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22.01.2021

11:20

Gastkommentar – Expertenrat

Das Kernproblem der Frauenquote: zu wenige Kandidatinnen in unteren Führungsetagen

Frauenfreie Unternehmensvorstände sollen nach dem Willen der Bundesregierung verschwinden. Dafür ist eine intensive Frauenförderung im Mittelmanagement nötig, fordert Klaus Hansen.

Frauen sind in deutschen Vorständen noch immer unterrepräsentiert. dpa

Frau geht durch eine Konzernzentrale

Frauen sind in deutschen Vorständen noch immer unterrepräsentiert.

Lange wurde debattiert, gerungen, gestritten. Am Ende siegten die Anhänger einer Quote für Frauen in Vorständen von börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen.

Dem langjährigen Argument, dass der Markt, ja die Selbstregulierung, die Wende zum Besseren bringt, folgten leider viel zu wenige Taten. Selbst schuld und nicht zu ändern. Deshalb ist es nun umso wichtiger, den Blick nach vorn zu richten und zu prüfen, wie gut Deutschland dabei aufgestellt ist. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In Teilen der Materie kommt Deutschland einem Entwicklungsland gleich.

Aber der Reihe nach. Odgers Berndtson hat 2020 gemeinsam mit dem Datenspezialisten BoardEx den Frauenanteil auf den obersten Führungsebenen von Unternehmen, die in 26 Aktienindizes weltweit gelistet sind, untersucht. Analysiert wurden im Rahmen dieses Global Gender Diversity Report 14.850 Positionen – und das Ergebnis ist keine Überraschung: Die Fortschritte bei der Erhöhung des Frauenanteils auf Vorstandsebene fallen von Land zu Land sehr unterschiedlich aus.

Was aber selbst Optimisten nachdenklich macht: Die Untersuchung ergab, dass der Frauenanteil auf den unteren Managementebenen generell deutlich niedriger ist als im Vorstand, selbst bei den am besten abschneidenden indexierten Unternehmen. Die Schlussfolgerung: Der Frauenanteil in den Vorständen wird in absehbarer Zeit über das geforderte gesetzliche Maß nicht bedeutend steigen.

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    Deutschlands Unternehmen müssen sich in dieser Hinsicht überproportional anstrengen. Dies belegen folgende Zahlen: Während auf Vorstandsebene der Frauenanteil bei 29 Prozent liegt, sinkt dieser in der Betrachtung aller Führungspositionen auf kümmerliche 13 Prozent.

    Handlungsbedarf in Deutschland

    Mancher mag nun einwenden: Deutschland hat es schwerer mit der Quote angesichts der Techniklastigkeit vieler Unternehmen. Schließlich beträgt der Frauenanteil an den Beschäftigten in den sogenannten MINT-Berufen nur rund 15 Prozent. Man kann eben „Frau“ nicht zwingen, Ingenieur oder etwa Elektroniker zu werden.

    Klaus Hansen

    Wer aber mit Deutschlands Schwerpunkt auf Technik argumentiert, sollte sich alle Abteilungen eines Unternehmens anschauen. Und siehe da: Den höchsten Frauenanteil findet man in der Personalabteilung, allerdings arbeiten selbst dort mehrheitlich Männer, nämlich zu 59 Prozent. Damit liegt Deutschland fast 20 Prozent unter dem weltweiten Durchschnitt – ein Armutszeugnis.

    Noch schlechter sieht es in den Rechtsabteilungen mit einem Frauenanteil von 33 Prozent, im Bereich Vertrieb, Marketing und PR mit 27 Prozent und im Finanzbereich mit 16 Prozent aus. Geschlagen werden diese Werte nur noch von dem „General Management“, das auf einen Frauenanteil hierzulande von acht Prozent kommt. Die Crux: Über 50 Prozent aller Vorstände stammen aus diesem Bereich.

    Angesichts dieses Bildes gibt es viel zu tun, um weibliche Führungskräfte zu gewinnen, zu entwickeln, zu unterstützen und zu fördern. Und natürlich auch alle anderen Talente, die einer Minderheit angehören.

    Pool an Kandidatinnen notwendig

    Wer aber gestern nicht im Mittelmanagement intensiv begonnen hat, talentierte Frauen zu entwickeln und zu halten, hat heute keinen Pool an Kandidatinnen, die morgen zur Stelle sind. Diese Firmen müssen entweder auf dem Markt wildern oder faule Kompromisse eingehen, die dann wieder auf das Bild der „Quotenfrau“ zurückschlagen.

    Bleibt also zu hoffen, dass der jetzt durch die Regierung ins Gesicht der Unternehmer geworfene kalte nasse Waschlappen dazu führt, dass endlich konsequenter gehandelt wird als in der Vergangenheit. Und dass wir nach einem vorhersehbaren längeren Tal der Schmerzen irgendwann endlich dazu kommen, dass die Berufung einer Vorständin nicht mehr wegen der Quote, sondern allein wegen der Qualifikation Aufmerksamkeit erzeugt.

    Mehr: Manager stellen immer öfter die Sinnfrage, beobachtet Klaus Hansen.

    Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

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