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04.05.2022

04:00

Gastkommentar

Die Energiewende braucht Sprünge, keine Trippelschritte

Allein mit erneuerbaren Energien wird die Energiewende nicht gelingen. Wir brauchen technologische Durchbrüche und den politischen Mut für einen großen Wurf, fordert Heinz Dürr.

Heinz Dürr ist Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dürr AG. Imago

Der Autor

Heinz Dürr ist Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dürr AG.

Seien wir ehrlich: Die Energiewende ist gescheitert. Mit der aktuell verfolgten Strategie werden wir es nicht schaffen, Deutschland bis 2045 klimaneutral zu machen.

Und nicht nur das – wenn es einfach so weitergeht wie bisher, gefährden wir auch die Versorgungssicherheit von Haushalten und Industrieunternehmen. Und wir nehmen explodierende Energiepreise in Kauf. So dürfen wir nicht weitermachen.

Stattdessen brauchen wir Sprunginnovationen, um die Energiewende zu schaffen. Und das bedeutet: Wir müssen technologieoffen denken, denn nur eine kluge Kombination vieler verschiedener Lösungen wird zum Ziel führen.

Anders ausgedrückt: Wir müssen auf das Rennen wetten, nicht auf das Pferd! Mit dem aktuell sehr beschränkten Werkzeugkasten – im Wesentlichen Wind und Sonne plus Speicher – wird der Wandel jedenfalls nicht gelingen.

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    Einige Zahlen belegen, wie ernst das Problem ist: Im vergangenen Jahr lag der Primärenergieverbrauch in Deutschland bei rund zwölf Exajoules – so viel liefern 480.000 Windräder an Land unter optimalen Bedingungen (heute gibt es davon rund 30.000).

    Gedeckt wurde er darum vor allem mithilfe fossiler Energieträger wie Öl, Kohle und Erdgas. Die erneuerbaren Energien trugen lediglich 17 Prozent dazu bei.

    Das ist deutlich weniger als ein Fünftel. Die vollständige Umstellung des Strom-, Mobilitäts- und Wärmesektors auf nicht-fossile Quellen liegt damit in weiter Ferne.

    Deutschland ist weit entfernt von einer fossil-freien Energieversorgung

    Selbst im Strombereich – dem Aushängeschild der Energiewende – ist die Lage alles andere als rosig: In den ersten sechs Monaten des Jahres 2020 lag der Anteil erneuerbarer Energien hier noch bei fast 52 Prozent. Windkraft war damals der wichtigste Energielieferant.

    Wegen des windarmen Frühlings setzte sich im ersten Halbjahr 2021 allerdings Kohle wieder an die Spitze der Energieträger. Insgesamt kamen die Erneuerbaren witterungsbedingt auf nur noch 44 Prozent.

    Auch beim Strom sind wir in Deutschland also noch weit von einer rein-erneuerbaren Versorgung entfernt. Verschärft wird das Problem zusätzlich durch die wachsende Nachfrage nach elektrischer Energie – denn durch die Dekarbonisierung der Industrie, den Ausbau der Elektromobilität und die Installation elektrischer Wärmepumpen in Millionen Gebäuden wird die erforderliche Strommenge in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten signifikant steigen.

    Ein Beispiel zeigt die Dimension der Herausforderung: Laut einer Prognose des Verbands der Chemischen Industrie benötigen wir ab 2030 allein für die Dekarbonisierung der deutschen Chemieunternehmen etwa 300 Gigawatt an installierter Kapazität: Heute sind in ganz Deutschland aber erst 132 Gigawatt vorhanden, wobei der Zubau 2020 bei gerade mal 6,7 Gigawatt lag.

    Es ist also völlig unrealistisch, in nur zehn Jahren eine ganze Branche auf erneuerbare Energien umzustellen.

    Schon diese wenigen Zahlen zeigen: Mit den aktuell verfügbaren Mengen an erneuerbarer Energie werden wir die Energiewende nicht stemmen können – erst recht nicht, wenn wir die Netzstabilität und damit die Versorgungssicherheit gewährleisten wollen.

    Richtig bleibt in jedem Fall, dass wir den Klimawandel nur stoppen können, wenn wir den Energiemarkt drastisch transformieren – hin zu möglichst kostengünstigen, klimaneutralen Energiequellen. Dabei sind Investitionen in Windräder und Co. ein guter erster Schritt.

    Doch darüber hinaus benötigen wir dringend einen weiteren Baustein, um auch in Zukunft eine verlässliche Versorgung mit grüner Energie sicherzustellen. Diese Energiequelle sollte grundlastfähig sein sowie eine CO2- und abfallfreie Energieversorgung gewährleisten.

    Die lasergestützte Fusionstechnologie ist ein vielversprechender Ansatz

    Und natürlich sollte sie in Deutschland angesiedelt sein – in direkter Nähe zu den privaten und industriellen Verbrauchern. Das würde sie wettbewerbsfähig machen und hierzulande viele sichere Arbeitsplätze schaffen.

    An vielversprechenden Kandidaten mangelt es glücklicherweise nicht. Einer davon ist die lasergestützte Fusionstechnologie wie sie etwa vom Unternehmen Marvel Fusion verfolgt wird.

    Dahinter steht die Idee, eine Art künstliche Sonne auf der Erde zu schaffen: Die Sonne strahlt seit Milliarden Jahren, weil in ihrem Innern Wasserstoffkerne zu Heliumkernen verschmelzen und dabei jede Menge Energie freisetzen.

    Was bei der Sonne durch die Gravitation ausgelöst wird, versuchen Forscher mittels Technologie auf der Erde nachzustellen.

    Der kommerzielle Einsatz rückt nach dem jüngsten Durchbruch an der amerikanischen National Ignition Facility endlich in greifbare Nähe. Wenn es uns gelingt, die Energiequelle der Sonne auf der Erde nutzbar zu machen, können wir praktisch unbegrenzt Strom produzieren – ohne Emissionen, Sicherheitsrisiken und radioaktive Abfälle.

    Neben staatlichen Institutionen zeigen inzwischen auch mehrere Start-ups, dass Fusion eine realistische Option und nicht nur ein ewiges Versprechen ist.

    Fusionsreaktoren eignen sich neben der Grundversorgung mit Strom auch hervorragend dazu, durch Elektrolyse in Deutschland nachhaltigen Wasserstoff zu produzieren. Das Gas spielt als Energieträger und Rohstoff eine Schlüsselrolle in allen Überlegungen zu unserer energiepolitischen Zukunft.

    Nach aktuellem Stand der Diskussion müssten wir einen Großteil davon aber aus weit entfernten Regionen wie Afrika oder Südamerika importieren – was teuer wäre und uns unnötig von Importen abhängig machen würde. Ein kommerzieller Fusionsreaktor könnte vermutlich bereits in zehn Jahren zur Verfügung stehen.

    Um das zu erreichen, müssen wir diese innovative Technologie jetzt intensiv fördern – wie es beispielsweise Großbritannien tut: Dort hat die Regierung die Fusion öffentlich zur Schlüsseltechnologie für die eigene Zukunft erklärt und bereits einen ersten Gesetzentwurf für die Regulierung der neuen Energiequelle vorgelegt.

    Die Politik muss mehr Technologieoffenheit zulassen

    In der Nähe von Oxford entsteht derzeit zudem ein Cluster für Fusionsforschung. Angelockt aus Kanada hat es bereits General Fusion, ein privates Fusionsunternehmen, das von Amazon-Chef Jeff Bezos unterstützt wird und nun nach Großbritannien umsiedelt.

    „Die Kernfusion könnte die ultimative saubere Energielösung sein – eine kohlenstoffarme, sichere, kontinuierliche und nachhaltige Energiequelle“, sagt der britische Forschungsminister George Freeman.

    Aber auch die USA wollen die neue Energiequelle fördern: Im Rahmen des neuen Infrastrukturgesetzes von US-Präsident Joe Biden fließen über die kommenden fünf Jahre 885 Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung von Fusionstechnologien.

    Deutschland droht bei diesem wichtigen Thema zurückzufallen – wieder einmal. Dabei sind die Innovationen da, auch hierzulande.

    Darum ist es jetzt Zeit, dass die Politik bei Investitionen in die Energiewende mehr Technologieoffenheit zulässt und auch neue Ideen wie die Fusion miteinbezieht. Sie sollte als Förderin und Ankerkunde von Durchbruchstechnologien und Sprunginnovationen agieren. Mutig und neugierig.

    Klug eingesetztes Steuergeld wäre bestens angelegt, denn Investitionen in neue Energietechnologien versprechen glänzende Dividenden.

    Wer auf diesem Gebiet reüssiert, kann sich über einen gigantischen Wirtschaftsboom freuen: Null-Emissions-Innovationen werden in den nächsten zwei Jahrzehnten mehr Milliardäre hervorbringen als zur Zeit des Internetbooms – und viele neue zukunftsträchtige Jobs entstehen lassen.

    Deutschland ist bestens aufgestellt, hier ganz vorn mitzuspielen. Allerdings brauchen Ingenieure und Gründer dafür die passenden Rahmenbedingungen. Dann können sie mit entfesselter Kreativität durchstarten.

    Mutige Politik, kombiniert mit Durchbruchstechnologien und Sprunginnovationen: Das sind die Zutaten für eine erfolgreiche Energiewende!
    Der Autor: Heinz Dürr ist Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dürr AG.

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