Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

22.09.2022

04:00

Gastkommentar

Die deutsche Wirtschaft und Putins Krieg

PremiumDie Bundesrepublik ist besonders stark von der Politisierung des internationalen Handels betroffen. Was daraus folgt, analysiert Dalia Marin.

Dalia Marin lehrt internationale Ökonomie an der TUM School of Management der Technischen Universität München und ist Senior Fellow bei der europäischen Denkfabrik Bruegel in Brüssel. Privat [M]

Die Autorin

Dalia Marin lehrt internationale Ökonomie an der TUM School of Management der Technischen Universität München und ist Senior Fellow bei der europäischen Denkfabrik Bruegel in Brüssel.

Wird das deutsche Wirtschaftsmodell den Krieg von Präsident Wladimir Putin gegen die Ukraine und den Stopp der russischen Gaslieferungen ohne Totalschaden verkraften? Um diese entscheidende Frage zu beantworten, hilft ein Rückblick auf die jüngere Wirtschaftsgeschichte. Deutschlands Wirtschaft wurde nach dem Fall der Mauer 1989 umgestaltet. Die Liberalisierung des Handels mit den östlichen Nachbarn hatte drei tiefgreifende Auswirkungen im Inland: Erstens führte sie zu dezentralisierten Lohnverhandlungen. Zweitens verflachte sie das hierarchische Management in Unternehmen. Drittens erweiterte die Liberalisierung deutsche Produktionsnetzwerke nach Mittel- und Osteuropa.

Die Öffnung des ehemals kommunistischen Europas – wo die Arbeitskosten niedriger als im Westen waren – veränderte das Machtgefüge zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden. Die Unternehmen konnten jetzt glaubwürdig drohen, ihre Produktion nach Osteuropa zu verlagern. Mit der Erosion gewerkschaftlicher Durchsetzungskraft verlagerten sich die Lohnverhandlungen von der nationalen auf die Unternehmensebene. Das Ergebnis: In Deutschland sanken die Lohnstückkosten zwischen 1995 und 2012 um 30 Prozent.

Die Bundesrepublik war das einzige Land in Europa, in dem es derart hohe Rückgänge gab. Während meist die Hartz-Arbeitsmarktreformen für die Senkung der deutschen Löhne verantwortlich gemacht werden, deuten ökonomische Daten darauf hin, dass die Hartz-Reformen bei dieser Entwicklung in Wirklichkeit gar keine nennenswerte Rolle spielten. Es war die Handelsliberalisierung mit Osteuropa, die zu diesem Ergebnis beitrug.

Unternehmen stärkten die unteren Führungsebenen

Die Öffnung Mittel- und Osteuropas ging in deutschen Unternehmen einher mit der Einführung eines dezentralen Managements. Im Zeichen zunehmender Internationalisierung und verschärften Wettbewerbs bekam Innovation einen immer höheren Stellenwert. Um die Kreativität der Arbeitnehmer zu fördern, delegierten deutsche Unternehmen Entscheidungen an untere Managementebenen – ein effektiver Ansatz, wie sich zeigen sollte.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Man setzte zunehmend auf Qualität, und die Stärkung der unteren Führungsebenen führte dazu, dass Unternehmen mehr Produkte auf den Markt brachten, die bei Kunden gut ankamen. Das typische deutsche Unternehmen, das auf dezentrales Management setzte, steigerte seinen Exportmarktanteil um den Faktor drei, während Unternehmen, die an zentralem Management festhielten, im Allgemeinen keine solchen Zuwächse erzielten.

    Außerdem führte die Öffnung der ehemals kommunistischen Staaten zu erweiterten Produktionsnetzwerken in Osteuropa. Sie senkten die Kosten und halfen Deutschland, mit dem Fachkräftemangel fertigzuwerden. Die östlichen Nachbarn brachten der Bundesrepublik ein großes Angebot an Fachkräften, insbesondere Ingenieuren. 1998 verfügten 16 Prozent der Bevölkerung dieser Länder über einen Hochschulabschluss, in Deutschland waren es 15 Prozent.

    Vom ehemals kranken Mann zur Wirtschaftsmacht

    Darüber hinaus hatte sich das Wachstum des Humankapitalstocks in Deutschland in den 1990er-Jahren auf eine Rate von 0,18 Prozent verlangsamt, verglichen mit 0,75 Prozent in den 1980er-Jahren. Wenn deutsche Unternehmen in Mittel- und Osteuropa investierten, beschäftigten sie in ihren Töchtern dreimal so viele Menschen mit akademischem Abschluss und elf Prozent mehr Forschungspersonal als in ihren Mutterunternehmen.

    Bis zum Ende der 2000er-Jahre hatten die aus der Öffnung Mittel- und Osteuropas resultierenden Lieferketten die Kosten gesenkt und die Produktivität in deutschen multinationalen Unternehmen um gut 20 Prozent gesteigert. So konnte Deutschland sich vom ehemals kranken Mann Europas zu jener starken Wirtschaftsmacht entwickeln, die es heute noch ist. Doch wird das auf internationale Verflechtung aufgebaute deutsche Wirtschaftsmodell die Invasion Russlands in die Ukraine überleben?

    Um die Frage zu beantworten, ist es hilfreich, die Zeit nach der Weltfinanzkrise von 2008 in den Blick zu nehmen. Während internationale Lieferketten nach dem Fall des Kommunismus und erst recht nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001 ein Motor der Globalisierung waren, kehrte sich dieser Trend ab 2008 um. Wachsende globale Unsicherheiten führten dazu, dass Lieferketten in reiche Industrieländer zurückverlagert wurden, auch in Deutschland.

    Covid reduzierte die Lieferketten dramatisch

    Das Risiko des Ausfalls wichtiger Inputgüter veranlasste Unternehmen in Industrieländern, ihre Produktionsnetzwerke neu zu bewerten. Während die Finanzkrise die Hyperglobalisierung beendete, scheint die Covid-19-Pandemie den Prozess der Deglobalisierung ausgelöst zu haben. Das Coronavirus führte zu einem beispiellosen Maß an globaler Unsicherheit und verstärkte die Altlasten des Schocks von 2008. Der Ökonom Kemal Kilic und ich schätzen, dass Covid-19 die Lieferketten um 35 Prozent reduziert hat, gemessen am prozentualen Anteil der aus Entwicklungs- und Schwellenländern importierten Inputfaktoren an der Gesamtmenge aller verwendeten Vorprodukte.

    Jetzt beschleunigt Putins Krieg die Deglobalisierung, die mit dem Coronavirus begonnen hat. Der Krieg hat in der Weltwirtschaft Schockwellen ausgelöst. Schlimmer noch: Russlands Aggression scheint nur ein besonders gewalttätiger Ausdruck eines breiteren Trends hin zu autoritärer Herrschaft zu sein. Dieser Trend ist dem internationalen Handel, globalen Lieferketten und ausländischen Direktinvestitionen nicht förderlich.

    Besorgniserregend sind in diesem Zusammenhang die jüngsten Schritte Chinas. Peking hat Importe aus Litauen gestoppt – als Vergeltung dafür, dass Vilnius es Taiwan ermöglichte, in Litauens Hauptstadt eine Repräsentanz unter eigenem Namen zu eröffnen. Außerdem verhängte China Zölle auf Importe aus Australien, nachdem Canberra eine unabhängige Untersuchungskommission über die Ursprünge des Coronavirus gefordert hatte.

    Diversifizierung der Handelsbeziehungen

    Die Beispiele zeigen: Der internationale Handel hat sich in eine Arena des politischen Kampfs verwandelt, hinzu kommen der Schock über Putins Krieg und die anhaltende Unsicherheit durch die Coronapandemie – all das wird die Unterbrechung der Lieferketten verlängern. Je länger die Unterbrechungen aber andauern, desto wahrscheinlicher ist es, dass Unternehmen ihre Lieferketten komplett neu organisieren.

    US-Finanzministerin Janet Yellen hat bereits vorgeschlagen, neben Reshoring und Onshoring auch „Friendshoring“ in die Liste der strategischen Optionen aufzunehmen. In Deutschland ist das Friendshoring bereits im Gange. Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts überdenkt derzeit jedes zweite deutsche Unternehmen mit Lieferketten in China sein Geschäftsmodell. Noch ist das deutsche Wirtschaftsmodell nicht tot. Wegen seiner großen Abhängigkeit vom internationalen Handel und dem sich ändernden wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld steht es im Vergleich mit vielen anderen reichen Industrieländern aber vor größeren Herausforderungen.

    Am besten gemeistert werden können die Herausforderungen, wenn Deutschland seine Handelsbeziehungen so diversifiziert, dass es nicht länger übermäßig stark von den Instabilitäten in einem bestimmten Land oder einer Region abhängig ist.

    Die Autorin: Dalia Marin lehrt internationale Ökonomie an der TUM School of Management der Technischen Universität München und ist Senior Fellow bei der europäischen Denkfabrik Bruegel in Brüssel.

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×