im vergangenen Sommer hat die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt, künftig bei ihrer Bewertung von Inflation auch Immobilienpreise berücksichtigen zu wollen. Die deutsche EZB-Direktorin Isabel Schnabel sagte, der Immobilienboom erhöhe das Risiko, dass die Währungshüter zu spät bei der Änderung der Geldpolitik agierten.

Anders als etwa in den USA fließen in der Euro-Zone die Preise für Eigenheime nicht in die Inflationsmessung ein, während die Wohnungsmieten im Harmonisierten Verbraucherpreisindex berücksichtigt werden.

Das war im vergangenen Sommer, also zu einer Zeit, als nicht wenige Verantwortliche in der EZB noch immer glaubten, sie müssten gegen deflatorische Tendenzen im Währungsraum ankämpfen und die Preisentwicklung stimulieren. Da lag es nahe zu prüfen, ob der verwendete Index die tatsächliche Inflation womöglich unterschätzt.

Zur Erinnerung: Im Mai 2021 hatte die Inflation im Euro-Raum erstmals seit nahezu drei Jahren wieder an der Zwei-Prozent-Marke gekratzt, um im Folgemonat wieder zurückzugehen. Inflationswerte wie im zurückliegenden Monat April, als der Preisanstieg im Euro-Raum bei 7,5 Prozent lag, schienen damals jenseits des Vorstellungshorizonts – nicht nur im EZB-Tower.

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    So hatten beispielsweise die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten 2021 der Euro-Zone für das gerade laufende Jahr 1,7 Prozent und für 2022 eine Teuerung von 1,4 Prozent prognostiziert – welch eine Fehlprognose!

    Inflation: Verlässliche Rahmenbedingungen schaffen

    Heute sieht sich die EZB mit den höchsten Inflationsraten ihrer Geschichte konfrontiert. Wären die Pläne vom vergangenen Sommer realisiert, so läge die aktuell ausgewiesene Inflation derzeit sicher noch um einige Zehntelpunkte höher.

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    Ungeachtet dessen stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Änderung des Warenkorbs. Sinn und Zweck von Geldwertstabilität ist es, die Verbraucher vor Kaufkraftverlusten infolge einer allgemeinen Teuerung zu schützen und Investoren verlässliche Rahmenbedingungen zu geben, nicht zuletzt, um so das Vertrauen in eine Währung zu stärken.

    Weil Regierungen einen Anreiz haben können, ihre Schulden durch Inflation zu entwerten, ging man in den westlichen Industrieländern ab Ende der 1970er-Jahre dazu über, die Wahrung der Geldwertstabilität unabhängigen Notenbanken zu übertragen. Vorbilder waren die 1948 gegründete Bank deutscher Länder und deren Nachfolgerin, die Deutsche Bundesbank.

    Auf der Internetpräsenz der EZB heißt es dazu: Umfangreiche empirische Daten und theoretische Analysen haben gezeigt, dass unabhängige Zentralbanken besser in der Lage sind, die Inflationsrate niedrig zu halten.

    Als Hüter der Preisstabilität schaffen die Zentralbanken die Voraussetzung für eine gesunde und stabile Wirtschaft. Hätten die Regierungen die direkte Kontrolle über die Zentralbanken ihrer Länder, könnte dies Politiker dazu verleiten, die Leitzinssätze in ihrem Interesse festzulegen, um kurzfristig einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeizuführen.

    Zudem könnte dies dazu führen, Zentralbankgeld zur Finanzierung von politischen Maßnahmen zu nutzen, die sich einer Zustimmung durch weite Teile der Bevölkerung erfreuen, obwohl damit der Wirtschaft langfristig Schaden zugefügt würde.

    Was jedoch genau unter Geldwertstabilität zu verstehen ist, das definiert jede Notenbank für sich selbst. Jedes Inflationsziel spiegelt somit auch den jeweiligen Zeitgeist wider. Als die Bundesbank in den 1970er-Jahren „unter zwei Prozent“ als ihr Inflationsziel ausgab, lag dem keine ökonomische Analyse zugrunde.

    Signal muss gesendet werden

    Angesichts damaliger Inflationsraten von bis zu sieben Prozent sollte vor allem ein starkes psychologisches Signal gesetzt werden, dass die Bundesbank solche Teuerungsraten nicht tolerieren und mit ihrer Geldpolitik gegenhalten werde.

    Handelsblatt: Prof. Bert Rürup

    Der Autor

    Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zur Arbeit von Professor Rürup und seinem Team finden Sie unter research.handelsblatt.com.

    Da die EZB in ihrer Startphase stark der Tradition der Bundesbank verpflichtet war, lag es nahe, deren Inflationsziel zunächst zu übernehmen. Danach passte die EZB dieses Ziel jedoch mehrfach an. Richtiger muss man wohl sagen, sie erhöhte es schrittweise auf nunmehr „symmetrisch zwei Prozent“, womit zumindest vorübergehende Überschreitungen dieser Marke akzeptabel wurden.

    Entscheidendes Maß dabei ist der Harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI), der von den nationalen Statistikämtern erhoben und von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union – und nicht von der EZB –. berechnet wird. Dabei wird der Warenkorb nach festgelegten Kriterien von Zeit zu Zeit überprüft.

    Die EZB hat kein Weisungsrecht gegenüber Eurostat; selbst kann sie also auf diesem Gebiet nichts ändern. Die EZB hat jedoch gegenüber Eurostat den Wunsch geäußert, den Verbraucherpreisindex um Immobilienpreise zu erweitern.

    Nun mag es auf den ersten Blick plausibel erscheinen, dass Wertsteigerungen von selbst genutzten Wohnimmobilien ein Pendant zur Entwicklung von Wohnungsmieten seien und deshalb in die Inflationsberechnung einfließen sollten.

    Doch das gilt eigentlich nur für Immobilienkäufer, nicht aber für Immobilienbesitzer: Wohneigentum bleibt meist viele Jahre in einer Hand – etwaige Wertänderungen beeinflussen Kaufkraft des Einkommens und den aktuellen Konsum seines Besitzers nicht.

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    Zum anderen macht eine Mieterhöhung die Mieter ärmer, während Wertsteigerungen die Hausbesitzer reicher machen – zumindest gefühlt. Einen triftigen Grund, sie vor diesem Vermögenszuwachs zu schützen, gibt es nicht.

    Bekämpfung der Immobilienblase nicht die Aufgabe der Geldpolitik

    Selbst wenn man Immobilienpreisblasen als gesamtwirtschaftlich oder verteilungspolitisch schädlich erachtet, ist es nicht Aufgabe der Geldpolitik, solch einer unerwünschten Entwicklung zu begegnen.

    Anders als etwa in den USA fließen in der Euro-Zone die Preise für Eigenheime bislang nicht in die Inflationsmessung ein. dpa

    Wohnungen

    Anders als etwa in den USA fließen in der Euro-Zone die Preise für Eigenheime bislang nicht in die Inflationsmessung ein.

    Schließlich gibt es dazu zielgenauere und demokratisch besser legitimierte Instrumente jenseits der Geldpolitik, wie etwa die Einschränkung der Immobilienkreditvergabe oder höhere Grundsteuern.

    Würden die Immobilienpreise in die Verbraucherpreisberechnung einbezogen, müsste konsequenterweise auch die Entwicklung anderer Vermögenspreise wie etwa von Aktien, Kunstwerken, Edelmetallen oder Kryptowährungen einfließen.

    Hinzu kommt ein praktisches Problem: Während die Statistikämter Preisänderungen bei Alltagsgütern recht einfach durch einen Blick in die Supermarktregale beobachten können, ist es bei nur selten den Besitzer wechselnden Immobilien sehr schwierig, kurzfristige Preisänderungen zu ermitteln.

    Schließlich ist jede gebrauchte Immobilie ein Unikat. Zwar gibt es regionale vierteljährliche Immobilienpreiserhebungen. Doch die basieren notgedrungen auf Schätzungen und Hochrechnungen und stehen überdies erst mit zeitlicher Verzögerung zur Verfügung. Eine an diesen Daten orientierte Geldpolitik liefe Gefahr, der tatsächlichen Entwicklung noch stärker als bisher hinterherzulaufen.

    Nun geht mittlerweile sogar die EZB davon aus, dass die Inflationsrate „sehr wahrscheinlich“ in den kommenden Monaten hoch bleibt, wie EZB-Vizepräsident Luis de Guindos jüngst einräumte. Die Inflationserwartungen seien in den vergangenen Monaten gestiegen.

    Mittelfristig gibt es im Übrigen Zeichen der Entspannung. Zuletzt rechneten die von der EZB befragten Experten für 2023 mit einem Anstieg der Verbraucherpreise von 2,4 Prozent, für 2024 erwarten sie 1,9 Prozent – was aus EZB-Sicht wohl einer Punktlandung gleichkäme.

    Einen Grund, durch Buchungstricks die Inflation zu beflügeln, gibt es damit nicht mehr. Gut möglich, dass der Plan, die Vermögenspreise in die Teuerung einfließen zu lassen, damit in den Archiven verschwindet. Ein Verlust wäre das sicher nicht.

    Dieser Artikel erschien zuerst am 06.05.2022 um 8:35 Uhr.

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