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11.08.2022

04:00

Gastkommentar

Brandbeschleuniger der Inflation

PremiumAngesichts von Krieg und Krisen sollte die Europäische Zentralbank den Preisauftrieb entschiedener bekämpfen, fordert Volker Wieland.

Volker Wieland ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Währungs- und Finanzstabilität an der Goethe-Universität in Frankfurt. IMAGO/Future Image

Der Autor

Volker Wieland ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Währungs- und Finanzstabilität an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Inflation, Krieg, Energiekrise und Rezession – es gibt auffällige Parallelen zwischen der aktuellen globalen Lage und der Stagflation in den 1970er-Jahren. Damals waren es geopolitische Konflikte wie der Angriff Ägyptens und Syriens auf Israel im Oktober 1973, gefolgt vom Ölembargo arabischer Opec-Staaten gegen Israels westliche Verbündete. Heute sind es Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine, Sanktionen gegen Russland sowie die von Moskau drastisch verringerte Gaslieferung. Gleichzeitig weigern sich die Opec-Länder, ihre Ölförderung deutlich auszuweiten.

Damals wie heute wirken Krieg und Energiekrise als Brandbeschleuniger der Inflation, die freilich schon früher eingesetzt hatte. So lag die Inflation in den USA im April 1973, gut fünf Monate vor dem Jom-Kippur-Krieg, schon bei 5,3 Prozent, in Deutschland waren es sogar 6,3 Prozent. Im September 2021, gut fünf Monate vor dem Ukrainekrieg, betrug die Inflation in den USA 5,4 Prozent und in Deutschland 4,1 Prozent.

In der Pandemie haben Staaten und Notenbanken die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit Transfers, Krediten, Wertpapierkäufen und Niedrigzinsen stark gestützt, während die Produktion und das Angebot an Gütern und Dienstleistungen massiv einbrachen. Dank großzügiger Unterstützung stiegen die Haushaltseinkommen in den USA sogar über das Niveau der Vor-Corona-Zeit. Auch in Europa schnürten die Regierungen ab 2020 umfangreiche Kredit- und Unterstützungspakete. Die Europäische Zentralbank (EZB) begleitete die wachsende öffentliche Verschuldung mit noch umfangreicheren Staatsanleihekäufen.

Biden hat dem Preisanstieg den Kampf angesagt

Kein Wunder, dass im Zuge der wirtschaftlichen Erholung die Preise stiegen. Die Inflationsgrundlage war also bereits gelegt, 2021 stieg sie zügig an. Ein Ende des Ukrainekriegs und ein Rückgang der Energiepreise werden nicht reichen, die Inflationsrate auf etwa zwei Prozent zu senken. Zum Glück werde die Inflation inzwischen ernst genommen und nicht mehr als „vorübergehend“ bagatellisiert, mag man einwenden.

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    Zwar hat US-Präsident Joe Biden mit dem „Inflation Reduction Act“ dem Preisanstieg den Kampf angesagt – doch das Gesetz wird nach Einschätzung des unabhängigen Congressional Budget Office die Inflation nicht reduzieren, aber auch nicht anheizen. Präsident Richard Nixon hingegen hatte Anfang der 1970er-Jahre im Kampf gegen die Inflation weitaus unglücklicher agiert – zunächst mit untauglichen direkten Lohn- und Preiskontrollen, dann ließ er das Bretton-Woods-Wechselkurssystem platzen, was die inflationäre Entwicklung der späteren 1970er-Jahre erst ermöglichte.

    Entscheidend ist derzeit jedoch die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Sie hat den Leitzins, die Federal Funds Rate, seit Mitte März um 2,25 Prozentpunkte erhöht auf jetzt 2,25 bis 2,5 Prozent. Im September dürfte eine Anhebung um weitere 75 Basispunkte folgen. Fed-Chef Jerome Powell rechnet nach eigenen Worten zwar nicht mit einer Rezession, das aber kann sich ändern. Offensichtlich nimmt die US-Notenbank den Kampf gegen die Inflation jetzt ernst – letztlich dürfte sie dabei auch eine milde Rezession in Kauf nehmen. Die Fed hat sehr spät reagiert, dafür jedoch konsequent.

    Die Bundesbank folgte Friedmans Empfehlungen

    Powell agiert nicht wie Arthur Burns, sein Vorgänger in den 1970er-Jahren. Burns vertrat bereits 1970 die Ansicht, dass in dieser „vorübergehenden Periode“ der Kostendruckinflation von einer restriktiven Geld- und Fiskalpolitik zur Inflationsbekämpfung abzusehen sei, um keine schwere Rezession zu riskieren. Stattdessen empfahl er Nixon direkte Lohn- und Preiskontrollen. Burns wissenschaftlicher Gegenspieler Milton Friedman hingegen hatte die zutreffende Position vertreten, der Preisauftrieb könne ohne einen vorübergehenden Rückgang des Wirtschaftswachstums kaum in Schach gehalten werden und die Geldpolitik sei das richtige Instrument, um Preisstabilität zu sichern.

    Friedman argumentierte, Unternehmen könnten steigende Kosten vor allem dann in Form von höheren Preisen weiterreichen, wenn die Notenbank die gesamtwirtschaftliche Nachfrage mit billiger Liquidität stützt. Interessanterweise war es die Deutsche Bundesbank, die in den 1970er-Jahren Friedmans Empfehlungen folgte. Sie setzte sich ein Inflationsziel von zwei Prozent und verfolgte eine pragmatische Strategie, um das Wachstum der Geldmenge zu begrenzen.

    So sorgte sie für zügig steigende Geldmarktzinsen und ließ überdies zu, dass die D-Mark deutlich aufwertete. Die Dreimonatszinsen kletterten in Deutschland 1973 über 14 Prozent und blieben bis Mitte 1974 im zweistelligen Bereich. Die Inflationsrate erreichte Ende 1973 ihren Höhepunkt bei knapp acht Prozent und ging dann zurück. Bis zu einer Zwei vor dem Komma dauerte es zwar noch fast fünf Jahre, aber unter den G7-Ländern gelang es allein Deutschland, zweistellige Inflationsraten zu verhindern.

    Der Fed-Chef braucht einen langen Atem

    Burns ließ zwar die Federal Funds Rate bis 1974 auf zwölf Prozent steigen, setzte aber ab Herbst 1974 auf schnelle Zinssenkungen, obwohl die Inflation zunächst bei zwölf Prozent verharrte. Da die Kapazität der Wirtschaft nicht ausgelastet sei, so Burns, werde der Preisdruck ohnehin nachlassen. Zwar sank die Inflationsrate 1976 kurz auf fünf Prozent, stieg dann aber stetig an und überschritt die Zehnprozentmarke ab 1979 noch einmal deutlich.

    Powell will nicht den gleichen Fehler wie Burns machen, braucht dafür aber einen langen Atem. Im Euro-Raum hingegen drängt sich nicht der Eindruck auf, dass die EZB sich an Friedman und den Erfahrungen der Bundesbank orientieren würde. Die EZB hat den Einlagezinssatz gerade einmal von minus 0,5 Prozent auf null Prozent angehoben. Es gab bereits eine Notfallsitzung, die sich jedoch mit den Zinsaufschlägen für hochverschuldete Staaten beschäftigte und nicht mit der Inflation. Zwar bekunden EZB-Vertreter immer wieder, Preisstabilität habe Priorität. Aber den Worten folgen bislang zu wenige Taten. Man ist versucht, die EZB zu warnen, doch bitte nicht den Burns unserer Zeit zu geben.

    Tankrabatte sind kein geeignetes Mittel

    Und was sollten die Regierungen tun? Tankrabatte und andere Eingriffe zur Abfederung der steigenden Energiekosten können die Inflation kurzfristig etwas senken. Aber weil so die Nachfrage der Haushalte gestützt wird, treiben diese Maßnahmen die Inflation bald wieder an. Besser wäre es, wenn man die hohen Energiepreise wirken ließe, dadurch Einsparpotenziale maximal nutzte – und so möglichst schnell unabhängig vom russischen Kriegstreiber Putin würde.

    Die USA haben nach dem Ölembargo 1973 die eigene Öl- und Gasförderung ausgebaut, insbesondere mit Fracking-Methoden. Sie sind damit zum Gas-Nettoexporteur geworden. Heute hofft Deutschland, nicht zuletzt mit amerikanischem und kanadischem Flüssiggas durch den Winter zu kommen. Dabei gibt es in Norddeutschland förderfähige Erdgasvorkommen, die ein Vielfaches der russischen Importe ausmachen.

    Allerdings: Exploration und Förderung der Vorkommen müssten erst mal genehmigt werden. Ist sich Deutschland dafür zu schade, sollten wir uns nicht wundern, wenn die Gas-Solidaritätsbekundungen unserer Verbündeten eher verhalten ausfallen.

    Der Autor: Volker Wieland ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Währungs- und Finanzstabilität an der Goethe-Universität in Frankfurt.

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