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06.09.2019

15:18

Gastkommentar

Angela Merkel muss den Regenwald zur Chefsache machen

Von: Eberhard Brandes

Die Industrieländer können sich nicht von ihrer Mitverantwortung für das Amazonas-Gebiet freikaufen. Sie müssen die Ursachen der Entwaldung bekämpfen.

Der Autor ist Vorstand von WWF Deutschland.

Eberhard Brandes

Der Autor ist Vorstand von WWF Deutschland.

Als vor einigen Monaten Notre Dame in Paris brannte, liefen in wenigen Tagen Spendenzusagen in Höhe von fast einer Milliarde Euro ein. Jetzt brennt der größte Regenwald der Erde und wir erleben ein bizarres Theater um lächerliche 20 Millionen Euro, die die größten Industriestaaten (G7) zur Brandbekämpfung und Wiederaufforstung bereitstellen wollen. Unabhängig davon, ob der neue brasilianische Präsident Jair Bolsonaro das Geld nun annimmt oder nicht – die abstruse Debatte zeigt, dass die Dimension des Problems noch immer nicht erkannt wurde.

Aber immerhin, es bewegt sich etwas. Die Tatsache, dass die G7 das Thema bei ihrem Treffen überhaupt auf die Tagesordnung gesetzt haben, ist dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron zu verdanken. Jetzt müssen den Worten schnell Taten folgen. Wir müssen endlich über Sonntagsreden hinauskommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte das Thema zur Chefinnen-Sache machen und sich endlich mit entschiedener Eindeutigkeit zu Wort melden. Es gilt angesichts der dramatischen Lage, den Druck zu erhöhen. Dafür muss sich die gesamte Bundesregierung positionieren und das Freihandelsabkommen zwischen der Europäischen Union und den lateinamerikanischen Mercosur-Staaten nachverhandeln.

Es ist nicht ausreichend, darauf zu verweisen, dass das Mercosur-Abkommen ein Kapitel zu Sozial- und Umweltfragen beinhaltet. Das stimmt zwar, doch es braucht verlässliche und ambitionierte Mindeststandards.

Darüber hinaus fehlen eindeutige Sanktionsmechanismen bei Verstößen. Wenn hier nicht nachgeschärft wird, werden die Brandstifter ein paar Krokodilstränen vergießen, aber danach kräftig weiterzündeln.

Es reicht auch nicht, das Scheckbuch zu zücken: Geld allein wird das Problem nicht lösen. Die Bundesregierung muss zusammen mit den EU-Partnern deutlich machen, dass es im weltweiten Handel nicht nur um Profite, sondern vor allem um eine Zusammenarbeit geht, die auf Werten basiert.

Die Industrieländer können sich nicht von ihrer Mitverantwortung freikaufen. Brandbekämpfung und Wiederaufforstung sind gut, sie bleiben aber nur Symbolpolitik, wenn die Ursachen der Entwaldung nicht angegangen werden.

Eine der Ursachen liegt in Deutschland

Der Schlüssel zur Bekämpfung des Problems liegt in Brasilien, aber auch wir Europäer haben eine Mitverantwortung. Politik, Unternehmen und wir Verbraucher. Eine der Ursachen für die verheerenden Feuer am Amazonas findet sich in deutschen Futtertrögen: Soja.

Allein für die Produktion von Futter für Schweine, Rinder und Geflügel in Deutschland wird eine Anbaufläche so groß wie ganz Hessen benötigt. Ein großer Teil davon kommt aus Südamerika. Hier gilt es anzusetzen.

Weniger Fleisch aus Massentierhaltung zu konsumieren ist nur eine sinnvolle Maßnahme von vielen möglichen. Politik und Wirtschaft dürfen die Verantwortung nicht auf die Verbraucher abwälzen. Wir brauchen eine Handelspolitik, die viel mehr Wert auf Nachhaltigkeit legt.

Hier kommen auch deutsche Unternehmen ins Spiel. Der WWF fordert, dass Unternehmen und Bundesregierung ihre Lieferketten systematisch überprüfen, um sicherzustellen, dass in Deutschland verkaufte Produkte nicht den Amazonas-Regenwald zerstören. Ein EU-Aktionsplan, der diese Fragen regelt, ist längst überfällig.

Der Amazonas, wo zehn Prozent aller weltweit vorkommenden Arten leben, ist im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar. Die Kosten, die für seinen Erhalt nötig sind, stehen in keinem Verhältnis zur ökologischen und wirtschaftlichen Katastrophe, die sein Verlust bedeuten würde. Die rußgeschwängerte Luft über São Paulo war ein düsteres Menetekel, das nicht nur Südamerika, sondern auch anderen Teilen der Welt droht.

Die Brände am Amazonas sind eine Tragödie für die Natur und die Ureinwohner, die in der Region leben. Mittelfristig wird es aber auch die Verursacher des Problems treffen.

Der Regenwald am Amazonas ist eine gigantische Klimaanlage, Regenmaschine und eine gewaltige Kohlenstoffsenke. Wenn es nicht gelingt, den Regenwald zu retten, wird sich der Süden des Kontinents in eine Art Sahelzone in Lateinamerika verwandeln. Dann können auch die Rinderzüchter und Sojabarone ihr Geschäftsmodell vergessen.

Ohne Regen ist keine Landwirtschaft möglich. Und das Erreichen der weltweiten Klimaschutzziele rückt in noch weitere Ferne. Der Amazonas gehört – wie Notre Dame – zum Welterbe der Menschheit. Ihn zu erhalten sind wir uns selbst schuldig.

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