MenüZurück
Wird geladen.

10.01.2019

18:19

Gastbeitrag

Sind genetisch veränderte Menschen noch Menschen?

Von: Sven Gábor Jánszky

Die Frage, was Gentechnik kann und darf, wird eine der wichtigsten des Jahres sein. Deutschland muss aufpassen, dass es den Fortschritt nicht verpasst.

Genetisch veränderte Babys werden in Zukunft zur Normalität gehören. Imago

Eingriff in die Natur

Genetisch veränderte Babys werden in Zukunft zur Normalität gehören.

Zum Jahreswechsel werden wir Zukunftsforscher immer nach den wichtigsten Trends des neuen Jahres gefragt. Dieses Mal ist die Antwort möglicherweise etwas überraschend. Denn es geht um Gentechnik, also eine Technologie, die die meisten Deutschen seit Jahrzehnten ausgeblendet haben, weil sie sie für gefährlich und ethisch problematisch hielten. Doch wie die jüngste Nachricht von einem in China geborenen genmanipulierten Baby zeigt, geht die Entwicklung auch ohne uns weiter.

Auch wenn heute noch viele nach einem Verbot rufen, wir Zukunftsforscher halten die gesteuerte, gezielte Nutzung der Genschere am Menschen bereits im Jahr 2030 für hochwahrscheinlich. Für junge Frauen aus Europa wird dann ein neuer Tourismustrend entstanden sein: die Urlaubsreise nach China, von der man als „Mitbringsel“ einen genetisch-optimierten Embryo im eigenen Bauch mitbringt.

Solche Reisen werden 2030 wohl noch sehr teuer sein. Aber so gut wie jeder wird jemanden kennen, der jemanden kennt, der sich der Prozedur schon mal unterzogen hat. Wenn wir es richtig angehen, könnten wir einem der größten Menschheitsträume näherkommen: einem Leben ohne Krankheiten und Leiden, und das bis ins hohe Alter.

Dürfen wir die Natur korrigieren?

Doch zuvor werden wir eine ausgiebige Debatte darüber führen müssen, was ein Eingriff in das menschliche Genom unter ethischen Gesichtspunkten bedeutet. Die vielen Fragen, die sich stellen, werden nicht leicht zu beantworten sein. Wo setzen wir die Grenzen? Sollen wir einem todkranken Menschen die Gentherapie erlauben, einem anderen jedoch, der einen Gendefekt geerbt hat und sehr wahrscheinlich an Alzheimer erkranken wird, diese aus moralischen Gründen verweigern?

Und was ist mit der alleinerziehenden 40-jährigen Mutter, die sich benachteiligt fühlt, weil sie wegen der Betreuung ihrer drei Kinder zehn Jahre ihres Lebens „nicht leben konnte“ und sich diese durch eine Anti-Aging-Gentherapie zurückholen möchte?

Sven Gábor Jánszky ist Gründer und Chairman des Think-Tanks „2b AHEAD“. 2018 erschien sein Buch „2030 – Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?“. Pressefoto

Der Autor

Sven Gábor Jánszky ist Gründer und Chairman des Think-Tanks „2b AHEAD“. 2018 erschien sein Buch „2030 – Wie viel Mensch verträgt die Zukunft?“.

Am Ende läuft es auf eine Frage hinaus: Was halten wir für menschlich? Halten wir es für menschlich, dass der Mensch sich den Ungerechtigkeiten der Natur unterwirft? Halten wir es für menschlich zu akzeptieren, dass einige Menschen durch zufällige Genmutationen in ihrer DNA todkrank werden und andere nicht?

Dies den betroffenen Menschen zu erklären, sobald die entsprechenden Technologien einsatzbereit und bezahlbar sind, wird alles andere als leicht. Wir werden die ersten Argumente schon im Jahr 2019 brauchen. Denn HIV-positive Eltern, die gesunde Babys haben wollen, gibt es nicht nur in China.

Halten wir es für menschlich, danach zu streben, diese Ungerechtigkeiten in der Natur zu reparieren? Halten wir es für menschlich, alle uns zur Verfügungen stehenden Mittel zu nutzen, um unser Leben zu verlängern? Halten wir den technologischen Fortschritt gar für einen elementaren Bestandteil der menschlichen Evolution? Dann müssen wir darüber nachdenken, wie das menschliche Leben aussehen soll, wenn es viel weniger Krankheiten gibt und wir alle viel länger leben. Vielleicht sogar bis zu 120 Jahren.

So könnte im Jahr 2115 ein Ritual herrschen, dass man zu seinem 100. Geburtstag in ein sogenanntes „Transformation Center“ geht, um dort zu entscheiden, ob und wie man weiterleben will. Macht Technologie gar den Tod optional?

Ideologiekampf zwischen Naturalisten und Technologisten

Wenn Sie mich heute nach einer Prognose fragen, wie diese ethische Debatte in der deutschen Realität enden wird, dann ist es wahrscheinlich, dass hierzulande die „Naturalisten“ gewinnen. Also jene Generation der Spät-68er in der heutigen Elite von Parteien, Medien und Gesellschaft, die derzeit CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke zu einer einzigen großen konservativen Bewahrer-Partei verschmelzen lassen.

Kommentar: Gentechnik sollte nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden

Kommentar

Gentechnik sollte nicht verteufelt, sondern als Chance gesehen werden

Grüne Gentechnik ist auch künftig chancenlos in Europa. Das EuGH-Urteil ist in mehrfacher Hinsicht bitter und droht Deutschland zurückzuwerfen.

Doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Länder wie China und Singapur freizügiger mit den neuen technologischen Möglichkeiten umgehen werden. Das würde auch die deutsche Regierung unter Zugzwang setzen. Die Frage ist: Können wir es zulassen, dass sich die Evolution des menschlichen Körpers in anderen Regionen der Welt schneller entwickelt als bei uns? Oder begeben wir uns damit als Spezies in eine evolutionäre Sackgasse?

Und falls am Ende der Ethikrat tatsächlich empfiehlt, jedwede Formen von Gen-Technologie zu verbieten: Welche Rechte hätten dann jene Menschen in Deutschland, die es als ihre größte persönliche Verantwortung empfinden, für ihre Nachkommen sicherzustellen, dass diese mit der menschlich-technischen Evolution Schritt halten?

Fragen über Fragen – aus Sicht des Zukunftsforschers sind es die wichtigsten des anbrechenden Jahres.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×