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26.11.2021

17:00

Gastkommentar

Eine Triage zum Nachteil der Ungeimpften schützt am Ende: Ungeimpfte

Eine Vorfahrtsregelung für Geimpfte in Krankenhäusern würde helfen, die Trägheit von Ungeimpften zu überwinden. Aus spieltheoretischer Sicht geht es um einen „Big Bang“.

Eine Triage-Regelung würde auch dem letzten Zögerer klar machen, dass es jetzt Zeit ist, sich zu entscheiden. dpa

Krankenhaus

Eine Triage-Regelung würde auch dem letzten Zögerer klar machen, dass es jetzt Zeit ist, sich zu entscheiden.

Spieltheoretiker denken vom Ende her, so auch in der Pandemie. Es war immer klar, dass die erste Phase der Impfkampagne zwar die besonders Vulnerablen in der Gesellschaft schützen muss, aber die wahre Herausforderung im Endspiel liegt – bei der Frage, wie man angesichts der Impfskepsis in Deutschland bei den Erwachsenen eine Impfquote von 85 bis 90 Prozent erreichen kann.

Vor zehn Monaten noch hätten Verhaltensökonomen einen wertvollen Beitrag liefern können, wie die Regierung mithilfe von „Nudging“ (zu Deutsch: „Anstupsen“) wirkungsvolle Impfanreize in der Bevölkerung hätte setzen können, ohne Druck oder gar Zwang ausüben zu müssen. Mit dem Ende des Sommers und Inzidenzen von über 1000 in der Gruppe der Ungeimpften ist jedoch der Zug abgefahren, die Impfquote noch mit sanften, in erster Linie freiwilligen Maßnahmen zu erhöhen. Jetzt hilft leider nur noch das schwere Gerät.

Der Versuch einer Typisierung

Um jetzt pass- und zielgenaue Maßnahmen entwickeln zu können, hilft es, sich die Ungeimpften und ihre jeweiligen Beweggründe und Motivationen anzuschauen. Ganz grob gesprochen gibt es dabei drei dominierende Gruppen: Da sind einmal die ideologischen Impfgegner. Dazu gehören Verschwörungstheoretiker, obskure „Heiler“, aber auch der Brückenbauingenieur Dr. So-und-so, der meint, sich mit mRNA-Impfstoffen besser auszukennen als die geballte weltweite Virologengemeinde. Diese Leute erreicht man ohnehin nicht, und solange man nicht bereit ist, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen und diese mit geeigneten Maßnahmen auch durchzusetzen, sollte man diese Gruppe in Ruhe lassen. Das heißt konkret auch, sich den moralischen Zeigefinger zu sparen, um die Gesellschaft nicht weiter zu spalten.

Die zweite Gruppe sind die impfskeptischen, aber unideologischen Selbstoptimierer und Egoisten. Für sie muss der Unterschied zwischen „geimpft“ und „ungeimpft“ für ihre persönliche Lebensführung und Freizeitgestaltung nur groß genug sein, dann werden sich viele von ihnen doch noch impfen lassen. Also: Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte, Restaurants, Friseure, Fitnesscenter, Sportveranstaltungen, Skifahren, Busse, Bahnen, Flugzeuge, Arbeitsplatz und Auslandsreisen müssen der 2G-Regel unterliegen (und, solange es „brennt“, sogar der 2G-plus-Regel), bis eine ausreichende Impfquote erreicht wird; die persönliche Lust auf den nächsten Mallorca-Trip wird ihren Teil tun, um die Skepsis zu überwinden.

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    Die dritte und spannendste Gruppe ist die der Entscheidungs- und Handlungsträgen. Ich nenne sie die „Prokrastinaten“. Im Herbst gingen Umfragen davon aus, dass ein bis zwei Drittel der Ungeimpften der Covid-Impfung eigentlich latent positiv gegenüberstehen, sie „hätten aber noch ein paar Fragen“, „wären noch nicht dazu gekommen“ oder „sähen wegen ihres jungen Alters keine Dringlichkeit“. Diese Menschen wären eigentlich am einfachsten zu gewinnen.

    In ihrer Gesamtheit erinnern sie an das Phänomen der scheinbaren Irrationalität bei der Organspende. In Ländern, in denen man sich aktiv dafür entscheiden muss, potenzieller Spender zu sein, wie in Deutschland, haben nur etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung einen Organspenderausweis. In Ländern, in denen man automatisch Spender ist, sofern man nicht aktiv dagegen votiert, sind hingegen rund 80 Prozent der Bevölkerung mögliche Organspender. Dieser Unterschied lässt sich nur durch die Trägheit der Menschen bei der Entscheidungsfindung erklären.

    Trägheit der Ungeimpften überwinden

    Wie kann man sich diese Erkenntnis zunutze machen und die latent Impfwilligen zum Handeln bringen? Als die Covid-Inzidenzen wieder stiegen, kamen in unserem föderalen System die neuen 2G- und 3G-Regeln tröpfchenweise. Es gab kein einschneidendes Datum, keinen „Big Bang“, der alle entscheidungsträgen Menschen wachgerüttelt und gezwungen hätte, nun endlich den entscheidenden Schritt zu machen und sich impfen zu lassen.

    Vor einigen Wochen habe ich einem Hamburger Nachrichtenmagazin ein Interview gegeben, in dem ich unter anderem vorgeschlagen habe, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt - nicht sofort, sondern beispielsweise ab dem 15. Januar - eine klare Vorfahrtsregelung für Geimpfte in Krankenhäusern geben sollte, sobald nicht mehr ausreichend Intensivkapazitäten zur Verfügung stehen.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.

    Um eines ganz klar zu sagen: Ich möchte, dass jeder, auch jeder Ungeimpfte, bestmöglich versorgt wird. Niemand soll für seine Haltung oder Entscheidung bestraft werden. Und selbstverständlich müssen letztendlich Mediziner die Überlebenschancen der Patienten einschätzen, die auf ihre Station kommen.

    Wenn aber mehr Patienten um das Überleben kämpfen müssen, als freie Intensivbetten zur Verfügung stehen, sollte und muss es so oder so klare Regelungen geben – und ein Geimpfter hat in diesem Fall zumindest ein moralisches Argument, aber auch medizinisch die bessere Prognose bei zwei ansonsten identischen Patienten.

    Ich bin bereit, für meine Haltung notfalls Geimpften auf den Intensivstationen einen Vorrang einzuräumen, argumentativ zu kämpfen – ich glaube, es trifft den Nerv eines großen Teils der Bevölkerung. In direkten Gesprächen hat mir zumindest noch niemand widersprochen. In ethischen Fragen gibt es aber im Gegensatz zu logischen Fragen kaum absolute Wahrheiten. Ich akzeptiere daher völlig, dass man ethisch eine andere Sichtweise haben kann.

    Wenn der Gesetzgeber zu einem Zeitpunkt überlaufender Intensivstationen die gesetzliche Voraussetzung für solch eine Triage-Regelung schaffen würde, wird zumindest auch dem letzten Zögerer klar, dass es jetzt Zeit ist, sich zu entscheiden. Als Spieltheoretiker geht es mir darum, einen Ankündigungseffekt - eben einen „Big Bang“ - zu schaffen, der die „Entscheidungsträgen“ endlich dazu bringt, sich impfen zu lassen.

    Das Echo, der massive Shitstorm im Netz und jede Menge Widerspruch in klassischen Medien, auf meinen Vorschlag hat gezeigt, dass er genau diesen Zweck bestens erfüllt. Und eine ausreichende Frist gäbe jedem die Chance, einer solchen Triage-Regel durch Impfung zu entgehen.

    Im Zweifel keinen Platz auf der Intensivstation? Das Elegante an diesem Vorschlag ist, dass im Idealfall so viele zum Impfen animiert würden, dass noch vor Eintritt der Frist die Engpässe in den Kliniken durch eine Quasi-Herdenimmunität beseitigt wären, sodass die gesamte Regelung an sich dann auch wieder obsolet wäre.

    Da es sich nun um eine Epidemie der Ungeimpften handelt und genau diese Ungeimpften weit überproportional auf der Intensivstation landen, profitiert von dieser Idee niemand mehr als die vermeintlich Benachteiligten – die Ungeimpften!

    Von

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