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22.02.2019

12:47

Gastkommentar

Der Markt für Scharlatanerie boomt

Von: Moisés Naím

Der Markt für Scharlatanerie boomt in der Politik in bisher ungekanntem Maße. Wir müssen lernen, dass Demokratie mehr Einsatz erfordert als zur Wahlurne zu gehen.

Moisés Naím ist Chefredakteur der Zeitschrift „Foreign Policy“. Er war Handels- und Industrieminister von Venezuela und geschäftsführender Direktor der Weltbank.

Der Autor

Moisés Naím ist Chefredakteur der Zeitschrift „Foreign Policy“. Er war Handels- und Industrieminister von Venezuela und geschäftsführender Direktor der Weltbank.

Vor sechzig Jahren lief auf CBS ein erfolgreicher Western namens „Trackdown“. In einer prophetisch anmutenden Folge mit dem Titel „Das Ende der Welt“ kommt ein Hausierer in eine typische Kleinstadt im Wilden Westen und trommelt die Stadtbewohner zusammen, um ihnen eine wichtige Neuigkeit zu verkünden.

Es werde eine „kosmische Explosion“ geben, die das Ende der Welt einläute, erzählt er. Aber er könne sie retten. Er – und nur er ganz allein. Um zu überleben, müssten sie eine Mauer um ihre Häuser bauen und spezielle Regenschirme verwenden, an denen die vom Himmel herabregnenden Feuerbälle abprallen – und die er ihnen verkaufen könne. Der Name des Scharlatans, der in dieser Folge die Hauptrolle spielt? Trump. Walter Trump.

In dieser Folge versucht Hoby Gilman, ein Texas Ranger mit gesundem Menschenverstand, seine Nachbarn davon zu überzeugen, Trump keinen Glauben zu schenken. „Wie lange wollt ihr diesen Hochstapler noch in der Stadt herumlaufen lassen? Er ist ein Betrüger!“, lässt er sie wissen. Genau wie sein Namensvetter im wirklichen Leben ein halbes Jahrhundert später beauftragt der Trump aus dem TV-Western Anwälte, um Kritiker und Rivalen auszuschalten: Walter Trump droht, Texas Ranger Gilman zu verklagen.

Scharlatane und Hochstapler gab es schon immer. Es sind Schufte, die es kraft ihrer Überzeugungskünste schaffen, arglosen Mitmenschen irgendein Produkt, ein Heilmittel, ein Elixier, eine Geschäftsidee oder eine Ideologie zu verkaufen, weil ihre Kunden daran glauben, dass der Scharlatan sie von ihrem Leid erlösen oder sie reich machen kann.

Digitale Hochstapler

In letzter Zeit boomt der Markt für Scharlatanerie vor allem in der Politik in bisher ungekanntem Maße. Die Nachfrage nach (und das Angebot an) einfachen Lösungen für komplexe Probleme ist sprunghaft angestiegen. Die Nachfrage wird von einer Krise nach der anderen befeuert, während soziale Netzwerke es den Scharlatanen erleichtern, einem breiten Publikum grob vereinfachende Lösungen anzubieten.

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Die derzeitige Flut von globalen Krisen ist auf wirksame Triebkräfte wie unter anderem Technologie, Globalisierung, Kriminalität, Korruption, schlechte Regierungsführung, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, wirtschaftliche Instabilität und Ungleichheit zurückzuführen.

Aus diesem Grunde gibt es immer mehr Gesellschaften, in denen viele Personen sich zu Recht benachteiligt fühlen und Angst vor der Zukunft haben. Diese stellen einen unwiderstehlichen Markt für Scharlatane dar, die einfache und unkomplizierte Sofortlösungen anbieten. In der Fernsehserie von 1958 berichtet ein anonymer Erzähler dem Zuschauer, was weiter geschah: „Die Menschen waren bereit zu glauben. Wie Schafe liefen sie zum Schlachthaus. Und dort erwartete sie der Hohepriester des Betrugs.“

Ein halbes Jahrhundert später sind diese Sätze von größerer Relevanz denn je. Immer mehr Gesellschaften sind dazu bereit, für den Kandidaten zu stimmen, der das simpelste Wahlversprechen hat und der darüber hinaus ankündigt, dass er mit der Vergangenheit brechen und das „Establishment“ entmachten wird.

Die heutigen Gauner ähneln denen, die es schon immer gegeben hat. Nur haben sie inzwischen Zugang zu Technologien, die ihnen Möglichkeiten eröffnen, die früher undenkbar waren. Sie sind digitale Scharlatane. Das geheime Eingreifen eines Landes in die Wahlen eines anderen Landes ist ein gutes Beispiel für den Gebrauch alter Praktiken in Zeiten digitaler „Superkräfte“. Die digitalen Scharlatane von heute benutzen Online-Bots.

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Diese verwenden Softwarealgorithmen, um über die sozialen Medien aufgrund von Kenndaten wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Rasse, Standort, Bildung, Religion, soziale Zugehörigkeit, politische Präferenzen oder Konsumverhalten gezielt Informationen zu verbreiten und an Millionen User zu verschicken.

Wie alle versierten Scharlatane wissen auch Bot-Administratoren, woran man Menschen, die geneigt sind, ihnen zu glauben, erkennen kann. Früher verließen sich Hausierer auf ihre Intuition, um geeignete Opfer auszumachen; heute nutzten sie hochkomplizierte Algorithmen und Micro-Targeting.

Sind die Opfer gefunden, versenden die Bot-Entwickler Nachrichten, die die Überzeugungen, Ängste, Hoffnungen und Vorurteile der Opfer bestätigen und verstärken. Digitale Scharlatane wissen, wie sie ihre Zielgruppe dazu bringen, ein bestimmtes Verhalten an den Tag zu legen (einen Kandidaten zu wählen, dessen Rivalen zu diffamieren, Falschinformationen zu streuen, einer Gruppierung beizutreten et cetera).

Diese neuen digitalen Technologien haben eine weitere interessante Eigenschaft: Sie können zugleich allgemein und personalisiert sein. Programmierer können gleichzeitig Millionen von Menschen kontaktieren und jedem von ihnen das Gefühl geben, dass sie auf eine persönliche und fast intime Art mit einer Person interagieren, die ihre Werte und Ziele teilt.

Fake News aus der Politik selbst

Genau das geschah bei der US-Wahl, die Donald Trump ins Weiße Haus gebracht hat. Die US-amerikanischen Geheimdienste sind sich darüber einig, dass Trumps Wahl zum Präsidenten der USA eine genial konzipierte und ausgeführte Operation war, die von der russischen Regierung zu sehr niedrigen Kosten finanziert und direkt von Wladimir Putin überwacht wurde.

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Es wäre jedoch ein Fehler anzunehmen, dass digitale Scharlatane sich nur in US-Wahlen einmischen würden. Wahrscheinlich sind an die 27 Länder Opfer der politischen Einflussnahme des Kremls geworden. Sowohl im Falle der spanischen Katalonienkrise als auch beim Brexit wurden intensive Bot-Aktivitäten und andere Formen digitaler Manipulation entdeckt, und die vorhandenen Beweise belegen, dass diese von der russischen Regierung kontrolliert oder zumindest beeinflusst wurden. Der Kreml ist entschlossen, Chaos und Verwirrung zu stiften und soziale Konflikte zu befeuern, um seine westlichen Rivalen zu schwächen.

Die Google-Suchanfragen zum Thema Brexit zählen zu den Fakten, die am besten Aufschluss über den Einfluss moderner Scharlatane geben. Gemeint sind die Anfragen, die getätigt wurden, nachdem das Vereinigte Königreich den Entscheid für eine Scheidung vom übrigen Europa getroffen hatte. „Was ist der Brexit?“ war eine der häufigsten Suchanfragen, nachdem die Entscheidung über das Referendum bereits gefallen war.

Bitte beachten: Es war bekannt, dass viele der Behauptungen und Daten der Pro-Brexit-Kampagne falsch waren. Doch das spielte keine Rolle: So wie die TV-Menschen aus der Fünfzigerjahre-Fernsehserie „waren die Menschen bereit zu glauben“. Das Gleiche gilt für Trumps Verlogenheit.

Laut der „Washington Post“ stellte er in 710 Tagen als Präsident unfassbare 7645 falsche oder irreführende Behauptungen auf, etwa elf pro Tag. Im vergangenen Oktober, als Redner auf einer Kundgebung in Tennessee, machte er allein 84 falsche Aussagen. Dieser Tatsachencheck der „Mainstream-Medien“, wie Trump sie nennt, scheint ihn nicht weiter zu beunruhigen, denn genau wie sein alter TV-Namensvetter weiß auch er, dass „die Menschen bereit sind, ihm zu glauben“.

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Alle diese Punkte sind bedauerliche Tatsachen: Menschen, die Scharlatanen auf den Leim gehen, sind genauso daran schuld oder sogar noch mehr schuld als die Scharlatane selbst, denn sie erlauben es ihrer Gesellschaft, schlechte Ideen zu unterstützen, schlechte Machthaber auszuwählen oder deren Lügen zu glauben.

Die Anhänger der Scharlatane sind oft auf verantwortungslose Art und Weise uninformiert, desinteressiert und gewillt, jeder Behauptung Glauben zu schenken, die sie irgendwie anspricht, so absurd sie auch sein mag. Das muss sich ändern. Nun, da wir 2018 hinter uns gelassen haben, müssen wir uns der Tatsache stellen, dass wir Scharlatanen das Leben zu leicht gemacht und ihren Anhängern gegenüber zu entgegenkommend gewesen sind.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Gesellschaft wieder lernt, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden, zwischen – durch unstrittige Beweise – bestätigten Tatsachen auf der einen Seite und Behauptungen – die uns zwar ein gutes Gefühl geben, aber Lösungen anbieten, die überhaupt keine echten Lösungen sind, sondern das Problem noch verschärfen – auf der anderen Seite.

Wir brauchen mehr Wissen über die Verwendungs- und Missbrauchsmöglichkeiten von Informationstechnologie, und wir müssen akzeptieren, dass Demokratie mehr persönlichen Einsatz erfordert, als nur alle paar Jahre zur Wahlurne zu gehen. Wir müssen besser informiert und gegenüber Vorstellungen, die im Widerspruch zu unseren eigenen Vorstellungen stehen, unvoreingenommen sein.

Wir müssen auch ein kritisches Bewusstsein entwickeln, das uns warnt, wenn wir manipuliert werden. Es zeigt sich immer deutlicher, dass unsere Regierungen Maßnahmen ergreifen sowie Regeln und Institutionen schaffen müssen, um den Verbraucher vor dem rücksichtslosen Verhalten der Social-Media-Unternehmen zu schützen.

Vor allem aber müssen wir lernen, wie man zwischen wohlmeinenden und anständigen politischen Führern auf der einen und Scharlatanen, die nur darauf aus sind, uns zu übertölpeln, auf der anderen Seite unterscheidet.

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