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15.01.2019

19:19

Essay

Was Europa von Chinas KI-Strategie lernen kann – und was nicht

Von: Anastassia Lauterbach

China steigt in Sachen Künstlicher Intelligenz zur Supermacht auf. Deutschland dagegen investiert viel zu wenig – und droht von der Volksrepublik weiter abgehängt zu werden.

Der Superstar unter den Go-Spielern wurde von einem Computer bezwungen. imago/Imaginechina

Ke Jie

Der Superstar unter den Go-Spielern wurde von einem Computer bezwungen.

Es klingt beeindruckend: Drei Milliarden Euro will Deutschland bis 2025 investieren, um sich für die Zukunft zu wappnen und von einem traditionellen Industrieland in einen führenden Standort für Künstliche Intelligenz (KI) umzuwandeln. Dieses vollmundige Ziel verkündete die Bundesregierung vor einigen Wochen in einem Strategiepapier.

Die Realität sieht allerdings bescheiden aus. Das Bild wird auch nicht besser, wenn man den Zirkel etwas größer zieht: Die Europäische Kommission will bis zum Jahr 2020 Investitionen in KI in ganz Europa um mindestens 20 Milliarden Euro steigern.

Auch das ist maximal ein Tropfen auf den heißen Stein des globalen Wettbewerbs. Den wird aller Wahrscheinlichkeit ein Land gewinnen, das bis vor wenigen Jahren noch als „Schwellenland“ milde belächelt wurde: In China sollen bis 2030 umgerechnet 150 Milliarden Dollar in KI investiert werden. Man braucht kein Mathestudium, um den Unterschied zu erkennen.

In China hatte man den Schuss offenbar schon gehört, als man in Europa noch nicht mal den Startblock in den Blick nehmen wollte. Das Rennen lief bereits, da dachte man hierzulande erstmals übers Training nach. Was war im Mai 2017 in Deutschland los?

Hm. Der VfB Stuttgart feierte seinen Wiederaufstieg in die Bundesliga. Bei Landtagswahlen wurde über die innere Sicherheit, die dänische Minderheit in Schleswig-Holstein und die Abschaffung der Hygieneampel in NRW diskutiert. Und in der Bundespolitik verblasste der „Schulz-Hype“.

Zur Autorin

Anastassia Lauterbach

Sie ist Wirtschaftsexpertin, arbeitete 20 Jahre in Top-Positionen für Munich Re, McKinsey, Daimler, Deutsche Telekom, Qualcomm, Kaspersky Lab und Intel. Sie ist Aufsichtsrätin bei Wirecard, Easyjet und Censhare, Beirätin und Governance-Expertin von Nasdaq und Diligent Corporation, Gründerin des Beratungsunternehmens 1AU Ventures und Venture-Partnerin von Analytics Ventures. Ihr Buch „The Artificial Intelligence Imperative. A Practical Roadmap for Business“, das 2018 in den USA erschien, gilt auch in Deutschland als wichtiges Werk zum Thema Künstliche Intelligenz

Und in China, was war dort los? Nun. Im Mai 2017 wurde der Go-Spieler Ke Jie – in China ein Superstar – in allen drei Partien eines spektakulären Go-Spiels in die Knie gezwungen. Und zwar nicht von einem anderen Go-Spieler, sondern von AlphaGo, einem Programm der Firma Deep Mind. Das Ereignis wurde weltweit live im Fernsehen übertragen.

Dies war die Stunde null einer neuen chinesischen Zeitrechnung. Es war der „Sputnik-Moment“ für Peking. Einst hatte die Sowjetunion den Amerikanern gezeigt, wo in der Weltraumforschung der Hammer hing, als sie die Sputnik I als ersten Satelliten ins All schoss. Jetzt zeigte die Google-Tochter der chinesischen Welt ausgerechnet im traditionsreichen Go-Spiel, wo sie stehen sollte: auf der Verliererseite.

Schriller konnte der Wecker für China nicht klingeln! Der Wettkampf um die technische Überlegenheit war eröffnet. Seit diesem Tag brechen chinesische Studenten und Ingenieure Rekorde – zunächst, indem sie zahllose naturwissenschaftliche Fachartikel herunterluden.

Schon im Juli 2017 – also vor anderthalb Jahren, in Digitaldimensionen vor Jahrzehnten! – erschien in China ein Plan für die „Nächste Generation der KI-Technologien“. Man könnte darüber die Nase rümpfen. Schließlich handelt es sich mehr oder weniger um eine Kopie von drei Regierungsberichten, die der damalige US-Präsident Barack Obama hatte verfassen lassen.

Aber wer in der Glaskuppel des Bundestags sitzt, wo erst vor einigen Monaten unter Mühen eine Staatsministerin für Digitales berufen wurde, der sollte sich mit Hochmut zurückhalten. Zumal China seinen Plan durch ein imposantes Budget untermauert. Wozu lange Konzeptpapiere schreiben, wenn man schon mal loslegen kann?

Technik der Zukunft: Wie China bei der Künstlichen Intelligenz zur Supermacht aufsteigt

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China setzt entschlossen auf die KI. Erstmals seit der industriellen Revolution könnte der Westen die Vorherrschaft bei einer globalen Schlüsseltechnologie verlieren.

Das Land startete eine Bildungsoffensive: Programmieren lernen schon die Kleinsten im Kindergarten. Chinesische Schulen führen weltweit bei dem Einsatz von Robotern im Unterricht und gewöhnen so Kinder frühestmöglich an die Zusammenarbeit mit Maschinen – und umgekehrt: Die Maschinen werden so programmiert, dass sie kinderleicht zu bedienen sind. Nichts ist so überflüssig wie eine Bedienungsanleitung!

Im Vergleich dazu wirken die aktuellen Diskussionen zwischen Bund und Ländern um das bürokratisch-korrekte Prozedere beim Digitalpakt wie eine Farce: Während die Politik über Hoheitsrechte von gestern streitet, wächst an deutschen Schulen die nächste Generation digitaler Analphabeten heran.

Beeindruckend ist der individuelle Leistungswille in China: Die Menschen arbeiten nach dem Motto 996 – arbeite von neun bis neun, sechs Mal die Woche. Niemand will den Zug in die Zukunft verpassen.

Auch der staatliche Ehrgeiz kennt keine Grenzen: Im September berichtete das „Wall Street Journal“, dass chinesische Kartellbehörden ausländische Unternehmen regelrecht erpressen, ihre Technologien und Geschäftsmodelle offenzulegen.

Patente und Lizenzvereinbarungen amerikanischer Firmen werden durch örtliche Gerichte außer Kraft gesetzt, Aufsichtsbehörden mit Experten besetzt, die Geschäftsgeheimnisse an chinesische Wettbewerber weitergeben.

Seit 2017 gilt zudem das neue Cybersicherheitsgesetz, gemäß dem chinesische Regulatoren aus der Ferne die Netze ausländischer Unternehmen inspizieren und beliebige Daten einsehen dürfen, um nach Sicherheitslücken zu suchen.

Programmieren lernen schon die Kleinsten im Kindergarten. Chinesische Schulen führen beim Einsatz von Robotern. Anastassia Lauterbach

China fackelt nicht lange, das ist klar. Künstliche Intelligenz gilt im Reich der Mitte als eine der größten Chancen und Herausforderungen in der Menschheitsgeschichte, selbst wenn sich das in Old Europe nur langsam herumspricht. Während die Deutschen noch meinen, „Industrie 4.0“ sei die Vokabel der Zukunft, ist in China nur noch von Künstlicher Intelligenz die Rede.

Die Namen Yann LeCun, Geoffrey Hinton und Andrew Ng kennt in Deutschland kaum jemand. In China haben die drei den Bekanntheitsgrad von Hollywood-Schauspielern. Der in Paris geborene LeCun ist KI-Forscher bei Facebook; der Brite Geoffrey Hinton, seit 1987 Professor in Toronto, arbeitet seit fünf Jahren als Data Scientist bei Google. Und der in London zur Welt gekommene Andrew Ng hatte erst das Google-Brain-Projekt gegründet und geleitet, wurde Leiter der KI-Gruppe bei der chinesischen Suchmaschine Baidu und gründete 2018 einen 175 Millionen Dollar schweren Risikokapitalfonds, um in KI-Anwendungen zu investieren.

Solche Koryphäen der internationalen KI-Szene werden nicht nur aus der Ferne bewundert, sondern mit Topgehältern ins Land des Lächelns gelockt. Egal ob Wissenschaftler oder Praktiker – für die Besten ist China kein Preis zu hoch.

Allerdings halten sich die Stars aus dem Ausland derzeit nicht lange in den Unternehmen: Andrew Ng verließ Baidu nach nicht einmal zwei Jahren. Offenbar fühlen sie sich im Gewirr von Hierarchien und Machtkämpfen und einem Mangel an Vielfalt unwohl. Nach Kontinentaleuropa zieht es die Topleute jedoch bislang alle nicht. Hier fehlt es an Geld und Innovationskultur.

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Laut dem Beratungsunternehmen Boston Consulting Group ist in Deutschland erst jede dritte Fima dabei, KI-Anwendungen – Achtung! – zu „pilotieren“. Viele dieser Pilotprojekte werden vermutlich zu wenig greifbaren Ergebnissen führen, das ist ihnen eigen. Zudem fehlt in traditionellen Unternehmen oft das Verständnis für große Datenmengen und die dafür notwendige Infrastruktur.

Außerdem fehlt das Wissen über das Ökosystem der Hersteller, die zu oft aus Marketinggründen auf alte Technologien ein KI-Etikett kleben. Es ist nicht nur schon unermesslich viel Zeit verloren. Es vergeht kein Tag, an dem China seinen Vorsprung nicht weiter ausbauen würde.

Angesichts der drohenden Niederlage werden auf den Chefetagen vieler europäischer Konzerne jetzt schon die – durchaus berechtigten – Argumente für die künftige Verteidigung gesammelt.

Ausrede 1: In China generieren rund 800 Millionen Smartphone-Nutzer Daten in Hülle und Fülle, was für das maschinelle Lernen von essenzieller Bedeutung ist. Der Rohstoffreichtum, also die Daten für die KI, besteht nicht allein aus „Likes“, hochgeladenen Fotos und Videos, markierten Restaurants oder Ortschaften sowie millionenfachen Suchanfragen.

Nein, dazu kommen auch noch Realdaten aus Milliarden von elektronischen Zahlungsvorgängen von der Markthalle bis zum Friseursalon, von Bushaltestellen bis zu mobilen Überweisungen aus dem Ausland. 65 Prozent der Mobilfunknutzer in China bezahlen alles mit dem Smartphone.
Die Unternehmen Tencent mit „We Chat“ und Alibaba mit „Alipay“ werten diese Informationen aus, um Ereignisse zu interpretieren und vorauszusehen. In Europa verhindert derlei der Datenschutz. Hier wird lieber über die Restrisiken der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) als über die Chancen der KI diskutiert.

Ob dadurch wirklich „die Demokratie“ geschützt wird, ist zumindest zu hinterfragen; denn klug genutzte Daten könnten auch Bürgerbeteiligung, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung positiv stärken.

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Ausrede 2: In kaum einem anderen Land gibt es eine solche Verschmelzung von Staat und privater Wirtschaft wie in China. Das hat nicht nur negative Seiten. Die kommunistische Führung des Landes, in dem 1,39 Milliarden Menschen leben und es jährlich 260.000 tödliche Autounfälle gibt, nimmt selbstfahrende Autos sehr ernst.

Anstatt die Technologie an die bestehende Infrastruktur anzupassen, werden in China ganze Städte und Tausende von Kilometern von Straßen und Autobahnen für diese Fahrzeuge gebaut. In Zhejiang wird zum Beispiel gerade der erste „Smart Highway“ errichtet. Die Region Xiong’an, die früher aus verschlafenen Dörfern bestand, beschloss, zu einem Modell für technologischen Fortschritt und saubere Umwelt zu werden.

Solche Projekte sind in Deutschland undenkbar. Ist also die KI-Strategie der Bundesregierung nur eine Pseudoaktivität? Zählt auch im globalen Wettkampf der Wirtschaft das olympische Motto: „Dabei sein ist alles“? Alles Weitere ist ohnehin chancenlos?

Klar ist: Selbst wenn man nicht an eine Steuerung der Wirtschaft von oben glaubt, die Privatwirtschaft in China profitiert enorm von den staatlichen Subventionen und der staatlichen Regulierung. Manche Technologien können in der Tat durch gezielte Regulierung beschleunigt werden. China prescht vor.

Klar ist auch: Die Zeiten, in denen „made in Germany“ von unschlagbarer Größe zeugte, sind wohl endgültig vorbei. Die Frage, die sich stellt, lautet: Wollen wir hochmütig als KI-Tiger starten, um irgendwann als asiatischer Bettvorleger zu landen?

Oder wollen wir versuchen, einen bedeutsamen Platz an der Seite des künftigen Platzhirsches einzunehmen – egal, ob als innovativer Forschungs-Fuchs oder als ethisch verantwortlich denkender Cybersecurity-Adler. Chancen gäbe es genug. Man müsste nur mal loslegen.

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