Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

02.04.2022

12:53

Gastkommentar

Energiesteuern hoch und nicht runter

Senkungen von Energiesteuern helfen Putin, Ölstaaten und Energiekonzernen. Hohe Energiesteuern und Freibeträge führen hingegen zu Energieeinsparungen, meint Marcus Schreiber.

Trotz schmerzhafter Energiepreise sind die Konsumgewohnheiten oft unverändert. dpa

Erdgasspeicher

Trotz schmerzhafter Energiepreise sind die Konsumgewohnheiten oft unverändert.

Robert Habeck wurde kürzlich in einem Interview gefragt, ob der Ukrainekrieg jetzt nicht die perfekte Gelegenheit sei, die Energiewende voranzubringen. Er hatte geantwortet, dem Leid der Menschen sei nichts Positives abzugewinnen. Ich schließe mich dieser Formulierung uneingeschränkt an, halte mich aber gleichzeitig für einen Optimisten (am Rande der Idiotie) und als solcher hoffe ich, dass Gesellschaft, Politik und Wissenschaft zurzeit viel lernen.

Wir erleben durch den Ukrainekrieg nämlich gerade eine gigantische Feldstudie zur tatsächlichen Reaktion von Autofahrern und Haushalten auf die stark gestiegenen Benzin- und Energiepreise. Bis dato gab es dazu nur modellbasierte Annahmen. Ich habe keine verlässlichen Daten zum Gas- und Ölverbrauch im Januar und Februar gefunden und muss mich daher auf meinen nicht sauber geeichten „Stau-O-Meter“ verlassen mit meiner Schätzung, wie lang der Pendler- und Wochenendstau zu einer gegebenen Uhrzeit in diesen Tagen noch ist. Meine These lautet: die Leute fahren wie eh und je.

Ökonomisch gesprochen erleben wir demnach, dass die Energie-Nachfrage zumindest kurzfristig extrem unelastisch ist. Es fällt den Menschen äußerst schwer, ihr Konsumverhalten anzupassen. Das ist umso bemerkenswerter, als Robert Habeck eine unheimliche „Entschlossenheit und Geschlossenheit“ in der Gesellschaft spürt, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Und trotzdem tut sich nichts.

Holzschnittartig betrachtet gibt es bei der Frage, wie massive Einsparungen beim Verbrauch fossiler Energieträger erreicht werden können, drei Fraktionen. Die erste Fraktion setzt auf Gebote, Verbote und Technologievorgaben. Damit landen wir allerdings schnell bei planwirtschaftsähnlichen Strukturen, wenn die Politik im Detail vorschreiben will, wer für welche Anwendung wie viel Energie verwenden darf.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die zweite Fraktion befürwortet einen echten holistischen CO2-Zertifikathandel. Dabei käme dem Staat die Aufgabe zu, die Erstverteilung der Verbrauchsrechte festzulegen, einen Marktplatz für Haushalte und Unternehmen zum Handel dieser Rechte zu organisieren und darüber hinaus sicherzustellen, dass niemand mehr fossile Brennstoffe verbraucht, als er selbst Verbrauchsrechte zur Verfügung hat. In einer vorherigen Kolumne hatte ich die ökonomische Effektivität einer solchen Lösung verargumentiert, allerdings ist diese so kurzfristig nicht umsetzbar.

    Die dritte Fraktion plädiert dafür, das Verbrauchsverhalten über Preise zu steuern, in dem fossile Energieträger verteuert werden. Diese Fraktion erlebt durch Putins Krieg gerade ihre ungewollte Feuertaufe mit enorm gestiegenen Preisen für Gas und Öl. Ein Fazit nach drei Monaten ist sicherlich etwas früh. Bis dato lässt sich aber sagen: Selbst bei schmerzhaften Energiepreisen sind die Einsparungen zumindest kurzfristig kaum wahrnehmbar. Die Konsumgewohnheiten sind zu starr.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.

    Was also tun, wenn keine dieser Optionen eine Steuerungswirkung entfaltet, gewollt oder verfügbar ist? Als Ökonom, Spieltheoretiker und „Marketdesigner“ bin ich ein leidenschaftlicher Anhänger von strikten Mengentendern, bei denen Rechte für die Nutzung von fossilen Energieträgern über auktions- oder börsenähnliche Prozesse unter den Marktteilnehmern verteilt werden.

    Diese Lösung würde ihre Wirkung bis hin zum Endverbraucher entfalten und hätte zwei enorme Vorteile: Erstens hätte der Staat vollständige Kontrolle darüber, wieviel fossile Brennstoffe tatsächlich verbraucht werden und damit wieviel CO2 in Summe ausgestoßen wird.

    Und zweitens sorgt eine geschickte Erstverteilung der Verschmutzungsrechte im Rahmen eines Zertifikathandels automatisch für den sozialen Ausgleich. Reiche Haushalte haben einen viel höheren Energieverbrauch. Sie müssen ärmeren Haushalten ihre Zertifikate abkaufen. Sozial schwächere Haushalte bekommen auf diesem Weg wiederum die Mittel, um in verbrauchsarme Technologien zu investieren. Und die Menschen und Unternehmen haben dabei auch noch die maximale Freiheit, welche Energieträger sie nutzen wollen. Ein solches System lässt sich allerdings nicht über Nacht einführen.

    Wenn sich also eine Marktlösung über Mengentender, angelehnt an die zweite Fraktion, sich kurzfristig nicht umsetzen lässt und wir keine Rationierung wie in einer Kriegswirtschaft haben wollen - wie von der ersten Fraktion gefordert - können wir nicht auf die Steuerungswirkung von Preisen verzichten. So wie die Preise aber jetzt sind, bewirken sie allerdings so gut wie nichts und erweisen sich trotzdem schon als sozialer Sprengstoff. Was tun?

    Marcus Schreiber: Energiesteuern hoch, nicht runter

    Ganz sicher die falsche Lösung sind die in den meisten Ländern diskutierten, plumpen Senkungen von Energiesteuern. Was hielte Ölexporteure und Energiehändler davon ab, jetzt, nachdem sie gesehen haben, dass die Verbraucher diese hohen Preise zahlen, jede Steuererleichterung durch Preiserhöhungen wieder wettzumachen. Das Ergebnis wäre ein Subventionsprogramm für Putin, Ölstaaten und Energiekonzerne.

    Mein Vorschlag wäre ein hybrides Vorgehen. Einerseits – völlig kontraintuitiv in Zeiten hoher Energiepreise – eine massive Erhöhung der Energiesteuern, sagen wir eine Verdoppelung. Im Gegenzug müsste jeder Haushalt mit einer Steuererklärung Teile seiner Energiesteuern über hohe Freibeträge wieder zurückbekommen.

    Diese Rückerstattung müsste sowohl der Höhe wie auch der Komplexität nach drastisch über Christans Linders Erstattungsvorschlag hinaus gehen. Die Variablen zur Berechnung der Freibeträge müssten Anzahl der Kinder, Entfernung zur Arbeitsstätte, Leben im ländlichen oder städtischen Raum sein. Wenn der Durchschnittshaushalt Freibeträge auf 50 % des Durchschnittsverbrauchs bekommt, hieße das, dass er bei einer Verdopplung der Steuersätze und bei einem Durchschnittsverbrauch steuerneutral behandelt werden würde.

    Dieses Modell würde mehrere schöne Effekte produzieren. Erstens verbrauchen sozial schwache Haushalte im Schnitt weniger Energie und sind preissensitiver. Sie würden daher überproportional von dem Konzept profitieren und netto entlastet werden. Zu erwartende Energieeinsparungen führen zu einem Nachfrageausfall und dieser senkt die Preise für alle.

    Drittens: Wer weiter bei minus zehn Grad zu Hause im Seidenhemd herumlaufen will oder gerne jedes Wochenende mit dem Auto nach Kitzbühel fährt, trägt eben eine stark überproportionale Steuerlast.

    Der Staat hat in diesem Modell nur Einnahmeausfälle, wenn wir auch tatsächlich Energie einsparen, und genau das will er ja fördern. Die Botschaft dieser Lösung ist einfach: Liebe Bürger, verdient Euch Eure Steuereinsparungen durch Euer Verhalten selbst!

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×