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17.12.2019

08:57

Insgesamt wird das transformierte Energiesystem zu etwa denselben Kosten zu betreiben sein wie unser altes System. Wenn wir die Entwicklungen aber verschlafen, wird es teurer. dpa

Windpark

Insgesamt wird das transformierte Energiesystem zu etwa denselben Kosten zu betreiben sein wie unser altes System. Wenn wir die Entwicklungen aber verschlafen, wird es teurer.

Gastkommentar

Blockade-Republik Deutschland: Das Wirtschaftsministerium behindert die Energiewende

Von: Klaus Mindrup, Eicke Weber

Die Transformation unserer Energiesysteme wäre ein gigantisches Investitions- und Konjunkturprogramm. Doch das Wirtschaftsministerium bremst sie mit unsinniger Bürokratie aus.

Die Transformation unserer Energiesysteme wird kommen, ökonomisch angetrieben durch rasch fallende Kosten erneuerbarer Energien wie Photovoltaik und Wind sowie sinkende Kosten von Speichern jeder Art. Elektrisch angetriebene Prozesse werden stark zunehmen und somit der Stromverbrauch steigen. Durch die größere Effizienz elektrisch anstatt thermisch angetriebener Prozesse wird parallel der Endenergieverbrauch sinken.

Diese Umgestaltung ist eine außerordentliche Chance: Sie wird nach Beseitigung der augenblicklichen Hemmnisse ein gigantisches Investitions- und damit Konjunkturprogramm auslösen, mit vielen weiteren Innovationen und Arbeitsplätzen, und trägt so zur weiteren Sicherung von Wohlstand und Industrie bei.

Für den benötigten Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland hat sich ein 50:50-Mix aus Sonnen - und Windenergie als vorteilhaft erwiesen. Stromerzeugungskosten werden so sinken, zusätzliche Kosten für Speicherung von Strom und Wärme und für den stabilen Ausgleich des Netzes werden optimiert.

Insgesamt wird das transformierte Energiesystem zu etwa denselben Kosten zu betreiben sein wie unser altes System. Wenn man die externen Umweltschäden des bisherigen Systems mit einbezieht, ist das transformierte deutlich kostengünstiger.

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    Allerdings wird es erheblich teurer, wenn der Wandel nicht entschieden vorangetrieben wird, weil falsche Analysen und darauf aufbauende Regulierungen zu unsinnigen Blockaden führen. Eine falsche Schlussfolgerung ist, dass wir in Deutschland zu wenige erneuerbare Energien betreiben können. Das ist physikalischer Unsinn. Das Potential von Onshore- sowie Offshore-Windparks, Sonnenenergie, Biomasse und Umgebungswärme reicht völlig aus, unseren gesamten Energieverbrauch zu decken.

    Blockieren, bürokratisieren, verteuern

    Volkswirtschaftlich und geopolitisch ist das Streben nach Autarkie aber nicht sinnvoll. Genauso wenig ist es sinnvoll, mit dem Schlagwort „efficiency first“ eine Politik gegen den Ausbau der erneuerbaren Energien zu begründen. Ein Optimum aus Einsparung, Erzeugung in Deutschland sowie Im- und Exporten wird den Weg zur Klimaneutralität zu niedrigen Kosten ermöglichen.

    Heute erzeugen wir erst 17 Prozent unseres gesamten Energieverbrauches in Deutschland durch erneuerbare Energien! Speziell im Stromsektor aber schaffen wir – trotz Ausbaubremsen und unsinniger Bürokratie – schon über 40 Prozent erneuerbare Energie. Damit verbunden sind jährlich fallende Erzeugungskosten.

    Die dezentrale, nutzungsnahe Bereitstellung durch Wind- und Sonnenstrom muss kombiniert werden mit intelligenten Speichern, Batteriesystemen, Pumpspeichern, thermischen Speichern und der Nutzung von Überschussstrom zur Erzeugung von Wasserstoff. Ergänzt wird dieses System durch große Wind- und Solarparks, deren Strom wir vor allem für die energieintensive Industrie brauchen.

    Dieses auf physikalischen Prinzipien basierende Vorgehen steht in einem völlig Widerspruch zur gegenwärtigen Politik des Bundeswirtschaftsministeriums. Dessen Motto heißt offenbar: blockieren, bürokratisieren und verteuern. Blockade-Republik Deutschland.

    Die Angst vor „zu viel Strom“ des Bundeswirtschaftsministeriums macht es Unternehmen sehr schwer, reinen erneuerbaren Strom zu kaufen. Die ortsnahe Selbsterzeugung wird intensiv behindert. Deswegen ist es auch richtig, im Zuge einer Abgabenreform dafür zu sorgen, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und die Zwischenspeicherung in Batterien und die Umwandlung in Wasserstoff oder Wärme nicht mehr mit einer EEG-Umlage belastet werden. Generell muss gelten: Bei Null-Emission von fossilem C02 dürfen keine Abgaben anfallen und bürokratischen Hemmnisse blockieren.

    Eine einmalige Chance

    Die klimafreundliche Stromerzeugung und -verwendung muss für alle schnell, einfach und kostengünstig sein. Am einfachsten wäre es, jetzt zügig das EU „Clean Energy Package“ in nationales Recht umzusetzen.

    Dies würde dazu führen, dass wir in Kürze einen bisher nicht für möglich gehaltenen Ausbau von Wind und PV erleben! Neben dem Bau von großen Wind- und Photovoltaik-Anlagen, werden wir einen Boom von Prosumer-Modellen im Gebäudebereich, riesige Investitionen im Mittelstand, Stromdirektlieferverträge mit 100 Prozent erneuerbaren Stroms und Investitionen in Speicher erleben.

    Dabei müssen wir auch die lokalen Netzbetreiber – vor allem Stadtwerke – stärken und darauf achten, dass es – wie in der Gasstrategie der Bundesregierung gefordert – eine integrierte Planung von Strom-, Gas- und Wärmenetzen gibt.

    Das Stromnetz muss für die Aufnahme wachsender Anteile fluktuierender Einspeisung ausgelegt werden. Durch die Umstellung auf hochautomatisierte Netzknotenpunkte mit lernenden Algorithmen erlebten wir mit dem Anstieg des Anteils erneuerbarer Energie in unserem Stromnetz von unter 10 auf über 40 Prozent eine Senkung der Ausfallminuten von über 20 auf etwa 12 Minuten. Zum Vergleich: Unsere Nachbarn Frankreich und England liegen noch bei über 50 Minuten. Das „Internet der Energie“ garantiert uns eine resiliente Stromversorgung.

    Wasserstoff wird im künftigen Energiesystem eine Schlüsselrolle spielen, für den Brennstoff-Zellen betriebenen Teil der E-Mobilität, wie auch für dekarbonisierte Produktion von Stahl und Baustoffen. Wie wir für die Automobilindustrie eigene Batteriezellenproduktion in Europa aufbauen, sollten wir für unsere Photovoltaik- und Wasserstoffindustrie auch wieder eine eigene Solarzellenproduktion in der EU sichern.

    Es ist unerlässlich, das Energiesystem ganzheitlich zu sehen, einschließlich der Sektorenkopplung zwischen Transport, Industrie und Kraftwerken – von der Wiege bis zur Bahre eine nachhaltige, zirkulare Wirtschaft.

    Diese große Aufgabe sollte nicht als Bürde gesehen werden, sondern als große, einmalige Chance. Wenn wir diese vor der Weltwirtschaft liegende Aufgabe mit Entschlossenheit und Kreativität angehen, wird sie von großen Nutzen sein für unsere Wirtschaft, Arbeitsplätze und letztendlich für die Zukunft unserer Kinder.

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