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27.06.2022

04:00

Gastkommentar

Das Verbot von Fracking in Deutschland gehört auf den Prüfstand

PremiumZur Sicherung der Energieversorgung müssen wir jedes Mittel prüfen. Je mehr Gas wir aus Fracking beziehen, umso schneller klappe der Kohleausstieg, sagt Andreas Pinkwart.

Andreas Pinkwart (FDP) ist noch Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen. International School of Manageme

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Andreas Pinkwart (FDP) ist noch Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der Beginn des brutalen Angriffskriegs von Russland gegen die Ukraine wurde zu Recht als Zäsur empfunden. Das unvorstellbare menschliche Leid, das damit verbunden ist, hat zu einer großen internationalen Solidarität und einer breit getragenen Sanktionierung Russlands geführt.

Damit verbunden ist in Deutschland auch eine sicherheits- und energiepolitische Zäsur, der Bundeskanzler Olaf Scholz mit dem Begriff der „Zeitenwende“ einen angemessen tiefgreifenden Charakter zugeschrieben hat.

Im Jahr 2021 bezog Deutschland 55 Prozent des Erdgases, 35 Prozent des Erdöls und 50 Prozent der Steinkohle aus Russland. Eine radikale Umkehr – von der überragenden Abhängigkeit von russischen Energieimporten hin zur Diversifikation der Lieferländer und Energieträger – erfordert zwingend den Verzicht auf jegliche Denkverbote. Einer Zäsur oder Zeitenwende mit unveränderten Abwehrhaltungen zu begegnen ist ein Ausdruck von Ignoranz, die wir uns moralisch und wirtschaftlich nicht leisten können.

Moderne Technik mindert die Umweltrisiken von Fracking

Angesichts der unsicheren und dynamischen Lage und einer russischen Führung, die nicht mit Drohungen spart, zwingen die unzureichenden Speicherstände beim Gas zu konkreten Drosselungsszenarien – mit allen einzukalkulierenden Konsequenzen für unseren heimischen Industriestandort. Die vergangene Woche ausgerufene Alarmstufe im Notfallplan Gas sollte jedem die Dramatik der Krise bewusst gemacht haben.

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    Zur Vermeidung der letzten Notfallstufe und für die Sicherung der Energieversorgung müsste eigentlich jedes Mittel geprüft werden. Doch die Zeitenwende ist hier nur bedingt spürbar.

    Nicht nur eine mögliche Verlängerung der Laufzeiten der sicheren deutschen Kernkraftwerke wurde schnell vom Tisch genommen, auch das Thema heimischer Gasförderung erreicht bis heute nicht den Stand einer ernsthaften, sachgerechten und evidenzbasierten Diskussion.

    Fracking, also das Aufbrechen von Gas-Lagerstätten mittels hydraulischer und chemischer Hilfsmittel, ist nach einer von verzerrten Katastrophenszenarien dominierten öffentlichen Debatte faktisch für Deutschland als Möglichkeit beerdigt worden.

    Das Wasserhaushaltsgesetz verbietet den Einsatz für unkonventionelle Lagerstätten (Schiefer-, Ton- oder Mergelgestein oder Kohleflözgestein) zur Aufsuchung oder Gewinnung von Erdgas.

    Eine erneute Prüfung des Verbots ist nicht nur mit Blick auf die neuen energiepolitischen Realitäten notwendig. Sie kann angesichts der international stetig weiterentwickelten Technologie und entsprechender Regelwerke – etwa hinsichtlich des Bohrplatzdesigns, der Bohrlochsicherheit, der Zusammensetzung der Frack-Fluide und weiterer umfangreicher Maßnahmen zur Risikominimierung – auch zu neuen Ergebnissen führen. Dazu könnten nach dem Gesetz bereits jetzt mögliche Probebohrungen zu wissenschaftlichen Zwecken wertvolle Erkenntnisse beitragen.

    Durch Fracking könnte Deutschland 10 bis 15 Prozent seines jährliches Verbrauchs decken

    Bereits eine von der Bundesregierung eingesetzte unabhängige Expertenkommission kam 2021 nach Auswertung mehrerer internationaler Studien zu dem Schluss, dass „sich die Umweltrisiken aufgrund von Fracking unkonventioneller Lagerstätten durch eine angepasste Steuerung und Überwachung der Maßnahmen minimieren lassen“. Das setze die Anwendung modernster Techniken und ein strenges Monitoring während und nach der Betriebsphase voraus.

    Grafik

    Angesichts der gegenwärtigen Situation muss die sorgfältige und ergebnisoffene Prüfung aller denkbarer Optionen zur Minderung der Gas-Importabhängigkeit von Russland ein gemeinsames Ziel von Land und Bund sein.

    Dazu gehört, die Möglichkeit des Frackings in Schiefergas- und Kohleflözgas-Lagerstätten unter Berücksichtigung aktueller Erkenntnisse und moderner Techniken neu zu evaluieren – auch wenn nach den notwendigen Plan- und Genehmigungsverfahren letztlich nur ein Teil der Potenziale mittelfristig für die Deckung des heimischen Bedarfs genutzt werden könnte.

    Diese Potenziale sind aber groß: Experten rechnen damit, dass Deutschland nach einer Aufhebung des Fracking-Verbots und der Erteilung der notwendigen Genehmigungen bereits kurzfristig zehn bis 15 Prozent seines jährlichen Verbrauchs aus heimischen Quellen decken könnte.

    Die weltweite Nachfrage nach Flüssiggas (LNG) wird in den kommenden Jahren weiter steigen – und mit ihr die Preise. Neben der Versorgungssicherheit spricht also auch die Perspektive der Preisstabilisierung für eine Prüfung aller Energieversorgungsoptionen ohne Denkverbote.

    Die finanzielle Perspektive ist noch aus einem weiteren Grund interessant: Tatsächlich benötigen wir für die Energiewende enorme Investitionen. Die Steuereinnahmen, die durch die Gewinnung heimischer Energieträger anfallen, können für die Transformation des Energiesystems genutzt werden.

    Das einschlägige Zieldreieck von Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und Klimafreundlichkeit erfährt in der aktuellen Krisensituation Druck an allen drei Seiten. Auch für den Klimaschutz sind das schwere Zeiten.

    Die Bundesregierung füllt seit Monaten die Gasspeicher, um auf einen Lieferstopp vorbereitet zu sein. dpa

    Gasspeicher

    Die Bundesregierung füllt seit Monaten die Gasspeicher, um auf einen Lieferstopp vorbereitet zu sein.

    Das Ziel der Klimaneutralität, die wir bis zum Jahr 2045 erreichen wollen, darf aber nicht infrage stehen. Der massive Ausbau der erneuerbaren Energien als Klima-schützende und Unabhängigkeit-stützende „Freiheitsenergien“ mag nun hoffentlich den nötigen zusätzlichen Schwung bekommen.

    Wir sollten energiepolitische Verantwortung übernehmen

    Es gilt weiterhin, die Planungs- und Genehmigungsverfahren massiv zu beschleunigen. Doch selbst die ambitioniertesten Ausbaupläne kommen nicht umhin, eine Brücke zur angestrebten Dominanz der erneuerbaren Energien zu bauen.

    Bislang war Gas als eine solche Brücke eingeplant. Diese Brücke hat nun erheblich an Stabilität eingebüßt. Wer sie nicht mit allen verantwortbaren Mitteln stützen will, muss also andere Brücken stärker belasten.

    Wenn der Ausstieg aus der Kernkraft auch angesichts der völlig veränderten Lage nicht verschoben werden soll, dann kann diese stärker zu belastende Brücke nur Kohle sein. Auf eine verstärkte und verlängerte Nutzung der Kohlekraftwerke können wir nicht verzichten – mit allen schädlichen Folgen für die Erreichung unserer Klimaziele.

    Umso wichtiger wäre es dann aber, diese verstärkte und verlängerte Nutzung so klein und kurz wie möglich zu halten und die klimafreundlichere Brücke, die die Energiegewinnung aus Gas darstellt, bei gleichzeitig beschleunigtem Ausbau der erneuerbaren Energien, der Netze und Speicher zu stabilisieren.

    Je mehr Gas wir aus sicheren Quellen beziehen können, umso weniger Kompromisse müssen wir beim Zeitplan zum Kohleausstieg machen. Neben der energiepolitischen Frage ist die Prüfung von Fracking übrigens auch eine Frage der Fairness: Als Energieimporteur blenden wir das Risiko, das in anderen Ländern für die Gewinnung von Rohstoffen kalkuliert wird, gerne aus.

    Durch Fracking gewonnenes Gas findet etwa über die neuen LNG-Terminals den Weg aus den USA nach Deutschland. Auch die Niederlande arbeiten an einer Ausweitung der heimischen Gasförderung. Im europäischen Stromverbundnetz profitiert Deutschland bei Unsicherheiten ebenfalls von den Kraftwerksparks unserer Nachbarländer.

    Dass wir scheinbar nicht bereit sind, unsererseits mehr energiepolitische Verantwortung zu übernehmen, wirkt nun vollends aus der Zeit gefallen. Nicht gern Gesehenes in andere Länder „outzusourcen“ ist eine Strategie, die auch moralisch der „Zeitenwende“ nicht gerecht wird.

    Der Autor: Andreas Pinkwart (FDP) ist noch Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen.

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