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05.05.2021

10:02

Gastkommentar – Expertenrat

Nur 48 Stunden: Wie die Super League zu einem Lehrstück in der Spieltheorie wurde

Von: Marcus Schreiber

Innovationsführer sind oft natürliche Monopole. Doch ab wann missbrauchen sie ihre Marktmacht? Die „Super League“ liefert ökonomische Anhaltspunkte.

Ian Poveda von Leeds United trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Fußball ist für die Fans“. dpa

Spielerprotest gegen die Super League

Ian Poveda von Leeds United trägt ein Shirt mit der Aufschrift „Fußball ist für die Fans“.

Abgesehen von einer – hoffnungslosen – blauen Münchener Liebe, bin ich schon seit meiner Jugend besessener Anhänger des FC Liverpool. Und wie es sich für einen guten Fan gehört, überschlug ich mich in den letzten Tagen mit Vorschlägen, wie potenzielle Teilnehmer der geplanten Super League – einschließlich meines Klubs – am besten bestraft werden könnten: Zwangsabstieg in die vierte Liga, sofortiger Ausschluss der Teams von allen europäischen Wettbewerben und ihrer Spieler von den Welt- und Europameisterschaften – keine Strafe konnte für meinen Furor hart genug sein.

Der kühle, mit dem Fan nur wenig kompatible Ökonom und Spieltheoretiker in mir aber fragt, mit welchem Recht ich das eigentlich verlange. Gerade die englischen Fans haben sich voll und ganz dem kapitalistischen Geschäftsmodell verschrieben. Sie sind stolz, dass sich ihre Vereine die besten Spieler der Welt leisten können. Während in Deutschland das Financial Fairplay und die 50+1 Regel als letzte Bastionen gegen die Auswüchse des Fußballkapitalismus gesehen werden, ist das Narrativ in England ein völlig anderes. Dort werden Investoren als das einzige Mittel angesehen, die immer gleichen nationalen Meister, wie wir sie in den Ligen in Deutschland, Italien und Frankreich sehen, zu verhindern.

In der Tat erinnert der Fußball fatal an die Internetgiganten der neuen globalen Plattformökonomie. Wer die Standards einmal gesetzt und eine kritische Masse erreicht hat, ist als Platzhirsch kaum noch zu verdrängen. Analog gilt dies im Profifußball: Der Verein, der eine Weile oben war, erhält so viel mehr an Fernsehgeldern und Prämien, die Marke strahlt so viel heller, dass er von seinen Wettbewerbern aus eigener Kraft kaum mehr verdrängt werden kann. Man schaue nur auf die Bundesliga.

Das untergräbt nicht nur die Idee des fairen sportlichen Wettbewerbs, sondern auch die Marktwirtschaft als System, das auf Durchlässigkeit beruht und in dem man wirtschaftlich (und beim Fußball eben sportlich) auf- und absteigen kann.

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    Kartellgründer mit Geburtsrechten

    Deshalb kommt dem Kartellrecht in einer Marktwirtschaft auch eine so zentrale Bedeutung zu. Im Bereich der Digitalisierung handelt es sich weitestgehend um natürliche Monopole, die ganz natürlich Marktmacht entwickeln, wie die Beispiele von Google, Booking.com und anderen zeigen. Das Kartellamt muss also weniger überprüfen, ob eine Dominanz besteht, sondern ob diese Marktmacht missbräuchlich verwendet wird.

    Und auch beim Fußball wird es genau bei der Frage des Wettbewerbs spannend. Eigentlich kann man nur schwer von einer marktbeherrschenden Stellung sprechen, wenn die 16 größten Vereine Europas gemeinsam den Großteil des Fernsehmarkts, des Sponsorings und des Franchisemarkts dominieren. Der Rubikon wurde aber dort überschritten, wo diese Vereine ganz offen ein Kartell gründen wollten – ein Kartell, dessen Verfassung es vorsah, dass keiner der Gründer jemals aufgrund von Misserfolg aus der Super League hätte ausscheiden oder neue Vereine dem „Klub der Auserwählten“ hätten beitreten können.

    Nun wäre es gesellschaftlich zwar sehr schade, aber völlig legitim für diese Vereine gewesen, das existierende System komplett zu verlassen und einen eigenen Wettbewerb zu schaffen. Wer will und darf Spieler, Fußballunternehmen und Vereine, die das mit ausreichenden Mehrheiten wollen, davon abhalten, etwas Neues – einen ganz eigenen Markt – zu schaffen? Die Sünde der US-amerikanischen Hedgefonds-Eigner, der russischen Oligarchen und der chinesischen Neu-Milliardäre bestand nicht darin, dass sie Fußball global denken, nicht darin, dass sie den kulturellen Wert des Derbys Mainz 05 gegen Eintracht Frankfurt nicht zu schätzen wissen, und auch nicht darin, dass sie Geld verdienen wollen. Das Ungeheuerliche war vielmehr, dass sie alle Teil des etablierten Ligen- und Verbandssystems (also des existierenden Marktes) bleiben und gleichzeitig jeden Wettbewerb in diesem System zerstören wollten.

    48 Stunden für die Lehrbücher

    Der freiheitlich-marktwirtschaftliche Ökonom in mir schreitet also besten Gewissens, mit dem Messer zwischen den Zähnen, „Seit an Seit“ mit dem bratwurstduftliebenden Fan aus dem Stehblock. Aber auch der Spieltheoretiker musste den entscheidenden 48 Stunden von der Ankündigung der Super-League-Gründer bis zur kompletten Implosion der Idee mit Faszination folgen.

    Ein Lieblingsspielfeld der angewandten Spieltheorie ist das Aufbrechen von Kartellen und kollusiven (von lat: colludere – zusammenspielen) Verhaltens. Ganz grob gesagt, werden Kartelle immer dann instabil, wenn die erwarteten Gewinne der Kartellmitglieder sinken und die Anreize für das Abweichen von den Absprachen möglichst groß werden – und idealerweise bricht man ein Kartell an seinem schwächsten Glied auf.

    Fast lehrbuchmäßig wurde in unserem Beispiel dieses neue Fußballkartell destabilisiert. Die Uefa zeigte sich offen, die Champions League zu „reformieren“ und höhere Einnahmen im alten System zu erlauben, was den nötigen Anreiz zum Ausbrechen aus dem Super-League-Kartell schaffte. Dann machte eine Koalition aus aufgebrachten Fans, drohenden Verbänden und der britischen Regierung („Wir werden alles in unser Macht Stehende tun, dieses Vorhaben zu verhindern!“) eine Teilnahme an der Super League für die Vereine derartig unattraktiv, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis der erste Verein kalte Füße bekam – die anderen fielen dann wie Dominosteine.

    Höhere Einnahmen führen zu hören Schulden

    Am meisten habe ich mich bei alledem über das Gerede der Verantwortlichen der Super League amüsiert, die neuen Einnahmen würden den Fußball auf ein völlig neues Niveau heben. Wenn es einen roten Faden gibt, dann den, dass sich die Vereine mit steigenden Einnahmen auch immer mehr verschuldet haben. Das scheint auf den ersten Blick kontraintuitiv, ist aber logisch.

    Die Vereine planen mit den zukünftigen Einnahmen den zukünftigen Erfolg. Je höher die Einnahmen, desto mehr Schulden kann man stemmen. Da aber die Anzahl an Weltklasse-Fußballern beschränkt ist und diese ohnehin schon bei den Spitzenklubs spielen und auch die Scoutingsysteme und Nachwuchsakademien schon hochprofessionalisiert sind, hat das viele Geld nur einen Effekt: Es führt zu einem stetigen Anstieg der Ablösesummen und Spielergehälter – ein perfektes Spiegelbild dessen, was die Zentralbanken mit ihren Geldpumpen auf den Immobilien- und Aktienmärkten anrichten. Wir Ökonomen nennen dies Asset-Inflation.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.


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