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20.05.2022

09:00

Gastkommentar

Deutschland kann zur Hightech-Apotheke der Welt werden

PremiumIm Gesundheitswesen muss Deutschland unabhängiger bleiben als in der Energieversorgung und sich einen weltweiten Spitzenplatz sichern, fordern Cornelius Baur und Peer Schatz.

Die Gesundheitswirtschaft wächst aktuell schneller als die Gesamtwirtschaft. Imago/Westend61

Pharmabranche

Die Gesundheitswirtschaft wächst aktuell schneller als die Gesamtwirtschaft.

Die Autoindustrie hat den Standort Deutschland über Jahrzehnte geprägt. Wir haben keinen Zweifel daran, dass sie ihre weltweite Wettbewerbsfähigkeit auch in Zeiten des Umbruchs durch Elektrifizierung, autonomes Fahren und neue Mobilitätskonzepte bewahren wird.

Wir glauben aber zugleich, dass sich der starke Fokus des Standorts Deutschland auf eine einzelne Schlüsselbranche in den kommenden Jahren relativieren wird. Eine zentrale Rolle wird dabei der Gesundheitswirtschaft zufallen.

Dieser Umbruch hat sich in den vergangenen Jahren zunächst behutsam abgezeichnet und dann Fahrt aufgenommen.

In der Pharmaforschung, Biotechnologie und Medizintechnik sind neue Unternehmen aus dem Boden geschossen und haben den Kern neuer Ökosysteme mit Forschungseinrichtungen, Dienstleistungen und Produktion geformt.

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Standort erkennen

    Für jedermann sichtbar geworden ist das spätestens mit dem Erfolg des Mainzer Unternehmens Biontech in der Bekämpfung von Covid-19. Dessen Impfstoff ist eines der begehrtesten deutschen Exportgüter weltweit.

    Die Gesundheitsbranche wächst schneller als die Gesamtwirtschaft

    Auch insgesamt wächst die Gesundheitsbranche inzwischen deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft. Sie steht inzwischen für knapp 13 Prozent der Wertschöpfung hierzulande und fast zehn Prozent der Exporte nach jüngsten Zahlen sowie 16,5 Prozent aller Arbeitnehmer.

    Wichtig auch: Die Branche investiert gemessen am Umsatz mehr als alle anderen in Deutschland in Forschung und Entwicklung: mehr als 13 Prozent im Vergleich zu 10,5 Prozent in der IT-Branche und knapp neun Prozent in der Autoindustrie.

    Das zahlt sich in konkreten Erfolgen aus: In der Gesundheitsbranche melden die deutschen Unternehmen hinter den USA die zweitmeisten Patente an. Und dies trotz der im internationalen Vergleich relativ strengen Regulierung der Biotechnologie, der Medizintechnik und anderer Sektoren der Gesundheitsindustrie.

    Das Wachstum und die Konkurrenzkraft des Gesundheitssektors ist in Deutschland historisch betrachtet eine Rückkehr zu alter Stärke. Im 19. Jahrhundert und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts galt Deutschland als „Apotheke der Welt“, sammelte Nobelpreise für Medizin und versorgte die Nationen mit Arznei.

    Erst später ging die führende Stellung verloren, auch wenn große Konzerne wie Bayer, Merck, Boehringer und andere ihren jeweiligen hervorragenden Ruf behaupteten.

    Aber der Sektor insgesamt konnte weltweit nicht den Anschluss halten. Mit dem Erfolg der Investitionen aus jüngerer Zeit ändert sich das vielleicht wieder.

    Während Politik und Allgemeinheit beim Stichwort „Unternehmertum“ typischerweise an Turnschuhe und Silicon Valley dachten, sind die neuen Unternehmer zunehmend Forscher in Laboren, die aus ihren Ideen Produkte zum Nutzen der Menschheit machen.

    Während viele traditionelle Industrien mit der Anpassung an eine dekarbonisierte Wertschöpfung kämpfen, rücken Pharma, Medizintechnik, Healthcare-Leistungen und Biotechnologie wieder in den Mittelpunkt.

    Ihre Fortschritte sind greifbar und kommunizierbar, sie treffen auf das Interesse reiferer Kapitalmärkte und ziehen mehr denn je Talente an dank visibler Vorbilder und Rollenmodelle. Das gilt umso mehr für den aktuellen Topnachwuchs, der sich beruflich stark an Werten und an Sinnhaftigkeit in der Berufswahl orientiert.

    Eine Gesundheitsindustrie als Motor der Volkswirtschaft ist unter vielen Gesichtspunkten nicht bloß wünschenswert, sondern essenziell: Das gebietet allein schon die Überalterung der Gesellschaft.

    Ihr Bedarf an Gesundheitsleistungen, mit Künstlicher Intelligenz individualisierter Hochleistungsmedizin und an immer besserer Medizintechnik wird weiter steigen und Räume für mehr Wertschöpfung öffnen.

    Dieser Trend wird noch verstärkt durch den gesellschaftlichen Bewusstseinswandel hin zu Gesundheit, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Schon heute ist der Heimatmarkt Deutschland für die Branche der viertgrößte der Welt nach den USA, China und Japan – auf dieser Basis lässt sich weiter auf- und ausbauen.

    Zugleich hat der grausame Krieg gegen die Ukraine gezeigt, wie schmerzlich eine zu große wirtschaftliche Abhängigkeit für eine Nation und einen Standort sein kann.

    Wir sollten sicherstellen, in Gesundheitsthemen auf Dauer unabhängiger zu bleiben als in der Energieversorgung. Schon heute ist hier die Abhängigkeit von China signifikant. Starke heimische Spieler sind daher ein unverzichtbares Gegengewicht.

    Diese sechs Punkte sind entscheidend für den Aufschwung in der Gesundheitswirtschaft

    Was muss getan werden, um diese Unabhängigkeit zu gewährleisten und den Aufschwung in der Gesundheitswirtschaft weiter zu beschleunigen? Aus unserer Erfahrung sind diese Punkte entscheidend:

    1. Grundlagenförderung. Deutschland gehört zu den Ländern, die weltweit am meisten für Grundlagenforschung ausgeben. Dies schafft die Basis für Innovationen, die unternehmerisch umgesetzt werden können, und muss weiter forciert werden.

    2. Förderung der Transmission von Innovation aus den Universitäten in die unternehmerische Umsetzung. Hochschulen sind die Keimzelle der Innovation.

    Partnerschaften zwischen staatlichen und privaten Institutionen, Stiftungslehrstühle, Agenturen für Ideenübertragung – hochschulnahe Plattformen ließen sich noch weiter ausbauen.

    Wie erfolgreich das sein kann, zeigen die USA: Allein an der Universität Harvard wurden in den vergangenen fünf Jahren mehr als 90 Start-ups gegründet, die in dieser Zeit 4,5 Milliarden Dollar Eigenkapitalfinanzierung einsammelten.

    3. Wenn es gelingt, mehr Studenten für die einschlägigen Fächer zu begeistern und auch internationale Top-Talente für die hiesigen Hochschulen zu gewinnen, stärkt dies den Nachwuchs-Pool und damit die künftige Basis der Industrie.

    Auch wenn nicht alle Studenten direkt in den Fachgebieten arbeiten werden, sind die Vorteile für interdisziplinäres Arbeiten und Fördern signifikant, wenn man die Grundlagen kennt.

    Dazu gehört auch, den zukunftsträchtigsten Themen in der Grundausbildung ausreichend Raum zu widmen, also etwa Molekularbiologie als Wissenschaft stärker zu lehren.

    4. Förderung von Venture-Capital und Start-ups, auch mit steuerlichen Anreizen, um den Mittelzufluss und die Risikobereitschaft in jungen, innovativen Unternehmen zu stärken.

    5. Cluster-Strategien, wie sie etwa bei Hightech in Bayern erfolgreich waren. Das ist letztlich eine Frage der industriepolitischen Zielsetzung: Wie viele globale Champions will Deutschland in der Industrie haben, und wie lässt sich die Skalierung gezielt unterstützen?

    6. Mehr Mut zur Börse. Wenn mehr Familienunternehmen früher den Weg an die Kapitalmärkte einschlagen, erreichen sie leichter die nächste Stufe ihrer Entwicklung. Gerade die Pharma- und Gesundheitsindustrie ist hierzulande von mittelständischen Unternehmen geprägt, die im Wettbewerb häufig internationalen Konzernen mit entsprechend größeren Forschungsbudgets gegenüberstehen.

    Mit einem solchen Programm ließe sich der positive Trend verstärken, den das gestiegene Bewusstsein für den Wert der modernen Gesundheitsindustrie durch die Pandemie erhalten halt. Vor einhundert Jahren war Deutschland die Apotheke der Welt. Heute haben wir die Chance, Deutschland zur Hightech-Apotheke der Welt zu machen.

    Die Autoren:
    Cornelius Baur ist CEO und Mitgründer der Healthcare-Investmentfirma EHC und war vorher Deutschlandchef von McKinsey.

    Peer Schatz ist Biotech-Unternehmer, ebenfalls Mitgründer von EHC und war langjähriger CEO des Biotech-Unternehmens Qiagen.

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