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27.01.2020

16:24

Gastkommentar

Datenschutz ist ein Motor für die Digitalisierung

Von: Ulrich Kelber und Andreas Wigger

Lange musste der Datenschutz als „Bremse“ für eine bessere Datenorganisation herhalten. Dabei war es die fehlende Investitionsbereitschaft.

Ulrich Kelber ist Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, Andreas Wigger ist Jurist in der Datenschutzbehörde. Getty Images, privat [M]

Ulrich Kelber und Andreas Wigger

Ulrich Kelber ist Bundesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, Andreas Wigger ist Jurist in der Datenschutzbehörde.

Seit 2007 wird am 28. Januar der Europäische Datenschutztag begangen. Der Europarat hat das Datum gewählt, weil an dem Tag im Jahr 1981 die Europäische Datenschutzkonvention unterzeichnet worden ist. Auch außerhalb der EU beginnt das Jahr mit dem Thema: In Kalifornien ist zum Jahreswechsel ein Datenschutzgesetz in Kraft getreten, das sich an die europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) anlehnt.

Da verwundert es nicht, dass auf der diesjährigen Consumer Electronics Show in Las Vegas auch der Datenschutz diskutiert wurde. Die Datenschutzbeauftragte von Apple, Jane Horvath, war dieses Jahr vor Ort und erklärte, warum ihr Unternehmen versucht, den Datenschutz in der Produktentwicklung von Anfang an mitzudenken.

Dabei dürfte Apple nicht nur einen Startvorteil in Sachen Datenschutz-Konformität haben, sondern es wird auch ein wesentlicher Wettbewerbsvorteil deutlich. Horvath stößt in den USA eine Debatte an, die hierzulande leider noch nicht geführt wird: Datenschutz ist gut für den Wettbewerb und fördert die Investitionen in die Digitalisierung. Und dies gilt nicht etwa nur für Digitalunternehmen, sondern auch für die Industrie.

In Deutschland reden wir nicht erst seit gestern von der immensen Bedeutung der Digitalisierung. Das Thema beschäftigt uns bereits seit Jahrzehnten, ohne dass sich viel getan hätte: Trotz unzähliger Appelle durch Verbände und Politik finden sich gerade in der für Deutschland so wichtigen Industrie häufig veraltete Maschinen und Systeme.

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    Auch Kunstbegriffe des politischen Marketings wie „Industrie 4.0„ und „Künstliche Intelligenz“ vermochten deutsche Unternehmer nicht zu den notwendigen Investitionen zu motivieren. Gerade die IT-Systeme und -Anwendungen werden nur als notwendiges Übel betrachtet. Statt zu investieren wurde lieber gespart und aufgeschoben, veraltete Systeme und Maschinen wurden so lange wie möglich verwendet, Kosten gedrückt.

    Fehlende Struktur führt zu Datenfriedhöfen

    Die Folgen sind nicht überraschend: Die Strukturen der IT-Systeme sind historisch gewachsen und häufig durch provisorische Ad-hoc-Lösungen zusammengeflickt. Und nichts lebt länger als ein Provisorium. Mangels notwendiger Dokumentation wissen IT-Mitarbeiter häufig gar nicht, wie ihre Vorgänger die Systeme verändert haben. Schon bei der bloßen Wartung laufen sie von einer unerwarteten Panne in die nächste. Die Struktur der Systeme ist dabei ungewollt so löchrig geworden wie ein Schweizer Käse.

    Hinzu kommt, dass kaum noch jemand weiß, welche Daten eigentlich wo und wie häufig abgelegt sind. Ein Horror auch für die Analysten des Unternehmens, die versuchen, Daten und Organisation zu strukturieren. Die Konsequenz sind unnötige Mehrfachspeicherungen, Datenfriedhöfe und mangelnde Effizienz. In der Summe gibt es keinen Überblick über das eigene Informationskapital und eine katastrophale IT- und Datensicherheitslage.

    Lange musste der Datenschutz als Sündenbock herhalten. Er war „Hemmnis“ und „Bremse“. Dabei war nie der Datenschutz die Ursache, sondern die fehlende Investitionsbereitschaft, wie die tatsächliche Entwicklung zeigt: Mit der DSGVO wurde der Sanktionsrahmen für Datenschutzverstöße deutlich angehoben. Dadurch nahmen die obersten Managementetagen die Vorgaben erstmals bewusst wahr.

    Dabei gibt es in Deutschland bereits seit einem halben Jahrhundert Datenschutzgesetze. Die DSGVO fordert noch stärker als zuvor Rechenschaftspflichten für die Rechtskonformität ein. Wer Daten verarbeitet, muss immer mehr belegen, dass er dabei die Auflagen des Datenschutzes beachtet. Diese gesetzlichen Vorgaben und die hohen Sanktionsandrohungen waren für einige Firmen wohl ausschlaggebend, um trotz der Kosten einen „DSGVO-Frühjahrsputz“ zu machen. Bei der Inventarisierung personenbezogener Daten wurde auch weiteres wertvolles Informationskapital erfasst, und es wurden bisher unerkannte Schätze gehoben.

    Es ist auffällig, dass Unternehmen, die in die Einhaltung der DSGVO investiert haben, mehrheitlich bei der Digitalisierung besser dastehen. Am schlechtesten schneiden die Unternehmen ab, die trotz der zweijährigen Umsetzungsfrist und der seit einem Jahr anwendbaren Verordnung keine Anstrengungen zur DSGVO-Compliance unternommen haben.

    Das ist schade, da aktuelle Studien der IT-Berater Capgemini Research Institute und Cisco die Wettbewerbs- und Digitalisierungsvorteile durch DSGVO-Investitionen deutlich belegen. Bei datenschutzbewussten Unternehmen ist die Datenschutz-Grundverordnung treibende und hochwirksame Kraft für eine digitale Modernisierung. Nur sie werden sich als wettbewerbsfähig erweisen. Das zeigt auch die Debatte in den USA. Es ist wünschenswert, dass alle Firmen dies erkennen und die DSGVO als Wettbewerbsvorteil nutzen.

    Sie ist Motor und nicht Bremse der Digitalisierung und hat es nicht verdient, als Sündenbock für schlechtes Management herzuhalten. Es ist Zeit, die DSGVO endlich als das zu sehen, was sie auch ist: Deutschlands Digitalisierungs-Chance!

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