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06.12.2019

19:13

Expertenrat – Harald Christ

Carbon Leakage: Emissionsreduktion durch Abwanderung ist kein Klimaschutz

Von: Harald Christ

Die Kompensationen beim Industriestrompreis in Deutschland stehen häufig in der Kritik. Doch ihre Streichung würde weder der Wirtschaft noch dem Klima einen Dienst erweisen.

Verbraucher und Steuerzahler finanzieren die Entlastung der Industrie bei den Strompreisen. dpa

Strommast

Verbraucher und Steuerzahler finanzieren die Entlastung der Industrie bei den Strompreisen.

Was früher die Arbeitskosten waren, sind inzwischen die Energiepreise: Der Hauptfaktor in der Kostenstruktur für die globale Wettbewerbsfähigkeit großer Teile der deutschen Wirtschaft.

Der deutsche Strompreis gehört zu den höchsten weltweit, in Europa zieht nur noch Dänemark gleich. Der Strom für Industriekunden kostet demgegenüber in den USA nur etwa ein Drittel, in China Zweidrittel dessen, was ein deutsches Industrieunternehmen zahlen muss.

Hohe Stromkosten sind auch deswegen problematisch, weil Elektrifizierung in Verkehr und Industrie ein wichtiger Baustein der Dekarbonisierung ist. Immerhin 38 Prozent stammen schon aus regenerativen Quellen.

Das eine – hoher Strompreis – hängt dabei mit dem anderen – relativ sauberer Strom – zusammen. Wir schlagen die Kosten für die Dekarbonisierung auf den Strompreis und erreichen dabei zwei Dinge zugleich: Finanzierung des Ausbaus Erneuerbarer Energie und eine Lenkungswirkung durch Verteuerung des Energieverbrauchs.

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    Was gut gedacht ist und auch lange Zeit funktioniert hat, erreicht eine kritische Schwelle. Denn je sauberer der Strom ist, desto weniger sinnvoll ist die Steuerungswirkung eines hohen Preises.

    Zudem darf ein hoher Strompreis nicht die vergleichsweise saubere – und zunehmend elektrifizierte – Industrieproduktion aus Europa in Regionen verdrängen, die billiger, aber klimaschädlicher produzieren. Unterm Strich und global betrachtet hätte dann der europäische oder deutsche Klimaschutz eine Erhöhung der Emission zur Folge, was man als Carbon Leakage bezeichnet.

    Die Gefahr des Carbon Leakage betrifft vor allem die an Weltmärkten gehandelten Produkte. Die sogenannten Pricetaker sind Waren, deren Preisbildung global stattfindet und hochgradig transparent ist, so dass höhere Kosten nicht an den Kunden weitergegeben werden können.

    Auf welche Dimension sich diese Kosten inzwischen belaufen würden wenn es keine Entlastung für energieintensive Unternehmen gäbe, macht die Zusammensetzung des Verbraucherpreises deutlich Lediglich 22 Prozent der Kosten fallen auf die Herstellung des Stroms, der Rest ist Stromsteuer, EEG-Umlage, KWK-Umlage, Netzentgelte, Konzessionsabgabe, Offshore-Netzumlage und Mehrwertsteuer.

    Mehr als 50 Prozent „politische“, vor allem klimaschutzbedingte Kosten bei Energie könnte kein Unternehmen, das am Weltmarkt konkurriert, durch mehr Effizienz oder bessere Performance wettmachen, wenn ein signifikanter Anteil der Produktionskosten auf Energie entfallen.

    Deswegen gibt es für energieintensive Unternehmen Ausnahmeregelungen: Die Befreiung von der EEG-Umlage und die Kompensation der finanziellen Belastung, die sich aus dem europäischen Emissionshandel ergibt (ETS-Strompreiskompensation).

    Als Beihilfe müssen diese Regelungen von der EU genehmigt werden. Die Branchen, die derzeit als kompensationsberechtigt anerkannt sind, stehen für 800.000 Arbeitsplätze in Deutschland und Sektoren, wo Deutschland noch mit Global Playern vertreten ist: Stahl, Chemie, Zement, Papier, Glas und Nicht-Eisen-Metalle wie etwa Aluminium und Kupfer. Die Produkte konkurrieren mit „CO2-Preis-freien“ Strompreisen in Staaten wie USA, China, Kanada und anderen. Das heißt, der billigste Strom und damit Kohle oder Kernkraft setzt hier den Preis.

    Immer wieder werden die „Privilegien“ der Industrie kritisiert und müssen politisch gerechtfertigt werden. Das ist verständlich und berechtigt. Denn Verbraucher und Steuerzahler finanzieren die Entlastung der Industrie.

    Angesichts eines auch mit den bestehenden Kompensationen schon extrem hohen Industriestrompreises würden wir aber mit der Reduktion dieser Kompensationen weder der europäischen Wirtschaft noch dem Klima einen Dienst erweisen. Vielmehr sollte man darüber nachdenken, die Kosten des Klimaschutzes breiter zu streuen und nicht den ohnehin schon recht sauberen Strom so sehr damit belasten. 

    Harald Christ ist Chairman der Christ & Company Consulting und übt verschiedene Aufsichtsrats- und Beiratsmandate aus. Der Finanz- und Wirtschaftsexperte ist Mitglied der FDP.

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