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02.03.2020

11:01

Gastkommentar

Das Ende von Streetscooter ist ein Armutszeugnis für Deutschland

Von: Günther Schuh

Die Deutsche Post stellt die Produktion des Elektrotransporters ein. Mitgründer Günther Schuh sieht dahinter ein grundsätzlicheres Problem für den Standort.

Der Autor ist Professor für Produktionssystematik an der RWTH Aachen und CEO des Elektroautoherstellers Ego Mobile. Gemeinsam mit Achim Kampker gründete er 2010 die Streetscooter GmbH, die 2014 an die Deutsche Post verkauft wurde. imago/wolterfoto

Günther Schuh

Der Autor ist Professor für Produktionssystematik an der RWTH Aachen und CEO des Elektroautoherstellers Ego Mobile. Gemeinsam mit Achim Kampker gründete er 2010 die Streetscooter GmbH, die 2014 an die Deutsche Post verkauft wurde.

Steve Jobs wollte den iPod in das Nokia-Handy integrieren. Das Handy war nicht gut genug dafür. Ein eigenes Smartphone entwickeln? Unmöglich! Er hat es trotzdem gemacht. Jeff Bezos glaubte schon 1994 an den globalen Onlinehandel, zunächst für Produkte wie Bücher, und gründete Amazon. Eigentlich schon das: unmöglich! Fast alles, was Elon Musk bisher gewagt hat, war jeweils nahezu unmöglich: Paypal, Tesla, Gigafactory, SpaceX, Hyperloop!

Auch bei uns gibt es die Macher, die das Unmögliche wagen. VW-Chef Herbert Diess ist so einer, der den wahnwitzigen regulatorischen Angriff auf die Autoindustrie beherzt annimmt und das Unmögliche wagt, einen etablierten Markt in unrealistisch kurzer Zeit zu drehen, um damit der ökologisch notwendigen Mobilitätswende eine wirtschaftliche Chance zu geben.

Womöglich rettet er damit einer ganzen Branche die Existenz. Wenn man ihn lässt. Wenn wir ihn unterstützen. Wenn wir uns an den Erfolgen freuen und nicht auf das Scheitern warten. Denn, es ist eigentlich unmöglich. Das haben wir gerade wieder am Beispiel Streetscooter gesehen.

Wenn wir uns nämlich doch mal trauen, ein unmögliches Projekt zu starten, dann fehlt uns schnell das Geld und wir fallen in die Hände derjenigen, die Deutschland nach den Sparkassenregeln führen: „Investitionen so klein wie möglich, Ertrag muss sicher sein und der Break-even morgen.“

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Standort erkennen

    2010 haben wir auf dem RWTH-Aachen-Campus den Streetscooter erfunden. Nicht nur ein auf den Zustellerzweck optimiertes Postfahrzeug, das schlagartig den maximalen CO2-Effekt unter den urban eingesetzten Fahrzeugen erzielt. Wichtiger ist das nachhaltigkeitsorientierte Aachener Produktionssystem IoP, das darauf abzielt, Überkapazitäten und Überproduktion, das Kernproblem der heutigen Automobilproduktion, radikal zu minimieren.

    Auch Tesla läuft noch in diese Capex-Falle (Investitionsausgaben, Anm. d. Red). Streetscooter bekam den Auftrag der Deutschen Post DHL, weil die etablierten OEMs (etablierte Autohersteller, Anm. d. Red.) die kleinen Stückzahlen für ein spezifisches Zulieferfahrzeug mit ihrem Produktionssystem nicht wirtschaftlich anbieten konnten.

    Inkarnation der Langsamkeit

    Um den Auftrag wirklich zu bekommen, mussten wir der DHL eine Beteiligung an Streetscooter anbieten. Ein typischer Konzernreflex im Möglichkeits-Deutschland. Nach der Due Diligence wollte die Post sogar die Mehrheit an Streetscooter. Ich fragte: „Warum wollen Sie Autohersteller werden?“ Antwort: „Wir wollen die Kontrolle und wir wollen schnell sein.“

    Es folgte die Inkarnation der Langsamkeit. Der externe Vertrieb wurde drei Jahre gestoppt, die Internationalisierung auch, das geplante Re-Engineering-Programm ebenso, normale Beschaffungen wurden verschleppt, das Management wurde rausgeschmissen, Amateure wurden eingesetzt, die Bestellungen der eigenen Post-Flotte minimiert, jegliche Verbesserung wurde verboten – und auf eine Gelegenheit gewartet, das Geschäft unter einem Vorwand einzustellen.

    „Auch bei uns gibt es die Macher, die das Unmögliche wagen.“ Bloomberg/Getty Images

    Günther Schuh (l.) mit VW-Chef Herbert Diess

    „Auch bei uns gibt es die Macher, die das Unmögliche wagen.“

    Das Coronavirus ist nun diese Gelegenheit. Ich bin fünf Jahre raus bei Streetscooter, aber es tut mir leid um die 500 tollen Mitarbeiter, die an das Unmögliche geglaubt haben und die Deutschland jetzt dringend braucht. Sie sind an die Grenzen des Möglichen gekommen. Hätte man uns doch die Kontrolle gelassen! Oder wiedergegeben.

    Warum schaffen wir das Unmögliche nicht mehr wie früher? Was ist aus Erfinder-Deutschland geworden? Wir sind immer noch vorn dabei bei Patenten und tausenden inkrementellen Innovationen, gerade aus dem Mittelstand. Aber warum überlassen wir die großen Disruptionen anderen?

    An unseren Kompetenzen und Fähigkeiten im Engineering-Valley Germany liegt es nicht. Kein E-Auto, keine automatisierte Fahrfunktion, kein Display, keine Batterie in der Welt kommt ohne veredelte Rohstoffe, Sensoren, Steuerungen und andere Zulieferkomponenten von deutschen Technologieunternehmen oder ohne deutsche Maschinen und Anlagen aus.

    Immer noch kein adäquater Wettbewerber

    Wir schaffen das Unmögliche nicht, weil wir es gar nicht erst versuchen. Das Silicon Valley ist uns deshalb so haushoch überlegen, weil dort ein ganzes Ökosystem tagtäglich nach dem Unmöglichen sucht, das Kunden begeistern und die Welt verbessern könnte. Wir suchen eher nach kleinen, machbaren Ideen.

    In Kalifornien ein Autounternehmen aufzubauen war ungefähr so schwer wie eine Brauerei in der Wüste hochzuziehen. Dort gab es keine anderen Autohersteller, keine Zulieferer, keine Engineering-Dienstleister, keine Anlagenbauer. Ein perfekt trainiertes Möglichmacher-Ökosystem um Elon Musk hat es trotzdem mit zahlreichen Milliardären und einem überlegenen Private-Equity-Angebot geschafft.

    Die heutige Bewertung von Tesla am Kapitalmarkt beinhaltet die Fähigkeit, das Unmögliche schaffen zu können. Streetscooter hatte auch Unmögliches geschafft. Immerhin gab es acht Jahre danach immer noch keinen adäquaten Wettbewerber.

    Aber Streetscooter wurde weder eine ausreichende Finanzierung noch ein realistischer Zugang zum Kapitalmarkt gewährt. Schade für Deutschland. Hoffentlich werden dadurch nicht zu viele entmutigt.

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