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20.01.2023

09:00

Gastkommentar

60 Jahre Élysée-Vertrag: Europa braucht eine neue Ära der deutsch-französischen Beziehungen

PremiumDie EU muss derzeit globale Herausforderungen meistern. Das gelingt nur, wenn Paris und Berlin sich auf gemeinsame Positionen einigen, ist Philippe Oddo überzeugt.

Philippe Oddo ist geschäftsführender Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der deutsch-französischen Privatbank ODDO BHF Gruppe.

Der Autor

Philippe Oddo ist geschäftsführender Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der deutsch-französischen Privatbank ODDO BHF Gruppe.

Die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags jährt sich am 22. Januar zum 60. Mal. Konrad Adenauer und Charles de Gaulle haben mit dem Élysée-Vertrag auch, aufbauend auf der Montanunion und den Römischen Verträgen, dem europäischen Integrationsprozess den Boden bereitet.

Der Mut, den über Generationen gepflegten und instrumentalisierten nationalen Ressentiments ein Ende setzen zu wollen, und die Weitsicht wurden belohnt. Die aktuellen geopolitischen Herausforderungen erfordern auch eine neue Ära in den deutsch-französischen Beziehungen.

Heute herrscht erneut Krieg in Europa. Gerade jetzt sollten wir Mut fassen und die Freundschaft wieder vertiefen. Sicher, die Beziehungen zwischen Paris und Berlin waren schon einmal herzlicher. Aber, und das sollte man nicht vergessen, sie waren immer auch von unterschiedlichen Interessen geprägt. Es gilt, diese Motive in maximalen Einklang zu bringen.

Ohne gemeinsame deutsch-französische Position schafft Europa keine Reformen

Denn die Verteidigung des Friedens in Europa, die Sicherheit der Energieversorgung, die Neuordnung der Lieferketten, die ökologische Transformation und die Erzielung einer wirtschaftlichen Balance zwischen Europa, den USA, China und den aufstrebenden Märkten erfordern auf beiden Seiten des Rheins neben Freundschaft auch die deutliche Artikulation gemeinsamer Interessen und Solidarität bei deren Durchsetzung.

Auch in der Wirtschaft beider Länder wünscht man sich gemeinsame Antworten und eine klare Rahmensetzung. Beim Jahresauftakt-Forum unserer Bank mit Hunderten von Unternehmern, Managern und Meinungsführern aus Deutschland und Frankreich sowie internationalen Investoren wurde dies vor dem Hintergrund der globalen Herausforderungen deutlich adressiert.

In letzter Zeit war in Deutschland zu lesen, dass statt Freundschaftsrhetorik nun vor allem mehr Ehrlichkeit im Umgang erforderlich sei: weniger Romantik, mehr Realismus; weniger Vergangenheit, mehr Zukunft. Ich denke, der Schlüssel für die deutsch-französische Zusammenarbeit liegt vor allem in „mehr Zukunft“. Unter Freunden schaut man gern einmal zurück, aber Freundschaft wächst nur durch neue gemeinsame Unternehmungen.

Die Themen dafür liegen auf der Hand. Wir benötigen europäische Lösungen in der Klimapolitik, in der Energieversorgung, bei der Regulierung digitaler Kommunikation sowie in der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Und wir brauchen eine Kapitalmarkt- und Bankenunion, damit Europa im internationalen Wettbewerb bestehen und für Investoren – gerade auch mit Blick auf die Finanzierung der wichtigen Transformationsthemen – attraktiv bleiben kann. Ohne gemeinsame deutsch-französische Positionen in all diesen Bereichen kommt keine europäische Lösung zustande.

Und ohne starke europäische Positionen wird Europa im Wettbewerb mit den USA und China weiter zurück- und als attraktive Alternative ausfallen. Nachkommende Generationen werden uns danach beurteilen.

Deutschlands und Frankreichs Stärken ergänzen sich

Deutschland und Frankreich müssen bei diesen wichtigen Themen unserer Zeit gemeinsam vorangehen und bereit sein, noch mehr Führungsverantwortung in und für Europa zu übernehmen. Und die beiden Länder können das schaffen. Bislang ist Europa aus jeder Krise gestärkt hervorgegangen.

Der Schlüssel für den Erfolg liegt in der Vielfalt Europas und der Komplementarität von Deutschlands und Frankreichs Stärken. Das erlebe ich sehr konkret, da ich seit über fünf Jahren von Dienstag bis Donnerstag in Deutschland und den Rest der Woche in Frankreich arbeite. Der intensive Austausch über Ideen und deren Realisierung – ganz gleich ob am Beginn das eher flexible in Frankreich übliche „concept“ oder das im Detail ausgearbeitete „Konzept“ steht – ist inspirierend, fruchtbar und erfolgskritisch.

Dass beim geplanten Festakt zum Jubiläum auch die „jungen deutsch-französischen Talente“ besondere Beachtung finden sollen, ist ein gutes Zeichen. Schließlich hat das Wort Talent – trotz unterschiedlicher Aussprache – in beiden Idiomen die gleiche Bedeutung: eine, die Zukunftspotenzial impliziert.

Ganz gleich ob Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft, europäische Sicherheit, Innovation und Digitalisierung oder Generationengerechtigkeit – der Gestaltungswille der jungen Generation in Deutschland und Frankreich ist enorm. Zukunft lässt sich nur mit denen gestalten, die sie noch vor sich haben.

Dabei können auch zusätzliche Angebote für einen intensiveren Austausch junger Menschen beider Länder eine größere Rolle spielen, beispielsweise in Form eines europäischen Bürgerdienstes oder eines Erasmus-Programms für junge Arbeitnehmer.

In unserer Jugend sehe ich den Wunsch und den Willen, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen und Freundschaft zu erleben und zu erneuern. Wir sollten diese Chance ergreifen, gemeinsam aus Europas Mitte aktiv eine neue Ära zu gestalten.
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Philippe Oddo ist geschäftsführender Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der deutsch-französischen Privatbank ODDO BHF Gruppe.

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