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11.10.2021

04:00

Gastkommentar

Die höhere Inflation ist willkommen – und notwendig für die Transformation der deutschen Wirtschaft

Klagen über gestiegene Energiepreise führen in die Irre, denn klimaschädigendes Verhalten von Unternehmen und Menschen muss teurer werden, analysiert Marcel Fratzscher.

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Berliner Humboldt-Universität. imago images/Montage Handelsblatt

Der Autor

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Professor für Makroökonomie an der Berliner Humboldt-Universität.

Berlin Die Sorge über eine Stagflation, also hohe Inflation bei gleichzeitig schwachem Wachstum, macht die Runde in Deutschland. Unternehmen haben große Probleme, an Vorleistungen zu kommen, da globale Lieferketten durchbrochen sind und das zu massiven Engpässen führt. Einige Unternehmen müssen bereits ihre Produktion drosseln und Beschäftigte in Kurzarbeit schicken.

Hinzu kommt ein starker Preisanstieg bei Rohstoffen, vor allem Energie, der die Inflation in Deutschland im September im Vorjahresvergleich auf eine Rate von über vier Prozent getrieben hat. Die unterbrochenen Lieferketten sind das wohl größte Risiko für die wirtschaftliche Erholung. Die höhere Inflation dagegen ist es nicht, sie ist willkommen und notwendig für die Transformation der deutschen Wirtschaft.

Neben der Stagflation gewinnt die Diskussion um eine sogenannte „Grüne Inflation“ an Bedeutung. Vor allem die Preise für Energie schießen durch die Decke, sie sind zum Teil um 50 Prozent oder mehr gestiegen. Nicht wenige in Deutschland stricken daraus das Narrativ, der Klimaschutz sei für die steigenden Energiepreise verantwortlich. Er befeuere nicht nur die Inflation, sondern schade vor allem den einkommensschwächsten Menschen, denn diese geben einen besonders großen Teil ihres monatlichen Einkommens für Energie aus, argumentieren die Kritiker.

Die Einführung des CO2-Preises und einer härteren Regulierung erhöhten nicht nur die Inflation, sondern schadeten auch Unternehmen, die an Wettbewerbsfähigkeit einbüßten, sodass gute Arbeitsplätze in Deutschland verloren gingen. Dieses Narrativ des teuren Klimaschutzes verfängt bei einigen Gruppen in Deutschland.

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    Doch nicht Klimaschutz und CO2-Preis führen zu Problemen bei den Lieferketten und zu einer erhöhten Inflation, ganz im Gegenteil: Der Klimawandel an sich und auch durch ihn ausgelöste globale Handelskonflikte stellen die größte Bedrohung dar.

    Corona lässt Rohstoffpreise explodieren

    Der wohl wichtigste Grund für die explodierenden Rohstoffpreise ist die Coronapandemie, die immer wieder wirtschaftliche Restriktionen erfordert, um das Virus zu stoppen. So löste die teilweise Schließung eines großen chinesischen Hafens im Sommer 2021 in der deutschen Wirtschaft Schockwellen aus, denn viele Unternehmen, vor allem in der Automobilbranche, sind mittlerweile mit der chinesischen Wirtschaft so eng verzahnt, dass selbst eine solch vergleichsweise kleine Störung hierzulande enorme Verwerfungen verursacht.

    Selbst wenn nur ein kleiner Teil an Vorleistungen fehlt, kann dies eine ganze auf Just-in-time-Lieferungen ausgerichtete Produktion ins Stocken oder gar zum Stillstand bringen. Ein zweiter Grund ist die zum Teil deutlich höhere Nachfrage nach Rohstoffen, da sich die globale Wirtschaft schneller als erwartet erholt.

    Als dritten Grund für die steigenden Energie- und Rohstoffpreise führen einige die „Grüne Inflation“ an. Doch die Erzählung, wonach die „Grüne Inflation“ schädlich und schlecht sei, ist zynisch und falsch. Einerseits wollen fast alle mehr Klimaschutz. Anderseits wird jetzt über erhöhte Energiepreise und Inflation geklagt, weil CO2 besteuert wird. Genau das ist der wirtschaftliche Mechanismus des Klimaschutzes: Preise sollen das schädliche Verhalten von Unternehmen und Menschen – beispielsweise der Verbrauch fossiler Energiequellen – in Zukunft besser widerspiegeln.

    Mit anderen Worten: Ein gewisses Maß an „Grüner Inflation“ ist richtig und notwendig. Sie spiegelt eine Anpassung relativer Preise wider – die Preise für klimaschädliches Verhalten müssen steigen, um Anreize für Innovationen und alternative, ultimativ klimaneutrale Wirtschaftsprozesse zu setzen. Zudem: Ist ein Preisanstieg durch einen höheren CO2-Preis wirklich so schlimm und schädlich?

    In D-Mark-Zeiten lag die Inflationsrate bei 3,1 Prozent

    Sind die Berechnungen, wonach die CO2-Bepreisung in den nächsten Jahren mit einer um 0,5 Prozentpunkte höheren Inflationsrate einhergeht, korrekt, würde die Inflation in Deutschland nicht mehr bei durchschnittlich 1,4 Prozent liegen, wie in den vergangenen 20 Jahren, sondern bei 1,9 Prozent. Das wäre für Deutschland genauso unproblematisch wie ein EZB-Inflationsziel von 2,5 statt 2,0 Prozent.

    Zum Vergleich: In D-Mark-Zeiten lag die Inflationsrate in den Jahren 1957 bis 1998 im Durchschnitt bei 3,1 Prozent. Niemand in Deutschland schimpft heute über eine zu hohe Inflation in diesen Jahrzehnten, sondern viele schauen – manche mit Nostalgie – auf diese Jahre als wirtschaftlich hervorragende Zeit mit einer starken D-Mark und stabilen Preisen zurück.

    Die Fehler in der Diskussion um die „Grüne Inflation“ liegen jedoch anderswo: Erstens ist der wichtigere Grund für den Anstieg der Rohstoffpreise nicht der Klimaschutz, sondern der Klimawandel. Beispielsweise ist Holz deshalb teurer geworden, weil das Angebot aufgrund häufiger gewordener Waldbrände und wegen Schädlingsbefalls – beides Folgen der zunehmenden Trockenheit – knapper ist.

    Ein anderes Beispiel ist die Trockenheit in China im vergangenen und in diesem Jahr, die zu Wasserknappheit geführt und den Wasserspiegel in vielen Talsperren so stark reduziert hat, dass die Energiegewinnung aus Wasserkraft deutlich zurückging. Zahlreiche Fabriken im Süden Chinas mussten im Sommer 2021 zwei oder gar drei Tage die Woche ihre Produktion stoppen. Auch dies führt zu Lieferengpässen und Knappheiten, die letztlich die Preise erhöhen.

    Klimawandel kostet mehr als Klimaschutz

    Auch die Flutkatastrophe im Juli 2021 in Westdeutschland zeigt, wie groß der direkte, auch wirtschaftliche Schaden des Klimawandels hierzulande ist. Knappheiten, Preisexplosionen und Störungen in Lieferketten entstehen meist dann, wenn unvorhergesehene Probleme wie Naturkatastrophen auftreten. Diese sind nie das Resultat von Klimaschutzmaßnahmen oder CO2-Preisen. Sie sind das unweigerliche Resultat des Klimawandels.

    Kurzum, nicht der Klimaschutz ist die Ursache für Inflation und ein Problem für die Wirtschaft, sondern der Klimawandel. Hinzu kommt: Der Klimaschutz wird die Energiepreise langfristig senken. Erneuerbare Energien sind effizienter und somit günstiger als fossile Energieträger. Regulierung und CO2-Preise mögen zwar kurz- und mittelfristig einen Beitrag zu höheren Energiekosten leisten. Langfristig reduzieren sie diese aber und führen zu einer geringeren Inflation.
    Die Probleme bei den Lieferketten sind das größte Risiko für die wirtschaftliche Erholung im nächsten und übernächsten Jahr. Es kann gut sein, dass die prognostizierten Wirtschaftswachstumszahlen in Deutschland von 4,5 Prozent oder mehr im Jahr 2022 unrealistisch sind, weil es immer wieder zu Problemen bei den Lieferketten kommen wird.

    Das Schlechteste ist, sich über Klimaschutz und CO2-Preise zu beklagen, denn beides ist essenziell, um Lieferketten und die Grundversorgung zu sichern. Das Beste, was die Politik in Deutschland tun kann, ist, ihre expansive Finanzpolitik fortzusetzen und coronabedingte Hilfen für Unternehmen, inklusive Kurzarbeitergeld, auch im kommenden Jahr bereitzustellen.

    Der Autor: Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität.

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