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05.12.2022

11:07

Gastkommentar

Damit die Tech-Welt weiblicher wird, müssen drei Bedingungen erfüllt sein

PremiumInnovation entsteht durch Vielfalt – doch in der Tech- und IT-Branche gibt es kaum Frauen. Dabei gibt es Hebel, wie sich das ändern lässt, meint Christine Regitz.

Christine Regitz leitet das Team von „SAP Women in Tech“. Die IT-Spezialistin ist Aufsichtsrätin sowie Präsidentin der Gesellschaft für Informatik.

Die Autorin

Christine Regitz leitet das Team von „SAP Women in Tech“. Die IT-Spezialistin ist Aufsichtsrätin sowie Präsidentin der Gesellschaft für Informatik.

Mein Lieblingsfach in der Schule? Mathe. 1985 habe ich mich für BWL eingeschrieben, weil es mir der Berufsberater empfohlen hatte. Wäre ich noch mal 19 Jahre alt, sähe ich meine Zukunft in der IT-Branche?

Mit meiner heutigen Erfahrung gewiss. Aber mit dem Kenntnisstand einer Abiturientin? Ich bin mir nicht sicher. Es gibt mehrere Gründe, die dagegensprechen und die Anziehungskraft der IT-Branche oder IT-naher Unternehmen schmälern. Was wir tun müssen, um dies zu ändern.

1. Macht IT-Berufsbilder transparent

Wir alle können uns gut vorstellen, womit sich Ärztinnen und Ärzte oder Rechtsanwältinnen oder Rechtsanwälte beschäftigen. Dagegen bleibt der Arbeitsalltag von Data-Scientists oder KI-Expertinnen und -Experten nebulös.

Es reicht daher nicht, wenn die Tech-Branche mit spannenden Jobs und sehr guter Bezahlung lockt. Wir müssen jungen Mädchen und Frauen besser erklären, was sie bei uns erwartet und wie sie sich weiterentwickeln können.

Warum sie mit IT-Jobs systemrelevant für alle Branchen sind oder den Klimawandel bekämpfen können. Denn Menschen entscheiden sich nicht gerne fürs Ungewisse.

Die Vorstellung, dass in Tech-Konzernen 90 Prozent der Belegschaft von morgens bis abends allein vor sich hin programmieren, ist falsch und schreckt viele Frauen ab. In Wahrheit ist Softwareentwicklung Teamarbeit, und in diesen Teams sind vielfältige Kompetenzen gefragt.

Wir brauchen Menschen, die die Kundenprozesse verstehen und die jeweilige Branche kennen, für die wir die Software entwickeln. Oder benötigen Beschäftigte, die organisatorische Fähigkeiten besitzen und beispielsweise als Scrum-Master unterstützen können. Heißt: In der Tech-Branche ist für jedes Level an Techniktiefe etwas dabei.

2. Lasst weibliche Vorbilder sprechen

Frauen entscheiden sich seltener für MINT-Fächer oder die IT-Branche, weil ihnen weibliche Identifikationsfiguren fehlen. Während jungen Menschen spontan Männer wie Bill Gates, Mark Zuckerberg oder Elon Musk als Leitbilder einfallen, tun sie sich bei weiblichen Role-Models deutlich schwerer, fand die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC heraus.

Nach weiblichen Vorbildern im Bereich Technologie befragt, nannten sie nur eine einzige noch lebende Frau: Angela Merkel. Und ausgerechnet dieser Name verdankt seine weltweite Bekanntheit nicht den Meriten auf dem Gebiet der Physik, sondern der langjährigen Kanzlerschaft.

Das heißt für die Tech-Branche: Wir müssen weibliche Vorbilder sichtbarer machen. Wenn bis 2030 die Hälfte der SAP-Belegschaft weiblich sein soll, müssen wir uns anstrengen.

Mit Initiativen wie SheTransformsIT oder SAP Women in Tech stärken wir daher unsere Expertinnen und bringen sie auf die Bühnen – intern wie extern. Wir helfen ihnen zum Beispiel dabei, inspirierende Präsentationen und Vorträge zu halten; nutzen Storytelling, um die Geschichten dieser Frauen zu erzählen, damit möglichst viele weibliche Talente ihnen nacheifern.

3. Führt Informatik als Pflichtfach ein

Frauen sind in den Informatikhörsälen unterrepräsentiert; laut Bitkom stehen einer Studentin drei Kommilitonen gegenüber. Nur sieben Prozent der Azubis im Bereich Informatik sind Frauen. Das Missverhältnis setzt sich im Arbeitsleben fort.

2021 lag der Frauenanteil in der IT-Branche in Deutschland bei 18 Prozent. Ich bin überzeugt, dass die Zahlen anders aussähen, wenn es in Deutschland in allen Bundesländern verpflichtenden Informatikunterricht gäbe.

Auf dessen Notwendigkeit haben gerade erst ein Gutachten im Auftrag der Kultusminister sowie der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hingewiesen. Ohne Pflichtfach Informatik registriert der Stifterverband deutliche Wissensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Steht Informatik auf dem Stundenplan, seien die Differenzen nahezu ausgeräumt.

Wenn es uns um Chancen- und Geschlechtergerechtigkeit geht, führt am Pflichtfach Informatik kein Weg vorbei. Zu verstehen, wie Software oder digitale Systeme grundlegend funktionieren, sollte zu den Kulturtechniken wie Rechnen, Lesen und Schreiben gehören.

Es gibt aber auch etwas, das ich meinem 19-jährigen Alter Ego raten würde: Wenn du nicht das ganze Leben lang den gleichen Job erledigen möchtest, bist du in der IT-Branche genau richtig.

Denn die Jobprofile verändern sich mit jeder neuen Zukunftstechnologie und mit jeder neuen Herausforderung, der sich Wirtschaft und Gesellschaft stellen müssen.

Die Autorin: Christine Regitz leitet das Team von „SAP Women in Tech“. Die IT-Spezialistin ist Aufsichtsrätin sowie Präsidentin der Gesellschaft für Informatik.

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