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15.09.2022

04:00

Gastkommentar

Artenvielfalt und ihr Preis

PremiumIm Interesse der Biodiversität muss der globale Norden den globalen Süden finanziell massiv unterstützen, fordert Jörg Rocholl.

Joerg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium. Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

Der Autor

Joerg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium.

Wer kennt sie nicht – die außergewöhnlichen und zuvor nur Insidern geläufigen Tierarten, die wie seinerzeit die Zauneidechse bei Tesla in Grünheide die Ansiedlung neuer Produktionsstätten verzögern oder manchmal sogar verhindern? Die Debatten – wie lässt sich die richtige Balance zwischen Bewahrung von Artenvielfalt und notwendigem Wirtschaftswachstum finden? – müssen aber weit über die Frage hinausgehen, wie die jeweilige Lieblingstierart vor dem Aussterben zu schützen ist.

Denn solche Diskussionen lenken vom Kern des Themas ab. Von zentraler Bedeutung ist vielmehr, dass Artenvielfalt beziehungsweise Biodiversität als Teil der Natur die entscheidende Voraussetzung für das globale Wirtschaftssystem bilden. Die Schädigung der Natur ist nicht einfach ein klassischer externer Effekt wirtschaftlichen Handelns, sondern sie unterhöhlt dessen langfristige Basis.
Zwei Beispiele sollen das illustrieren: Erstens gingen 2020 Bilder um die Welt, als Chinesen die Blüten von Apfelbäumen bestäuben mussten. Der Hauptgrund war, dass Bienen wegen des übermäßigen Einsatzes von Pestiziden als Bestäuber ausfielen – die kostenlose Bereitstellung von Gütern durch die Natur musste von bezahlten Arbeitskräften übernommen werden. Das hatte unmittelbare negative Auswirkungen auf die Bilanz der betroffenen Unternehmen.

Es droht eine Zoonosen-Hochkonjunktur

Das zweite Beispiel geht deutlich weiter: Der Zusammenhang zwischen dem Verlust von Natur und der Ausbreitung von Pandemien. Ursache für viele Pandemien ist die Tatsache, dass Menschen zuvor unberührte Naturlandschaften in landwirtschaftliche oder städtische Lebensräume verwandeln – und so vermehrt mit tierischen Viren in Kontakt kommen. Die wiederum können Zoonosen wie Corona hervorrufen. Zu befürchten ist eine Zoonosen-Hochkonjunktur, sollte die Menschheit ihren Umgang mit der Natur nicht ändern.

Wenn man sich die geschätzten globalen Kosten im zweistelligen Billionenbereich vor Augen führt, die allein die Coronapandemie verursacht, wird schnell klar: Es handelt sich um ein globales Problem von größter Bedeutung. Denn Schutz der Biodiversität dient auch dem Schutz vor weiteren Pandemien. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Warum schafft es das Thema Biodiversität, anders als die Klimakrise, von Ausnahmen abgesehen, nicht ins Zentrum der öffentlichen Debatte?

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    Schließlich ist Artenvielfahrt für das Überleben der Menschheit und ihr wirtschaftliches Wohlergehen genauso wichtig wie der Kampf gegen den Temperaturanstieg. Außerdem sind Klima und Biodiversität eng miteinander verknüpft – nicht zuletzt wegen der Erderhitzung sterben nach Schätzungen der Uno jährlich nicht weniger als 55.000 Arten aus, Tendenz steigend. Ein Grund für die Verengung des Spektrums auf die Klimakrise dürfte darin liegen, dass der Temperaturanstieg leichter zu messen ist als der Verlust an Biodiversität.

    Der Verlust an Biodiversität ist ein Randthema

    Beim Klima reicht das Wissen über zwei wesentliche Bestimmungsgrößen, den Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen sowie die globale Veränderung der Temperaturen. Daher können staatliche Eingriffe wie die Bepreisung von CO2-Emissionen das wirtschaftliche Handeln zumindest grundsätzlich in eine andere Richtung lenken. Der Verlust an Biodiversität ist hingegen deutlich schwerer zu quantifizieren.

    Niemand kann genau beziffern, wie stark das Verschwinden der Zauneidechse oder eines Quadratkilometers Regenwald in die ökologisch-ökonomische Waagschale fällt. Die Folge: Im Gegensatz zur Klimakrise gibt es beim Kampf für den Erhalt der Artenvielfalt keinen dem CO2-Preis vergleichbaren Mechanismus. Allgemein drängt sich der Eindruck auf: Während die Klimakrise angesichts von Dürren, Unwettern und Überschwemmungen immer stärker ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, bleibt der Verlust an Biodiversität ein Randthema – obwohl die Verringerung der Artenvielfalt ebenso dramatisch ist wie der Temperaturanstieg.
    Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer: Im Dezember steht die Uno-Weltnaturkonferenz in Montreal auf der Agenda. Das Treffen, von China geleitet, soll wesentliche Fortschritte bei der Bewahrung der Natur bringen. Die Hoffnungen gehen sogar so weit, dass in Montreal ein ähnlicher Aufbruch für die Biodiversität erzielt werden kann wie 2015 für das Klima mit dem Pariser Abkommen.

    Es braucht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit

    Welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich? Zunächst braucht es eine enge Zusammenarbeit zwischen den Naturwissenschaften und anderen Disziplinen. Nur so lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, welches wirtschaftliche Handeln konkret die Artenvielfalt verringert und wie dieses Wirtschaften stärker für seine schädlichen Folgen zur Rechenschaft zu ziehen ist. Maßnahmen wie eine stärkere Berücksichtigung der Nutzung von Land, Wasser und Meereswegen könnten wichtige Impulse geben.

    Schon wegen der engen Verzahnung von Klimakrise und schwindender Biodiversität bietet sich zumindest anfänglich auch eine dem CO2-Mechanismus ähnliche Bepreisung des Verlusts von Natur an. Längerfristig könnte aber ein separater Mechanismus für die Biodiversität mehr Wirkung erzielen, da er diese Herausforderung sichtbarer machen würde. Klar ist auch, dass viel Kapital mobilisiert werden muss, um den Herausforderungen gerecht zu werden.

    Hier sind staatliche Mittel erforderlich, bei deren Bewilligung die Möglichkeit der Prävention vor weiteren Pandemien in den Mittelpunkt gestellt werden sollte. Die staatlichen Gelder könnten als Prämie für eine Versicherung verstanden werden, die die Menschheit vor weiteren Pandemien schützt – und die Finanzministerien vor massiven Einbrüchen bei den Steuereinnahmen und teuren Hilfsmaßnahmen. Durch die Bepreisung wirtschaftlichen Handelns, das die Artenvielfalt beeinträchtigt, könnte darüber hinaus umfangreiches privates Kapital mobilisiert werden.

    Privates Kapital ist unverzichtbar

    Hinzu käme weiteres privates Kapital, zum Beispiel über Stiftungen mit globaler Ausrichtung. Dieses Kapital müsste gezielt eingesetzt werden, um größere Teile der Natur vor weiteren menschlichen Eingriffen zu schützen. Bereits bestehende Initiativen wie der Weltnaturerbefonds (Legacy Landscapes Fund) sollten finanziell deutlich besser ausgestattet werden. Darüber hinaus erscheint ein globaler sozialer Ausgleich unverzichtbar. Denn die Artenvielfalt ist nicht gleichmäßig über die Erde verteilt, sie konzentriert sich auf bestimmte Regionen – die 25 artenreichsten Gebiete der Erde, meist in Schwellen- und Entwicklungsländern gelegen, machen gerade einmal 1,4 Prozent der Erdoberfläche aus.

    Bislang führt der wirtschaftliche Druck in den Schwellen- und Entwicklungsländern dazu, dass Menschen immer weiter in zuvor unberührte Naturlandschaften eindringen.
    Nachhaltigkeit, das wird an diesem Punkt deutlich, ist in erster Linie eine soziale Herausforderung. Die Erwartung an Montreal ist daher klar: Der globale Norden muss dem globalen Süden bei der Bewältigung der für die Menschheit zentralen Herausforderung auch finanziell massiv unter die Arme greifen. Der Zeitpunkt zum Handeln ist jetzt gekommen. Dabei geht es nicht in erster Linie um Zauneidechsen, sondern um die Zukunft der Menschheit.

    Der Autor: Jörg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium.

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