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28.10.2021

15:24

Gastkommentar – Expertenrat

Fragwürdige Auswüchse im „New Normal“: Gute Führung setzt klare Grenzen

Von: Klaus Hansen

Corona hat die Arbeitswelt verändert. Wohlfühlen wie Cäsar scheint im Job nun das neue Mantra. Geht es dem Unternehmen gut, wenn es den Mitarbeitenden gutgeht – oder doch eher umgekehrt?

Durch Corona hat sich in Unternehmen eine neue Normalität entwickelt. obs

Homeoffice

Durch Corona hat sich in Unternehmen eine neue Normalität entwickelt.

Das „New Normal“ ist da. Was der Kampf gegen die Gewohnheiten über Jahrzehnte nicht geschafft hat, wurde uns durch Corona praktisch über Nacht beschert: Homeoffice, mobiles Arbeiten, swaggy Kleidung und flexible Arbeitszeiten. Und wenn man schon im Wandel ist, dann wird das Unternehmen gleich auch noch auf nachhaltig, l(i)ebenswert und verantwortlich getrimmt.

Viele Vorstände und Geschäftsführer sehen sich plötzlich mit Fragen konfrontiert, die vorher nicht auf der Agenda standen: Wie viele Tage sollen künftig im Büro verbracht werden? Soll die generelle Präsenzpflicht komplett abgeschafft werden? Sind Standards für eine Kleiderordnung noch sinnvoll, etwa auch für die Arbeit von zu Hause? Stimmt eigentlich noch das Leitbild, in dem nichts über Nachhaltigkeit enthalten ist?

Es sind diese Themen, die in Netzwerken wie LinkedIn seit Monaten inflationär diskutiert werden – die herrschende Meinung lässt manchen gestandenen Unternehmer zusammenzucken. Festzustellen ist nämlich eine Unwucht zwischen den normalen betriebswirtschaftlichen Zielen eines Unternehmens und den Wünschen der Belegschaft nach einer oasenhaften Atmosphäre. Wohlfühlen wie Cäsar, überspitzt dargestellt in „Asterix und Obelix“, ist das neue Mantra. Aber ist nicht der primäre Unternehmenszweck das gesunde Wachstum des Betriebs, und folgen nicht daraus alle Wünsche?

Geht es dem Unternehmen gut, wenn es den Mitarbeitenden gutgeht, oder vielleicht doch eher umgekehrt? Das klingt nach dem „Henne und Ei“-Diskurs, ist es aber nicht. Wer schon mal gesegelt ist, weiß: Erst kommt das Schiff, dann der Matrose. Und deshalb gehört bei aller Freude über das berechtigte Infragestellen alter Gewohnheiten und das teilweise Aufbrechen dieser ein gesundes Maß an „Old“ in das „New Normal“ hinein.

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    Es ist gut und richtig, die Belegschaft in diesen Monaten der abschwellenden Pandemie zu befragen, wie viele Bürotage in Zukunft verpflichtend sein sollten und wie viel von zu Hause gearbeitet werden kann. Unternehmen wie Geschäftsführer sollten allerdings nicht den Eindruck erwecken, es ginge hier um eine basisdemokratische Entscheidung. Zunächst sollte die Frage im Vordergrund stehen, was gut für das Betriebsklima ist, inwieweit sich Produktion und Dienstleistungsbereich im Betrieb hierbei voneinander entfernen dürfen, und etwa wie man neue Mitarbeitende integrieren kann.

    Hoody bleibt ein No-Go

    Befassen sollten, ja müssen sich die Unternehmensführer mit dem Problem der Kleidungsunordnung an den Bildschirmen. Was hier dem Auge derzeit präsentiert wird, ist teilweise atemberaubend. Etwas legerer darf es inzwischen zwar sein, aber es sollte bitte nicht alles dem persönlichen Geschmack überlassen werden. Das endet grausam. Der Hoody bleibt einfach ein No-Go.

    Und wenn schon kein Anzug mehr getragen wird, dann doch bitte wenigstens noch ein Hemd mit langen Ärmeln. Persönlicher Geschmack kennt eben keine Grenzen und macht manchmal sehr einsam. Warum erweist man seinen Kollegen und Kunden in der Zoom-Konferenz nicht die gleiche Referenz wie „in persona“?

    Klaus Hansen ist Partner der Personalberatung Odgers Berndtson und leitet die Practices „Board & Chair“ sowie „CEO“ in Deutschland. Für das Handelsblatt schreibt er über aktuelle Themen rund um Topmanager, Führung und Karriere.

    Die Liste ließe sich beliebig verlängern, am Ende geht es aber immer um das Gleiche: gute Führung. Eine Führungskraft, die ihr Handwerk versteht, lässt ihrer Mannschaft Handlungs- und Gestaltungsspielraum, gibt aber einen klaren Rahmen vor und geht mit gutem Beispiel voran. Gewiss: Das Management in Gestalt der Führung von Unternehmen und ihrer Mitarbeitenden ist genauso Trends und Moden unterworfen wie jeder andere Bereich unserer Welt – aber gewisse Standards bleiben.

    Wie viele Tage Homeoffice sinnvoll, wie viele für das Unternehmen verträglich sind, ist am Ende eine sehr individuelle Entscheidung. Überlässt es die Firmenleitung aber der Beliebigkeit, lassen sich negative Entwicklungen kaum mehr zurückfahren. Es braucht klare Ansagen und Vorbilder. Ausnahmen für den Chef kann und darf es dabei nicht geben.

    Unter dem Strich geht es bei allen diesen Fragen darum, zunächst einmal zu klären, was gut für das Unternehmen ist. Und wenn das dann dem einen oder anderen nicht passt, dann ist das zu akzeptieren. Personelle Veränderungen inklusive. Wer versucht, es allen recht zu machen, wird es am Ende niemandem recht gemacht haben.

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