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06.03.2022

17:27

Gastkommentar

Die Ungleichverteilung der Impfstoffe ist nicht das Problem

Von: Marcus Schreiber

Es braucht qualitative statt quantitative Maßnahmen. Weltweite Impfkampagnen für Ältere und Vorerkrankte und niedrigere Impfstoffpreise für Entwicklungsländer.

Das Durchschnittsalter in allen Schwellen- und Entwicklungsländern ist deutlich niedriger als in Europa. dpa

Corona-Impfung in Südafrika

Das Durchschnittsalter in allen Schwellen- und Entwicklungsländern ist deutlich niedriger als in Europa.

Ein beliebter, unausrottbarer Mythos der Pandemie ist die These, die Industrieländer würden durch eine Ungleichverteilung der Impfstoffe zu ihrer Verlängerung beitragen. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus betonte in seiner Neujahrsansprache, dass „wir die Pandemie besiegen könnten, wenn wir die ungleiche Verteilung von Impfstoffen beenden würden. Die Industrieländer können sich nicht alleine aus der Pandemie boostern.“ Ähnlich argumentierte IOC-Präsident Thomas Bach bei der Abschlussfeier seiner dystopischen Winterspiele im diktatorischen Peking, als er für eine „faire Verteilung von Impfstoffen“ warb, um wenigstens ein paar Sympathiepunkte zu sammeln.

Die Reaktion auf die Aussage von Ghebreyesus war in der Wissenschaftsgemeinde nicht nur wegen des Begriffs „besiegen“ sehr verhalten. In Gesprächen mit führenden Forschern stellte ich neulich die Frage, wie es denn sein könne, dass nun bereits zum zweiten Mal eine Mutante in Südafrika ihren Ursprung hat, wo dies doch ein Land mit starker Durchseuchung in den ärmeren Bevölkerungsgruppen und hoher Impfquote in den wohlhabenderen Schichten sei.

Mitgenommen habe ich, dass gerade bei Geimpften und Genesenen neue dominante Varianten entstehen, weil sie eben durch zufällige Mutationen das schon aufgerüstete Verteidigungssystem von Geimpften und Genesenen überlisten. Dies bedeutet aber auch, dass wir das Virus nicht „besiegen“ können. Wir können nur eine Lösung suchen, wie wir mit dem Coronavirus besser leben und in eine endemische Situation gelangen.

Damit wären wir bei einer ur-ökonomischen Frage: Wie können wir vorhandene Ressourcen (also Impfstoffe) zur Erreichung eines Ziels (nämlich einer endemischen Situation) idealerweise einsetzen?

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    Es gibt naive Stimmen, die die Beziehungen zwischen ärmeren Entwicklungsländern und reichen Industrienationen als Nullsummenspiel interpretieren. Die Armut der Entwicklungsländer, so die Argumentation, liege nur daran, dass wir in Europa im Überfluss lebten und nicht bereit seien zu teilen. Dieses Verständnis von Wirtschaften als Nullsummenspiel ist eigentlich grober Unfug, hatte aber zu Beginn der Impfstoffproduktion tatsächlich Relevanz. Es gab schlicht und einfach nicht genug davon.

    Jede nach Afrika geschickte Dosis hätte hierzulande gefehlt. Etwas nicht abzugeben, weil man um das Überleben der eigenen Bevölkerung kämpft, ist aber etwas völlig anderes, als nicht zu teilen, weil man in Saus und Braus leben möchte. Zu Beginn der Impfstoffproduktion war es die zentrale Aufgabe unserer Politiker, die notwendigen Impfstoffe erst einmal für die eigene Bevölkerung zu sichern.

    Das Paradoxon: Längere Lebensdauer, mehr Erkrankungen

    Das Spannende ist: Es handelte sich dabei noch nicht einmal um ein Nullsummenspiel, selbst am Anfang der Pandemie. Sehr lange, vielleicht sogar noch jetzt, hätte das Abgeben von beispielsweise zehn Millionen Impfdosen aus Deutschland nach Afrika die Zahl der weltweiten Coronatoten und Schwerkranken erhöht. Wir hätten dann sogar ein „Minussummenspiel“ gehabt.

    Warum? Das Durchschnittsalter in allen Schwellen- und Entwicklungsländern ist deutlich niedriger als in Europa. In Äthiopien beispielsweise ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter 20 Jahre alt und nur etwa zwei Prozent sind über 70. In Deutschland liegt der Altersmedian bei 48 - das heißt, etwa die Hälfte der Bevölkerung ist durch Corona potenziell gefährdet und ein Viertel gehört sogar zur Risikogruppe.

    Paradoxerweise führt der Fortschritt der Medizin zu einer erhöhten relativen Verletzlichkeit unserer eigenen Bevölkerung. Vulnerable Menschen mit Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislaufproblemen und ähnlichen Krankheiten haben viel höhere Überlebenschancen bei uns als in ärmeren Ländern - und sind damit aber auch anfälliger für einen schweren Covid-Verlauf.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.

    Gut, kann man sagen, dies erkläre die vergangenen 18 Monate. Aber was ist mit dem Jetzt? Müssen 18-Jährige einen Booster bekommen, wenn tatsächlich Impfstoffe woanders fehlen? Impfwillige und -fähige Länder wie Brasilien, Peru und Chile haben vergleichbare oder sogar bessere Impfquoten als Deutschland und somit keinen akuten Bedarf an zusätzlichen Dosen. Studien aus dem Jahr 2021 haben ergeben, dass in ärmeren Bevölkerungsgruppen Afrikas schon damals 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung infiziert waren. Das heißt, dass dort schon damals hohe Immunität herrschte.

    Die Herausforderung besteht folglich jetzt weniger darin, Milliarden von Impfdosen zur Verfügung zu stellen, sondern viel mehr, die notwendige Infrastruktur für punktuelle Maßnahmen aufzubauen. Wenn wir als Industrieländer helfen wollen, müssen wir weltweit Kampagnen unterstützen, die gezielt auf Ältere und Vorerkrankte abzielen. Es ist eine Frage der Qualität der Maßnahmen und nicht der Quantität im großen Stil.

    Erzwungene Preisdifferenzierung als unser Beitrag

    Für jedes Entwicklungsland, das unabhängig von seinen Infektionszahlen seine Bevölkerung durchimpfen möchte, ist die Bezahlbarkeit der Impfstoffe ein Thema. Mir ist dabei die Debatte über die gierige Pharmaindustrie, die unbotmäßig verdienen will, völlig unverständlich. Bei all den Billionen, die zur Eindämmung der Pandemie ausgegeben wurden, ist es eigentlich völlig egal, ob die Pharmaunternehmen, die uns durch ihre Innovation ein weitgehend normales Leben ermöglichen, ein paar Milliarden mehr oder weniger verdienen. Eigentlich!

    Bei Medikamenten machen die tatsächlichen Herstellungskosten selten mehr als 10 bis 20 Prozent des Produktpreises aus. Der Rest finanziert die enormen Forschungs- und Zulassungskosten, inklusive der 90 Prozent an Produkten, die niemals eine Marktreife erlangen. Nach einem gewissen Markterfolg eines Medikaments müssten diese Umlagen jedoch refinanziert sein.

    Umso erstaunter war ich, als ich las, dass die Anbieter der mRNA-Wirkstoffe im letzten Spätsommer Preiserhöhungen durchgesetzt haben, just als die Booster-Impfungen begannen und somit für die Hersteller ein unerwarteter zusätzlicher Verkaufserfolg eintrat. Nach jeder gängigen Logik hätten die Preise ab diesem Zeitpunkt sinken müssen. Das roch sehr nach dem Ausnutzen von Marktmacht. Schlimm genug, wenn wir uns das gefallen lassen.

    Wenn wir den ärmeren Ländern die Chance geben wollen, autark zu entscheiden, ob sie in Zukunft breitere Bevölkerungsgruppen durchimpfen wollen, dann sollten wir die Hersteller zur Preisdifferenzierung zwingen, also Impfstoffe für Entwicklungsländer knapp über den reinen Produktionskosten anzubieten. Die Entwicklungsumlagen und den für die Weltrettung wohlverdienten Gewinn übernehmen dann wir in den Industrieländern.

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