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01.10.2018

11:59

Gastbeitrag

Deutschland braucht für die Digitalisierung einen Kompetenz-Radar

Von: Thomas Sattelberger , Yasmin Weiß

Die schleppende Digitalisierung verhindert, dass junge Menschen nötiges Know-how erwerben. Kompetenzlücken müssen deshalb viel früher erkannt werden.

Thomas Sattelberger ist FDP-Mitglied im Bundestag. Yasmin Weiß ist Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg.

Thomas Sattelberger und Yasmin Weiß

Thomas Sattelberger ist FDP-Mitglied im Bundestag. Yasmin Weiß ist Professorin an der Technischen Hochschule Nürnberg.

Die wertvollste Ressource, die Deutschland im globalen Wettbewerb besitzt, sind die „Brainlabs“ in den Köpfen der Menschen, die hier leben. Diese Denkfabriken müssen durch ein funktionierendes Bildungssystem ausgerüstet werden. Dafür ist ein systematisches Frühwarnsystem zum rechtzeitigen Erkennen drohender Kompetenzlücken, insbesondere in neuen Schlüsseltechnologien wie künstlicher Intelligenz, Blockchain oder 3D-Druck dringend erforderlich.

Unser Bildungssystem agiert bislang viel zu träge, um passende Bildungsangebote auf die Straße zu bringen und bei Bedarf Ressourcen umzuwidmen. Sehr deutlich wird dies an zwei Beispielen: Ganze 20 Jahre nachdem Amazon begonnen hat, E-Commerce als Breitenphänomen zu etablieren, ist der Ausbildungsberuf des E-Commerce-Kaufmanns in Deutschland 2018 eingeführt worden.

Ähnlich sieht es im Bereich Data Science aus: Während die Wirtschaft händeringend nach Data Scientists sucht und die Harvard Business Review den Beruf als den „sexiest job of the 21st century“ bezeichnet, gibt es in Deutschland bislang gerade mal 38 Hochschulen, die einen Studiengang in Data Science anbieten, während 3200 Studiengänge in klassischer Betriebswirtschaft angeboten werden.

Wir brauchen nicht nur bekannte übergreifende Metakompetenzen wie ausgeprägte Lern- und Ambiguitätskompetenz, Kreativität und komplexes, vernetztes Denken. Ebenso ist fundierte fachbezogene, sich rasch erneuernde Expertenkompetenz in den Schlüsseltechnologien der Gegenwart und Zukunft erforderlich.

Zudem müssen wir Menschen darauf vorbereiten, auch mit den „unknown Unknowns“ umgehen zu können, also mit bislang unbekannten neuen Anforderungen, die in immer schnelleren Zyklen auf uns zukommen werden. Gefragt ist ein individuelles und volkswirtschaftliches „T-Shape“-Modell der Qualifizierung, das sicherstellt, dass Menschen sowohl in der Tiefe als auch ausreichend in der Breite qualifiziert werden.

An zwei Beispielen wird deutlich, wie weit wir von einem solchen Zielbild entfernt sind: Erstens: Der im Koalitionsvertrag beschlossene „Digitalpakt Schule“ zielt darauf ab, Schülerinnen und Schüler besser auf das Leben und Arbeiten in der digitalen Welt vorzubereiten. Doch mangelt es zur Umsetzung des Digitalpakts an Zehntausenden Informatiklehrern.

Unser Bildungssystem agiert bislang viel zu träge, um passende Bildungsangebote auf die Straße zu bringen und bei Bedarf Ressourcen umzuwidmen.

Zweitens: Zwar ist bekannt, dass Arbeitskräfte fortlaufend weitergebildet werden müssen. Allerdings beklagen laut einer Bitkom-Studie 72 Prozent der Berufstätigen einen Mangel an Zeit und passenden Angeboten für erforderliche Weiterbildungen. Wie ist es möglich, ein sensibles Frühwarnsystem zu etablieren, aus dem konkrete Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können? Für dringend empfehlenswert halten wir den Aufbau eines nationalen Kompetenz-Radars, das mit feinen Antennen in alle Branchen und Sektoren ausgestattet ist.

Dieses soll ermöglichen, besonders relevante Themenfelder der Industrie- und Innovationspolitik im Hinblick auf die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu identifizieren und Trends frühzeitig zu erspüren.

Gespeist werden könnte das System unter anderem aus der weltweiten Auswertung von Daten wie etwa Gründungshäufungen in bestimmten Technologiefeldern (Emerging Fields), Zitationen auf internationalen Konferenzen, Patentanmeldungen sowie räumlichen und fachlichen Wanderungsbewegungen von internationalen Topwissenschaftlern. Auch im internationalen Vergleich würden wir mit einem solchen System zum Best-Practice-Case avancieren.

Welche Fragen müsste ein solcher Kompetenz-Radar beantworten? Erstens: Welche Kompetenzen benötigen wir zur Erschließung von Zukunftstechnologien? Zweitens: Wie groß ist das Delta? Drittens: Welche Maßnahmen müssen Politik, Bildungssystem und Wirtschaft gemeinsam ergreifen?

Kommentar: Deutschland wird seinem Anspruch als Bildungsrepublik nicht gerecht

Kommentar

Deutschland wird seinem Anspruch als Bildungsrepublik nicht gerecht

Deutschlands Bildungssystem bleibt an vielen Stellen hinter seinen Möglichkeiten zurück. Noch immer hapert es bei der Chancengleichheit.

Ein Pilotprojekt, das gemeinschaftlich von acatech, BDI und Hans-Böckler-Stiftung exemplarisch an den Technologiefeldern Data Science und Energiespeichersysteme durchgeführt worden ist, konnte nachweisen, dass die komplexe Planungsaufgabe lösbar ist. Auch gibt es betriebliche Beispiele insbesondere aus dem Hightechsektor, von denen methodisch von der qualitativen Personalplanung gelernt werden kann.

Zudem kann auf existierende Datenquellen wie etwa den BDI-Innovationsindikator zurückgegriffen werden. Die Bundesregierung sollte endlich die systematische Durchführung eines nationalen Kompetenzmonitorings mit integrierter Frühwarnfunktion initiieren.

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