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06.12.2022

04:00

Gastkommentar

Afrika bietet Lösungen für die aktuellen Krisen

PremiumDer Kontinent hat Rohstoffe, Platz und Sonne für Erneuerbare sowie im Norden eine gute Infrastruktur. Die Politik sollte Investitionen dort erleichtern, fordert Stefan Liebing.

Stefan Liebing ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Conjuncta und Honorarprofessor an der Hochschule Flensburg.

Der Autor

Stefan Liebing ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Conjuncta und Honorarprofessor an der Hochschule Flensburg.

Wenn Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am Mittwoch in Südafrika den „German-African Business Summit“ eröffnen wird, könnte die Lösung zu einigen der aktuellen Krisen in greifbarer Nähe liegen.

Afrika bietet vieles, was Europa dringend benötigt: Rohstoffvorkommen, mit denen wir eine einseitige Abhängigkeit von China reduzieren könnten, sowie günstige grüne Energie für eine klimafreundliche Elektrifizierung afrikanischer Volkswirtschaften. Das verhindert zusätzliche CO2-Emissionen, die andernfalls durch das lokale Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum unvermeidlich wären. Zudem hat der Kontinent riesige Möglichkeiten, Solar- und Windstrom in Form von Wasserstoff nach Europa zu liefern und so die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren.

Vor allem aber ist unser südlicher Nachbar ein geeigneter Standort für den Aufbau von alternativen Wertschöpfungsketten und damit für die industrielle Diversifizierung, die für die deutschen Unternehmen nach Corona so wichtig geworden ist.

Mittelständler reduzieren mit Produktion in Nordafrika ihr China-Risiko

Viele Rohstoffe befinden sich vor allem in West- und Zentralafrika. Grüner Wasserstoff könnte aus der sonnen- und windreichen Region des südlichen Afrikas kommen. Nordafrika dagegen bietet für die deutsche Industrie die Chance, Vorprodukte zu beschaffen oder sie gleich vor Ort weiterzuverarbeiten.

Marokko, Tunesien, Algerien oder Ägypten verfügen über vergleichsweise gut ausgebildetes Personal, geringe Arbeitskosten und eine in vielen Fällen gute Infrastruktur. Häfen sind gut ausgebaut und ermöglichen eine schnelle Anbindung an Europa – zu deutlich geringeren Logistikkosten als etwa China.

Der Kontinent bietet viele Möglichkeiten für die Erzeugung klimafreundlicher Energie. Reuters

Solarmodule in südafrikanischer Mine

Der Kontinent bietet viele Möglichkeiten für die Erzeugung klimafreundlicher Energie.

Die Stromversorgung ist zuverlässig, Währungen sind stabil. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben sich das bereits eine Reihe von deutschen Unternehmen zunutze gemacht. In Tunesien sind mehr als 280 deutsche Firmen mit Niederlassungen und Produktionsanlagen vertreten, in Ägypten 300. Freihandelszonen wie „Tanger Med“ in Marokko ziehen reihenweise europäische Mittelständler an, die sich nicht mehr ausschließlich auf China verlassen möchten.

Friedemann Faerber, Geschäftsführer des Autozulieferers SCS, etwa schrieb mir: „Wir werden Produkte, welche wir bis dato in China produziert hatten, sukzessive nach Marokko verlagern. Treiber hierfür sind zum einen die günstigen Produktionsbedingungen in Marokko, zum anderen die deutliche Preissteigerung in der Logistik. Natürlich sind wir auch besorgt hinsichtlich des Länderrisikos China. Vieles ist für uns unberechenbar geworden.“

Auch andere deutsche Mittelständler lassen sich in der Region nieder wie der Autozulieferer Prettl-Gruppe oder der Elektronikhersteller Kostal. Gerade bei einfacheren und personalintensiven Produktionsprozessen wäre es zu teuer, Werke als Folge der Krisen nach Europa zurückzuholen.

Mehrere parallele Wertschöpfungsketten aufzubauen und somit Ausfallrisiken zu diversifizieren ist für viele Unternehmen aus den Bereichen Zulieferindustrie, Textilien oder Maschinenbau dagegen eine attraktive Option.

Bislang mangelt es für Investitionen in Afrika an Risikokapital, Absicherung und Bürgschaften

Das Haupthindernis für viele Mittelständler ist jedoch die Finanzierung. Banken tun sich häufig schwer damit, Länderrisiken in Afrika objektiv einzuschätzen. Viele verfügen nicht über ausreichend Erfahrung vor Ort.

Dabei sind politische Risiken gut versicherbar und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch nach der Coronakrise noch oft besser als gedacht. Die angedachten Verschärfungen der Bankenregulierung („Basel IV“) würden es allerdings weiter erschweren und vor allem verteuern, Fremdkapital zu mobilisieren, das für die politisch gewollte Diversifizierung der deutschen Wirtschaft notwendig ist.

Auch für Handelsgeschäfte, etwa die Lieferung neuer Maschinen an afrikanische Werke, bestehen Hürden: Hermesbürgschaften sind häufig zu teuer oder mit hohem Selbstbehalt versehen. Daher ist es zwar gut, wenn am Mittwoch in Südafrika die deutsche Wirtschaft auf afrikanische Partner trifft und die Bundesregierung die Konferenz hochrangig begleitet.

Damit Afrika aber dafür sorgen kann, die starke Abhängigkeit Deutschlands von China zu reduzieren, müssen Hausaufgaben vor allem in Berlin gemacht werden.

Der deutsche Mittelstand kann durch Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen wesentlich zur Entwicklung des afrikanischen Kontinents beitragen. Er braucht dafür aber Risikokapital, Absicherung und Bürgschaften.

Und das bedeutet nicht weniger als einen neuen Ansatz in der Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik. Die „Zeitenwende“ wäre der richtige Zeitpunkt dafür, das entschlossen anzugehen.
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Stefan Liebing ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Conjuncta und Honorarprofessor an der Hochschule Flensburg.

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