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01.02.2021

14:40

Corona-Impfung

Je größer das Impfchaos in der EU, desto besser steht Boris Johnson da

Von: Carsten Volkery

PremiumDer britische Premier profitiert politisch vom Impfstreit in der EU. Obwohl das Königreich noch immer schwer unter der Coronakrise leidet, glänzt es nun mit seiner Impfstrategie.

Der Premierminister zeigt beim Besuch eines Impfzentrums das Vakzin des britischen Herstellers Astra-Zeneca. dpa

Boris Johnson

Der Premierminister zeigt beim Besuch eines Impfzentrums das Vakzin des britischen Herstellers Astra-Zeneca.

Beim Impfen gegen Corona macht die EU eine schlechte Figur, daran wird auch der heutige Impfgipfel der Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten nichts ändern. Seit Wochen schieben sich die Akteure gegenseitig die Schuld zu, warum es so schleppend vorwärts geht mit der wichtigsten politischen Aufgabe unserer Zeit.

Je mehr sich die EU zerstreitet, desto heller strahlt der Stern des Regierungschefs auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Zumindest in dieser Frage scheint der britische Premier Boris Johnson alles richtig gemacht zu haben.

Am Wochenende meldete Großbritannien einen neuen Impfrekord: Knapp 600.000 Impfungen an einem Tag. Das Versprechen, bis Mitte Februar 15 Millionen Menschen zumindest mit einer Impfdosis versorgt zu haben, scheint Johnson erfüllen zu können.

Aktuell haben schon mehr als neun Millionen Menschen eine Erst-Impfung erhalten. Am Montag wurde bekannt, dass inzwischen sämtlichen Bewohnern von Altenheimen eine Impfung angeboten wurde. Mit dieser Bilanz liegt Großbritannien international weit vorn, übertroffen wird es nur von Ländern mit deutlich kleinerer Bevölkerungszahl wie Israel.

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    Es ist paradox: Trotz der höchsten Todeszahlen in Europa – im Königreich sind bereits mehr als 100.000 Menschen mit Corona gestorben – steht der Premier plötzlich als umsichtiger Regierungschef da, der frühzeitig die richtigen Impfschritte eingeleitet hat. Seine eigenen Fehler im Umgang mit den Lockdowns treten in den Hintergrund, es zählt nur noch der Countdown bis zur vollständigen Impfung der Bevölkerung.

    Frühzeitig Verträge mit mehreren Lieferanten abgeschlossen

    Das Land hatte bereits Anfang Dezember begonnen, das Vakzin von Pfizer/Biontech zu verimpfen. Anfang Januar kam das von Astra-Zeneca und der Universität Oxford hinzu. Auch für das Präparat von Moderna gibt es bereits eine Zulassung, weitere sollen folgen.

    Die Johnson-Regierung hatte frühzeitig Verträge mit mehreren Lieferanten abgeschlossen. Hinzu kommt, dass der nationale Gesundheitsdienst NHS gut aufgestellt ist, um die Verteilung der Impfstoffe zentral zu organisieren.

    Die Downing Street hilft bei dem Narrativ kräftig nach: Um von den negativen Nachrichten aus den Krankenhäusern abzulenken, die wegen der vielen Corona-Patienten am Anschlag arbeiten, feiert die Regierung jeden neuen Impf-Durchbruch.

    Vergangene Woche hatte Johnson besonderes Glück. Mit Novavax und Janssen meldeten zwei weitere Hersteller erfolgreiche Testergebnisse. Und wieder passte alles zusammen: Auch das Novavax-Vakzin wird in Großbritannien hergestellt, und die britische Regierung hat sich bereits Millionen Dosen gesichert.

    „Beste Werbung für den Brexit“

    Vor allem war es jedoch die Horrorwoche der EU, die Großbritannien in Impffragen als Insel der Seligen erscheinen ließ. „Die beste Werbung für den Brexit“, titelte „Zeit Online“ angesichts des Impfstreits der Europäer mit dem Pharmakonzern Astra-Zeneca. Die Schlagzeile wurde von der Brexit-Presse im Königreich begierig aufgegriffen.

    Auslöser des Impfstoffstreits war die Ankündigung von Astra-Zeneca, der EU nur 31 Millionen statt der vereinbarten 80 Millionen Impfstoffdosen bis Ende März zu liefern. Die EU-Kommission warf dem Pharmakonzern vor, andere Länder wie Großbritannien zu bevorzugen.

    Zugleich zweifelten Deutschland, Italien und Frankreich an der Wirksamkeit des Impfstoffs bei Senioren. Astra-Zeneca wies die Vorwürfe zurück. Es entstand der Eindruck, dass nationale Regierungen und Kommission von ihrem eigenen Versagen ablenken wollten.

    Als die EU-Kommission am Freitag dann auch noch ohne Absprache damit drohte, die Grenze in Irland für Impfstoffexporte zu schließen, war das Debakel perfekt. Jahrelang hatten die Europäer in den Brexit-Verhandlungen davor gewarnt, wie gefährlich eine feste Landgrenze in Irland wäre. Nun griffen sie selbst zu diesem explosiven Mittel – und zwar völlig ohne Not.

    Der Aufschrei in Großbritannien, Irland und in Brüssel selbst zwang Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen binnen Stunden zu einer Kehrtwende. Der irische Ministerpräsident Micheal Martin war besonders empört. Die EU hatte ein Eigentor geschossen, Johnson konnte den nächsten PR-Erfolg verbuchen.

    Vor einigen Wochen noch hatten Johnson und seine Minister eine gewisse Selbstzufriedenheit an den Tag gelegt. Der Premier hatte gerne betont, dass man schon mehr Menschen geimpft habe als ganz Europa zusammen. Und Bildungsminister Gavin Williamson hatte den frühen Impfstart im Dezember damit erklärt, dass Großbritannien einfach „das beste Land“ sei.

    An diesem Wochenende jedoch verbot Johnson sich und seinen Ministern jegliches Triumphgeheul. Stattdessen gab er sich staatsmännisch. Er wolle, dass die EU zum gleichen Zeitpunkt den Impfstoff erhalte wie Großbritannien, erklärte er seinen Landsleuten in einer Videobotschaft. Denn „es bringt nichts, wenn nur ein Land allein geimpft wird“. Zugleich versicherte er, das „Hin und Her der EU“ werde die britische Impfstoffversorgung nicht gefährden.

    Offensichtlich hat er erkannt, dass er gar nicht mehr viel sagen muss. Das Spektakel auf der anderen Seite des Ärmelkanals spricht für sich selbst.

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