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28.08.2020

20:51

Expertenrat – Marcus Schreiber

Warum Diskriminierung nicht nur verwerflich, sondern auch ökonomisch unsinnig ist

Von: Marcus Schreiber

Vorurteile sind nicht nur für die Gesellschaft ein Problem, sondern auch in der Unternehmensführung. Bei beiden hilft der Blick auf den Menschen.

Der Menschen diskriminiert, vor allem wegen Herkunft und Aussehen, straft sich auch wirtschaftlich selbst. Reuters

Proteste in Washington

Der Menschen diskriminiert, vor allem wegen Herkunft und Aussehen, straft sich auch wirtschaftlich selbst.

Nach dem Tod von George Floyd habe ich, wie hoffentlich viele Führungskräfte, über meine Definition von Rassismus, über unbewusste Vorurteile und meine Einstellungspolitik als Unternehmer nachgedacht. Maßstab in dieser Frage war für mich eigentlich immer Dr. Martin Luther King, der sich ein Amerika wünschte, in dem seine Kinder nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden.

Auf den ersten Blick war ich sehr zufrieden mit mir und stolz auf meine Truppe. Firmen- und Weihnachtsfeiern gleichen mehr und mehr Vollversammlungen der Vereinten Nationen, bei denen die Anzahl der an einem Gespräch beteiligten Nationalitäten aufgrund mehrfacher Staatsbürgerschaften schnell die Anzahl der anwesenden Personen übersteigen kann. Das, so mein Gedanke, sollte man doch als Unternehmer, insbesondere in einer Welt, die so stark über Diskriminierung und Diversifikation spricht, noch viel mehr herausstellen.

Aber dann bekam ich ein schlechtes Gewissen. Erstens, weil ich Dr. Kings Aussage als Aufruf verstanden habe, Hautfarbe und Herkunft keine Rolle spielen zu lassen, und in der Konsequenz jedes ethnische Thema eben gar kein Thema sein sollte. Und zweitens, weil auch der Ökonom und Spieltheoretiker in mir auf den Alarmknopf drückte.

Forscher haben Experimente durchgeführt, bei denen die eine Gruppe Probanden die Gemeinsamkeiten zweier Bilder herausarbeitete, die andere die Gegensätze der Bilder festhalten sollte. Danach wurden beide Gruppen in Verhandlungen geschickt. Die auf Gemeinsamkeiten geeichte Gruppe verhandelte viel kooperativer, die auf Gegensätze gepolte Gruppe aggressiver.

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    Struktureller Rassismus zielt auf Gegensätze ab und stellt diese in den Vordergrund, betont ein „wir gegen die“. Wenn aber in den USA Probleme der Afroamerikaner mit Rassismus, Unterdrückung, Privilegien, nur mit einem „wir und ihr“ erklärt werden, Gegensätze also nicht organisch herauswachsen, sondern bewusst in den Fokus gestellt werden, dann weiß ich nicht, wie das Land je aus seinem Teufelskreis herauskommen soll und Entscheidungsträger auch unterbewusst frei von Vorurteilen werden sollen.

    Diversität als Folge von unternehmerischem Egoismus

    Auch waren meine „Vereinten Nationen“ weder das Ziel noch das Ergebnis selbst gesteckter Diversifikationsquoten. Ich habe die Herkunft und den kulturellen Hintergrund der Bewerber nicht ignoriert, sondern habe mir bei jeder Einstellung sehr bewusst Gedanken gemacht, ob ein Bewerber mit einem starken Akzent, egal ob inländischen oder ausländischen Ursprungs, nicht auf Akzeptanzprobleme im Alltag stoßen wird oder ob ein Bewerber aus einem anderen Kulturkreis Feinheiten zwischen den Zeilen entschlüsseln kann.

    Ich habe mich aus rein unternehmerischem Egoismus für die jeweiligen Bewerber und Bewerberinnen entschieden, weil ich sie richtig gut fand, so viel besser als jeden andere infrage kommenden Kandidaten. Ich habe bewusst sprachliche und kulturelle Herausforderungen in Kauf genommen. Die Zusammensetzung eines Teams ist also unter anderem die Folge eines extremen Wettbewerbs um die besten Talente.

    Und damit wären wir bei den ehemaligen Washington Redskins, der Football Franchise, die nun nach Jahren der Kritik und erst auf Druck der Sponsoren – die nach dem Tod von George Floyd einen Imageschaden fürchteten – die „Rothaut“ aus dem Namen nimmt.

    Die heutige Diskussion um die Namensänderung kann man umso besser verstehen, wenn man die rassistische Vergangenheit der Redskins kennt. Während nach dem Zweiten Weltkrieg Football-Klubs begannen, mehr und mehr farbige Spieler zu rekrutieren und diese auf immer mehr Positionen die besten der Liga wurden, weigerten sich die Redskins bis in die 60er-Jahre ganz offen, schwarze Spieler zu engagieren. Das einzig Schöne an der Geschichte: Der Wettbewerb bestrafte dies gnadenlos. Über 25 Jahre, bis 1970, verpassten die Redskins die Playoffs, und das rassistische Dogma war schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb nicht aufrechtzuerhalten.

    Wer diskriminiert, bestraft sich selbst

    Der afroamerikanische Professor Thomas Sowell ist ein führender Ökonom zur datenbasierten Erforschung der wirtschaftlichen Entwicklung verschiedener Minderheiten in den USA. Seine Studien der 1930er- bis 1970er-Jahre zeigten, dass Minderheiten Karrierechancen vor allem dann vorenthalten wurden, wenn die Entscheider über Jobs und Positionen die negativen Konsequenzen ihres Handelns nicht selbst zu tragen hatten – weder finanziell noch in der eigenen Karriereentwicklung. So waren Universitäten und staatliche Verwaltungen für Juden und Afroamerikaner noch versperrt, als diese in einem viel unternehmerischeren Umfeld bereits erste Durchbrüche verzeichnen konnten.

    Der ultimative Gegensatz sind Show- und Sportstars. Ein Agent, der talentierte Musiker nicht fördert, weil sie schwarz sind, schadet sich selbst. Wer kann mit dem Marktwert von Usain Bolt, Michael Jordan, Tiger Woods und Lewis Hamilton mithalten, welcher sich nicht nur aus ihrem sportlichen Erfolg, sondern ihrem Auftritt, ihrer Aura ergibt? Die Sponsoren entlohnen sie völlig eigennützig für ihre Anziehungskraft, den Zugang zu den Konsumenten und ja, eventuell fällt auch noch etwas für das Inklusionsimage ab.

    Der Wall-Street-Journal-Kolumnist Jason Riley kritisiert in seinem neuesten Buch „False Black Power“ den Versuch, die sozioökonomischen Nachteile durch größeren politischen Einfluss der Afroamerikaner überwinden zu wollen, statt sich auf den Aufbau von Humankapital zu konzentrieren und damit echte Marktmacht zu erlangen.

    Marktwirtschaften können sicher nicht allein Diskriminierung und schon gar nicht tief verankerten Rassismus beseitigen, aber ein durchlässiger Arbeitsmarkt kann durchaus einen erheblichen Beitrag leisten, insbesondere wenn qualifizierte Arbeitnehmer knapp sind. Enorm viele deutsche Mittelständler haben Migranten einen Arbeitsplatz angeboten, teils, um ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, teils aber hat die Personalnot sie gezwungen, offen zu werden.

    Um Benachteiligungen zu überwinden, lässt sich daher nur umso mehr empfehlen, möglichst objektive Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erwerben und sich bei der Studienwahl auf MINT-Fächer zu konzentrieren, um die von Riley beschriebene Marktmacht aufzubauen. Denn jeder Arbeitgeber würde sich letztendlich selbst schaden, gäbe er solchen qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern keine Chance. 

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.


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