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11.08.2021

04:00

Gastkommentar

Das deutsche Bildungsdebakel: Wie Corona das soziale Gefälle in Deutschland weiter verschärft hat

PremiumDie soziale Vererbung von Bildungschancen ist in Deutschland immens. Höchste Zeit für eine Neuorientierung der Schulpolitik, meint Jutta Allmendinger.

Die Autorin ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie zählt laut Handelsblatt-Ranking zu den 100 Top-Frauen, die Deutschland voranbringen. Photothek via Getty Images

Jutta Allmendinger

Die Autorin ist Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). Sie zählt laut Handelsblatt-Ranking zu den 100 Top-Frauen, die Deutschland voranbringen.

Bayreuth 2021: Wagner. Auf der Bühne große Chöre. Wie ist das möglich, mitten im zweiten Corona-Jahr? Die Antwort verblüfft: Die vielen Lippen, die wir verfolgen, singen nicht, sie tun nur so. Tatsächlich gesungen wird in einem Anbau, in Einzelkabinen, das Dirigat von Oksana Lyniw sehen die Mitglieder des Chores auf ihrem Monitor. Der innovative Notbehelf zeigt, was alles möglich ist.

Woanders fehlen solche Konzepte noch immer. Man zieht sich zurück, verweist auf gesundheitliche Risiken, auf Umstände, gegen die nichts zu machen sei. Der Großteil unserer Bildungseinrichtungen unterliegt dieser Vogel-Strauß-Politik. Unweigerlich fühlt man sich an Roman Herzog erinnert: „Uns fehlt der Schwung zur Erneuerung, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, eingefahrene Wege zu verlassen, Neues zu wagen“, sagte der Bundespräsident in seiner Ruck-Rede 1997. Sein Vermächtnis galt dem Bildungssystem, das zum „Megathema unserer Gesellschaft“ werden müsse.

Fast ein Vierteljahrhundert später haben wir, anders als viele Nachbarländer, unsere Kitas und Schulen schnell und ohne Diskussion geschlossen. Selten stellte sich die Politik den vielen Fragen ausgelaugter und entmutigter Mütter und Väter. Entscheidungsrelevant war die Epidemiologie. Andere Risikofaktoren – psychische Belastungen, Gewalterfahrung, Bewegungsmangel – spielten keine Rolle.

Entwicklungsschritte, die der Lernort Schule ermöglicht, das Erproben von Normen des Gebens und Nehmens, der Aufbau von Selbstwertgefühl blieben außen vor. Wenn überhaupt, wurden Lernrückstände thematisiert und auf deren Bedeutung für den Fachkräftemangel verwiesen. Ein Abwägen aller Faktoren gab es nicht. Im Schnitt fehlen unseren Schülerinnen und Schülern nach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung heute 173 Tage Präsenzunterricht.

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    Der von Herzog geforderte Ruck ist verpufft. Bildung wurde nicht zur Nummer eins der Politik. Über zwanzig Jahre lang hatte man Zeit, die digitale Infrastruktur aufzubauen, das Curriculum für das Lehramt entsprechend zu erweitern, die technologische Entwicklung an unsere Schulen zu bringen. Dazu sind viele Monate verstrichen, ohne wirksame Konzepte zu entwickeln, die den Präsenzunterricht nach den Sommerferien 2021 sicherstellen würden.

    Die Pandemie spaltet unsere Gesellschaft

    Ja, das Thema ist mittlerweile in der Politik angekommen, mit großer Verzögerung. Umgesetzt sind die Hygienekonzepte aber noch lange nicht. Und wo finden sich innovative Ansätze? Einzelkabinen wie in Bayreuth können es ja nicht sein. Was aber ist mit digital gestütztem Präsenzunterricht in großen Zelten mit guter Belüftung, der Anmietung zusätzlicher Flächen? Es gibt gute Beispiele. Staatsexamina der Berliner Hochschulen etwa wurden im größten Ballsaal Berlins geschrieben, vor Corona völlig undenkbar.

    Aber in der Fläche? An unseren Schulen? Dort, wo viele Kinder hängen bleiben, weil sie nicht die Förderung erfahren, die andere genießen? Fehlanzeige. So spaltet die Pandemie unsere Gesellschaft weiter. Nicht nur Herzog blieb unerhört. Auch der Aufforderung des Bundesverfassungsgerichts 2010, die gesellschaftliche Teilhabe aller Kinder zu gewährleisten, ist man zu zaghaft nachgekommen. Dem Gericht ging es um jene, die im deutschen Bildungssystem schon immer die schlechtesten Karten haben: um Kinder aus Familien, denen das finanzielle, soziale und kulturelle Kapital fehlt.

    Die soziale Vererbung von Bildungschancen ist in Deutschland immens, der Anteil von Bildungsarmen weiter hoch. Die Ballung in bestimmten sozialen Räumen wird immer massiver. Noch immer werden ungleiche Ausgangslagen durch das Bildungssystem verstetigt, wenn nicht verschärft. Verschärft durch unzureichend ausgestattete Schulen, unzureichende Personalstrukturen, mangelnde Gestaltungsmöglichkeiten der Schulleitungen. Angesichts der vielen Folgen unzureichender Bildung für den gesamten Lebensverlauf unserer Kinder ist das ein Drama.

    Dieses Drama entfaltete sich in voller Stärke während der Pandemie. Jene mit schlechten Ausgangslagen wurden unsichtbar, verschwanden einfach im Hin und Her von Schulschließungen, Wechselmodellen, kopierten Arbeitsblättern, zusammenbrechenden Servern. Sie hatten oft weder die Endgeräte noch einen ruhigen Flecken zum Arbeiten noch Eltern, die helfen oder Nachhilfe organisieren konnten. All das war absehbar. Man ließ die Kinder regelrecht ins offene Messer laufen.

    Das Bildungs- und Teilhabegesetz umbauen

    Angesichts dieser Entwicklung sprach mein Kollege Heinz-Elmar Tenorth bereits im Mai 2020 von einer Refeudalisierung der deutschen Gesellschaft, eine These, die er fast zeitgleich zu meiner Retraditionalisierungsthese formulierte. Das ist kein Zufall. Wie neue Forschungen zeigen, hängen beide Veränderungsdynamiken eng miteinander zusammen. Das Hin und Her in Kitas und Schulen und die damit verbundenen hohen Belastungen für Familien führten dazu, dass selbst egalitär eingestellte Väter wieder meinen, erwerbstätige Mütter könnten nur bedingt liebevolle und sichere Verbindungen zu ihren Kindern herstellen.

    Weitere solcher Rückschritte müssen wir unbedingt verhindern. Neben dem Sofortprogramm des Bundes, das helfen soll, durch Schulschließungen entstandene Schäden zu reparieren, braucht es einen auf Prävention ausgerichteten Umbau unseres Teilhabe- und Sicherungssystems. In einem jüngst erstellten Rechtsgutachten zeigen Michael Wrase und ich, wie gesetzliche Regelungsmöglichkeiten des Bundes ausgestaltet werden könnten, um die Förderung von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern zu verbessern.

    Als Ausgangspunkt wählen wir das bestehende Bildungs- und Teilhabegesetz, welches in drei maßgeblichen Punkten umgebaut werden muss. Es braucht, erstens, eine Umkehr von der bisherigen Hol- zu einer neuen Bringschuld. Müssen die Kommunen heute darauf hinwirken, dass Kinder Angebote bekommen, wäre künftig sicherzustellen, dass die Angebote bei den Kindern auch ankommen. Es braucht, zweitens, alle Maßnahmen unter einem Dach.

    Heute sind die Zuständigkeit für Leistungen des Bildungs- und Teilhabegesetzes völlig zersplittert. Leistungen für Asylbewerber, Wohngeld und Kinderzuschläge kommen von unterschiedlichen Trägern. Bündelt man Zuständigkeiten, werden Leistungen tatsächlich in Anspruch genommen. Heute tut dies nur jede zehnte anspruchsberechtigte Person.

    Was in Opernhäusern gilt, sollte an Schulen selbstverständlich sein

    Wir brauchen, drittens, eine Deckung der Bedarfe. Heute besteht eine starke Bedarfsunterdeckung: Kindern stehen für ihre soziokulturelle Teilhabe nur 15 Euro im Monat zu. Das ist zu wenig. Es bedarf einer relativen Berechnung der Bedarfshöhe, wie sie in der Armutsbestimmung Standard ist. Gleiches gilt für die digitale Ausstattung, gerade bei bedürftigen Kindern ist diese völlig unzureichend.

    Die Reform unseres Bildungs- und Teilhabegesetzes, das Recht auf Ganztag, inklusive Beschulung, multiprofessionelles Personal an unseren Schulen und der Mut, ungleiche Voraussetzungen unserer Kinder mit ungleichen Maßnahmen zu begegnen, machen unser Bildungssystem besser und auch krisenfester. Roman Herzog formulierte in seiner Ruck-Rede: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ In Bayreuth hat man das verstanden. Was in Opernhäusern geht, sollte an unseren Schulen eigentlich selbstverständlich sein.

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