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29.04.2022

18:27

Gastkommentar

Nahrungsmittelspekulanten bekämpfen den Hunger

Das Spekulanten für Hungerkatastrophen verantwortlich sind, ist ein Mythos. Die Spekulationen führen zu einer erhöhten Nahrungsmittelproduktion, sagt Marcus Schreiber.

Ostafrika hat zwei Regenzeiten, in denen von weiten Teilen der Bevölkerung Mais angebaut wird. Zweimal im Jahr fällt nach der Ernte der Preis für Mais dramatisch, da der Markt damit überflutet wird. dpa

Maisanbau

Ostafrika hat zwei Regenzeiten, in denen von weiten Teilen der Bevölkerung Mais angebaut wird. Zweimal im Jahr fällt nach der Ernte der Preis für Mais dramatisch, da der Markt damit überflutet wird.

„Warte eine Sekunde, ich schau mir wegen des Krieges in der Ukraine noch schnell die Weizenpreise an“, rief ich meinem wartenden Freund zu, mit dem ich ein gemeinsames Landwirtschaftsprojekt in Afrika habe und der mit mir zum Abendessen aufbrechen wollte. Er schleuderte mir mit protestantischer Strenge ein „mit Nahrungsmitteln spekuliert man nicht“ entgegen. Dass sogenannte Nahrungsmittelspekulanten nicht nur unmoralisch, sondern auch ursächlich für Hungerkatastrophen sind, ist gerade in Deutschland, dem Land der ökonomischen Analphabeten, eine viel geteilte Scheinwahrheit. Mein ökonomischer Ehrgeiz war gepackt, diesen Mythos auszuräumen.

Ich erklärte meinem Freud also, dass wir im Rahmen unseres Projekts in Afrika entscheiden müssen, ob wir angesichts des Weizenausfalls in der Ukraine, und nur auf Regen vertrauend, erstmals auch Weizen anbauen sollen. Angesichts der klimatischen und landwirtschaftlichen Unwägbarkeiten kommt das für uns aber nur in Frage, wenn wir nicht auch noch das Preisrisiko tragen müssten. Käufer müssen uns gewisse Mindestpreise in sechs Monaten garantieren, sonst ist es ökonomisch nicht sinnvoll für uns.

„Nun,“ antwortete mein Freund, „so etwas wäre ja dann ein reales Warentermingeschäft und keine Spekulation.“ Es sei auch ihm klar, dass Käufer so wie jeder Unternehmer auch Risiken eingehen müssten. Woran er sich störe, das seien die virtuellen Geschäfte mit Nahrungsmitteln an Börsen, womit sich „Finanzspekulanten“ an der Krise bereicherten.

„Aber diese sogenannten „Finanzspekulanten“ liefern doch eine Art Versicherung“, entgegnete ich. Wenn die Käufer von Weizen das preisliche Zukunftsrisiko nicht tragen können oder wollen, ist es für Verkäufer von enormem Nutzen, wenn sie ihre zukünftige Ernte sechs Monate vorher zu jetzt vereinbarten Preisen an Finanzinstitutionen verkaufen können. Es gibt den Bauern Planungssicherheit und das Risiko trägt dann erst einmal die Finanzinstitutionen, die die zukünftige Ernte virtuell erworben hat.

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    Natürlich haben institutionelle Anleger vergangenheitsbezogene Daten bezüglich Erntemengen und modernste Wettermodelle, aber es ist trotzdem eine enorme Unsicherheit und damit Spekulation dabei. Von daher ist der Begriff der „Spekulanten“ schon zutreffend. Risiken (mit Gewinnaussicht) zu tragen ist aber eben auch das Grundprinzip von Versicherungen. Dass solche Versicherungen zu erhöhter Nahrungsmittelproduktion führen, genauso wie Krankenversicherungen zu mehr Gesundheitsdienstleistungen, war meinem Freund, der im Hauptberuf Arzt ist, sofort einleuchtend.

    Mein Freund gab aber nicht so schnell auf. Sofort stand die Frage im Raum, warum diese sogenannten „Futures“ nicht nur an echte Weizenhändler verkauft werden, sondern an der Börse gehandelt werden müssen. „Da sind nun wirklich reine Spekulanten am Werk, die keinen echten Mehrwert leisten“, entgegnete er mir. Die ökonomische Antwort ist einfach: ein Handel auf einem offenen Marktplatz generiert enorm wichtige Preisinformationen für Produzenten und Händler, die Entscheidungen für die Zukunft treffen müssen, aber selbst keine Termingeschäfte eingehen.

    Ein Bauer in Brandenburg wird Schwierigkeiten haben, seine Felder optimal zu bestellen, wenn er keine verlässlichen Informationen zu den künftigen Preisentwicklungen hat. Über das Handeln an der Börse teilen die beteiligten Marktteilnehmer inklusive der Experten großer Investmentbanken ihr Wissen mit der breiten Öffentlichkeit.

    Marcus Schreiber ist Gründungspartner und Chief Executive Officer bei TWS Partners. Er verfügt über langjährige Erfahrung im strategischen Einkauf und breites Branchen-Know-how. Seine Schwerpunkte liegen im Bereich strategischer Einkauf, angewandte Industrieökonomik und Market Design. Außerdem unterstützt er Unternehmen dabei, spieltheoretisches Wissen in komplexen Vergabeentscheidungen anzuwenden.

    Mit dem Stichwort „Investmentbank“ hatte ich in das nächste vorurteilsbeladene Wespennest gestochen. Investmentbanken seien es doch, die in Krisenzeiten große Mengen Weizen physisch aufkauften, sie lagerten, um sie später teurer zu verkaufen. Ja, das Phänomen gibt es wirklich, aber die Investmentbanken machen das, weil sie überzeugt sind, dass Weizen noch knapper wird. Nur dann können sie höhere Preise beim Verkauf erzielen. Der Verkauf von Weizen wird also von Zeiten der Nahrungsmittelknappheit in Zeiten des echten Hungers verschoben. Das klingt unanständig, rettet aber Leben.

    Marcus Schreiber: Ohne Spekulationen verlieren alle

    Dazu ein weiteres Beispiel aus unserem Projekt in Afrika: Ostafrika hat zwei Regenzeiten, in denen von weiten Teilen der Bevölkerung Mais angebaut wird. Zweimal im Jahr fällt nach der Ernte der Preis für Mais dramatisch, da der Markt damit überflutet wird. Sechs Monate später hingegen wird Mais knapp und die Preise steigen - sofern der Staat nicht eingreift.

    Mein Freund und ich hatten uns überlegt, ob wir Mais anbauen sollen. Maisanbau ist aber zu den Preisen, die nach der Regenzeit erzielt werden können, nicht wirtschaftlich. Eine Möglichkeit wäre gewesen, in Maistrocknungsanlagen und Lagerinfrastruktur zu investieren. Das hätte sich für unser Projekt alleine aber nicht gelohnt. Wir hätten Mais von anderen Bauern nach der Ernte aufkaufen und trocknen müssen, um ihn dann in Zeiten der Knappheit zu vermeintlich höheren Preisen zu verkaufen.

    Wir haben den Plan verworfen, weil wir Angst vor staatlichen Preiseingriffen hatten und bei den lokalen Behörden nicht als gierige Spekulanten dastehen wollten. Dennoch, durch unsere „Nicht-Spekulation“ haben alle verloren: Die Kleinbauern, weil sie ihren Mais nach der Ernte zu Niedrigpreisen ohne Alternative verschleudern müssen, genauso wie die Konsumenten, weil sie sich zweimal im Jahr ihr Grundnahrungsmittel (fast) nicht leisten können.

    Natürlich hinterlässt es einen faden Beigeschmack, wenn mit dem Hunger der Menschen unangemessen Geld verdient wird, nur was ist die Alternative? Staatliche Preiskontrollen zerstören Anreize, die Knappheit zu beseitigen, genauso wie ein Verbot von Spekulationen (an dieser Stelle vielleicht besser Verkauf von Versicherungsleitungen genannt). Es würde zu wenig investiert werden in Nahrungsmittel, nach denen der Markt förmlich schreit. Ein freier Marktpreis war bisher immer noch der beste Indikator für die Knappheit eines Gutes und damit ein zuverlässiger Gradmesser für Bauern und Investoren, in welche Güter sie investieren sollten.

    Für uns in Afrika waren die Weizenpreise am Ende nicht hoch genug, als dass wir uns auf das Risiko eingelassen hätten. Das Land geben wir erst mal weiter den Angestellten unseres Projektes vor Ort für den eigenen Maisanbau.

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