MenüZurück
Wird geladen.

21.09.2017

14:39 Uhr

Gastbeitrag zu Wahlprogrammen

Mehr Kapital aus dem Kapitalmarkt schlagen

VonHans-Ulrich Engel

Im Wahlkampf bekam der Kapitalmarkt wenig Aufmerksamkeit. Das Deutsche Aktieninstitut hat die Positionen der Parteien untersucht. Hans-Ulrich Engel benennt problematische Aspekte und macht Vorschläge. Ein Gastbeitrag.

Der Finanzvorstand des Chemiekonzerns BASF ist auch Präsident des Deutschen Aktieninstituts. dpa

Hans-Ulrich Engel

Der Finanzvorstand des Chemiekonzerns BASF ist auch Präsident des Deutschen Aktieninstituts.

Der Wahlkampf in Deutschland hat im September langsam Fahrt aufgenommen. Dominierende Themen scheinen die Flüchtlingsdebatte und soziale Gerechtigkeit zu sein. Andere wichtige Themen werden dagegen zu wenig bedacht. Zu diesen zählen die Chancen, die der Kapitalmarkt zur Gestaltung wichtiger Zukunftsaufgaben bietet, wie zum Beispiel eine attraktive Altersvorsorge und eine stärkere Gründerkultur.

Das Deutsche Aktieninstitut wollte deshalb wissen, welche Positionen die Parteien hierzu vertreten und hat die Parteiprogramme von CDU/CSU, SPD, Grünen, FDP, Die Linke und AfD mit Blick auf kapitalmarktpolitische Themen ausgewertet. Die vollständige Analyse findet sich auf der Webseite des Deutschen Aktieninstituts.

Kritisch zu beurteilen sind die Positionen der beiden großen Parteien zum Thema Altersvorsorge. So tritt die SPD für ein Rentenniveau von 48 Prozent und einen Beitragssatz von 22 Prozent ein. Das wäre angesichts des demographischen Wandels nur durch gewaltige Zuschüsse des Bundes zur Rentenversicherung in Höhe von über 100 Milliarden Euro pro Jahr finanzierbar. CDU/CSU sehen erst ab 2030 Handlungsbedarf beim Thema Altersvorsorge und wollen mit einer noch einzusetzenden Kommission ermitteln, welche Maßnahmen erforderlich sind.

Die Probleme des gesetzlichen Umlageverfahrens liegen auf der Hand: Immer weniger Arbeitnehmer müssen künftig immer mehr Rentner finanzieren. Die Folge: Die Rentenbeiträge steigen, gleichzeitig sinkt das Rentenniveau. Um diese Entwicklung aufzuhalten und die immer größer werdende Lücke in der gesetzlichen Rente zu schließen, müssen die klaren Renditevorteile von Aktien für die Altersvorsorge genutzt werden.

Das gilt für die private und betriebliche Altersvorsorge ebenso wie für die gesetzliche Rente. Ein „weiter so“ darf es in der deutschen Altersvorsorge nicht geben. Das haben die Grünen und die FDP erkannt, die sich für mehr Aktien in der Altersvorsorge einsetzen.

Auch im Bereich der Steuerpolitik besteht Handlungsbedarf. Damit die Renditevorteile von Aktien in der Altersvorsorge auch zum Tragen kommen, dürfen Aktienerträge steuerlich nicht noch mehr belastet werden. Die durch die Doppelbesteuerung auf Unternehmens- und Anlegerebene bereits benachteiligte Aktienanlage würde bei Einführung einer Finanztransaktionssteuer ein drittes Mal belastet!

Und obwohl die Finanztransaktionssteuer ungeeignet ist, die Finanzmärkte zu stabilisieren oder Einnahmen in der erhofften Höhe einzuspielen, halten fast alle Parteien hartnäckig an ihr fest. Dabei wird sie letztlich von Privatanlegern und Unternehmen getragen, auf die die Kosten – wie bei der Mehrwertsteuer – abgewälzt werden. Dies ist völlig inakzeptabel und wird Unternehmen und Privatanleger, wie das Deutsche Aktieninstitut in einer Studie gezeigt hat, zwischen 5 und mehr als 7 Mrd. Euro im Jahr kosten.

Und noch ein weiterer wichtiger Punkt: die Zurückhaltung der Parteien in ihren Programmen, was Verbesserungen der Rahmenbedingungen für Börsengänge angeht. Auch wenn nahezu alle Parteien erkannt haben, dass Deutschland im Bereich Start-ups und Wagniskapital Nachholbedarf hat, schweigen sie sich bei der Frage aus, wie sie Börsengänge besser fördern können.

Dies ist leider ein klares Zeichen dafür, dass die Parteien die Bedeutung der Kapitalmärkte für die Wirtschaft nicht erkannt haben. Dabei leistet ein funktionierender Markt für Börsengänge einen wesentlichen Beitrag zur Finanzierung von Wachstum und Arbeitsplätzen. So zeigt eine Studie der U.S. Treasury Department IPO Task Force, dass 92 Prozent des Beschäftigungsaufbaus in einem Unternehmen nach einem Börsengang erfolgt.

Die Diskussion zu Börsengängen von Start-ups lässt sich gut mit der Debatte um die Nachmittagsbetreuung von Kindern vergleichen: Wer nur über die Betreuung im Kindergarten diskutiert, übersieht, dass es auch der Betreuung in der sich anschließenden Schulzeit bedarf. Unternehmen, die zwar als Start-up und im vorbörslichen Bereich gefördert werden, machen den Schritt an die Börse nicht, wenn Transparenzpflichten und sonstige Vorschriften die Börsennotiz teuer und unattraktiv machen. Nur 37 Börsengänge in dieser Legislaturperiode sind eine verpasste Chance für Arbeitsplätze, Innovationen und Anlagemöglichkeiten.

Für die nächste Bundesregierung gibt es viel zu tun. Es wäre zu unser aller Vorteil, wenn sie dem Kapitalmarkt eine bedeutendere Rolle beimessen und sein Potential besser nutzen würde, als es sich zur Zeit aus den Wahlprogrammen der Parteien ablesen lässt. Denn aus dem Kapitalmarkt lässt sich weitaus mehr Kapital schlagen als gemeinhin angenommen wird.

Dr. Hans-Ulrich Engel ist Präsident des Deutschen Aktieninstituts e.V. Er ist Finanzvorstand der BASF SE in Ludwigshafen, derzeit verantwortlich für die Bereiche, Oil & Gas, Finance, Procurement, Information Services & Supply Chain Operations, Corporate Controlling, Corporate Audit.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×