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27.11.2020

04:00

Gastkommentar

Die Sieben-Tages-Inzidenz ist zu pauschal – und hat zu pauschale Maßnahmen zur Folge

Von: Gérard Krause

Um die Wirksamkeit von Maßnahmen zu beurteilen, reicht die Sieben-Tages-Inzidenz nicht aus. Der Epidemiologe Gérard Krause fordert ein mehrdimensionales Vorgehen.

Der Autor leitet die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. dpa

Gérard Krause

Der Autor leitet die Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig.

Die Politik hat sich festgelegt: Entscheidend für das weitere Vorgehen in der Pandemie soll sein, wie viele Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen registriert wurden. Das Infektionsschutzgesetz enthält nun 35 und 50 als Richtwerte, ab denen bestimmte Maßnahmen in Kraft treten sollen. In ihrem Corona-Beschluss am Mittwoch zogen Bund und Länder eine weitere Grenze ein: Ab der 200er-Schwelle sollen noch weitreichendere Maßnahmen gelten.

Aus epidemiologischer Sicht greift die Fixierung der Sieben-Tages-Inzidenz als vorherrschender Indikator der Pandemiebekämpfung zu kurz und verschenkt verfügbare Alternativen.

Ein Problem ist die stark schwankende Untererfassung der Fallmeldungen. Gerade die jüngst erfolgten Änderungen der Teststrategien sowie die Einführung sogenannter Schnelltests können großen Einfluss auf die Dunkelziffer haben. Bei gleicher tatsächlicher Fallzahl kann also am Ende die Testaktivität darüber entscheiden, ob die Grenzwerte von 20, 50 oder 200 bei der Sieben-Tages-Inzidenz überschritten werden.

Gegenwärtig wird nur bei knapp 60 Prozent der Fallmeldungen, bei denen Angaben zum klinischen Bild übermittelt werden, tatsächlich das Vorliegen von Symptomen berichtet. Dieser Wert schwankt seit Frühjahr zwischen 80 und 40 Prozent. Auch als Frühindikator für später auftretende Krankheitslast ist die Inzidenz nicht gut geeignet.

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    Dies zeigt folgender Vergleich zwischen dem Gipfel der Fallzahlen im April und dem vorläufigen Stand im November dieses Jahres: Die Summen der Neuinfektionen und der durchgeführten Labortests waren im November in den jeweils zu vergleichenden Kalenderwochen nahezu dreimal beziehungsweise dreieinhalbmal so hoch wie im April. In der Folge stieg die Zahl der belegten Intensivbetten jedoch mitnichten um das Dreifache, sondern nur um ein Drittel.

    Die Zahl der Todesfälle liegt dabei aktuell unter Berücksichtigung des jeweiligen Zeitverzugs um etwa zwei Drittel höher als im Frühjahr – also ebenfalls deutlich niedriger, als die Fallzahl erwarten lassen könnte. Demnach ist die Inzidenz für die Vorhersage der Krankheitslast, der Intensivbettenbelegung oder der Zahl der Todesopfer nur sehr bedingt geeignet.

    Die Sorge, die Bevölkerung mit einer Vielzahl von Indikatoren womöglich zu überfordern, scheint unbegründet.

    Das Argument, die 50er-Inzidenz repräsentiere die Belastungsgrenze der Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung, übersieht zwei wichtige Zusammenhänge: Zum einen können die Kapazitäten durch optimierte Prozesse, mehr Personal oder Anpassungen der Quarantänedauer ausgeweitet werden.

    Zum anderen können auch Maßnahmen wie Hygienekonzepte in Pflegeheimen, ambulante gesundheitliche Überwachung oder weiterentwickelte therapeutische Konzepte den Verlauf der Pandemie positiv beeinflussen, ohne dabei Ressourcen der Behörden zu binden.

    Das Konzept der Sieben-Tages-Inzidenz mit seinen Grenzwerten kann die in sie gesetzten Erwartung aus methodischen Gründen nicht erfüllen und sogar unerwünschte Folgen haben. Erstens: Dieser pauschale Indikator verleitet dazu, Maßnahmen ebenfalls pauschal in der Allgemeinbevölkerung anzusetzen, obgleich ein gezieltes Vorgehen deutlich wirksamer sein könnte.

    Zweitens: Erforderliche gesamtgesellschaftliche Maßnahmen könnten zu spät eingeleitet werden, weil der besagte Indikator aufgrund seiner genannten Defizite nicht anschlägt. Drittens: Maßnahmen könnten invasiver als eigentlich erforderlich in Kraft treten und dabei vermeidbare unerwünschte gesundheitliche, soziale oder wirtschaftliche Folgen haben.

    Die Sieben-Tages-Inzidenz ist ein eindimensionales, statisches Konzept. Ein mehrdimensionales, agiles Vorgehen wäre für die nächsten Monate in der Pandemie besser. Indikatoren mit einem besseren Bezug zur gesundheitlich-gesellschaftlichen Last wären dabei die Altersverteilung der Betroffenen, der vorzeitige Tod oder auch die Verfügbarkeit medizinischer Versorgungskapazität wie beispielsweise Intensiv- und Beatmungsplätze mit entsprechend qualifiziertem Personal.

    Um die Wirksamkeit von Maßnahmen zu beurteilen, müssen auch die Umstände der Infektionen sowie die betroffenen Berufsgruppen systematisch ausgewertet werden. Eine überdurchschnittliche Erkrankungszahl bei medizinischem Personal wird andere Maßnahmen erfordern als beim Personal einer Bank. Ebenso haben 50 Labormeldungen in einer Grundschule andere Konsequenzen als dieselbe Zahl in einem Altersheim.

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    Gesundheitsämter erfassen all diese Daten in der Regel bereits, es bedarf also keines Mehraufwandes. Sofern verfügbar veröffentlicht das Robert Koch-Institut täglich viele dieser Indikatoren transparent und differenziert. Für einige der relevanten Indikatoren fehlt den Gesundheitsämtern aber die Rechtsgrundlage, sie pseudonymisiert an das RKI zu übermitteln.

    Nicht alle Informationen können in Formeln gegossen werden. Dies müssen sie auch nicht. Zahlreiche Fachleute unterschiedlichster Disziplinen mit langjähriger Erfahrung der Epidemiebekämpfung stehen in den zuständigen Behörden und Fachgesellschaften zur Verfügung.

    Diese sollten daher gemeinsam Leitlinien für die Indikation örtlicher Pandemiebekämpfungsmaßnahmen erstellen, die auf die Vielzahl relevanter Indikatoren zurückgreifen. Leitlinien besitzen durchaus eine rechtliche Verbindlichkeit und haben sich in der Medizin und im öffentlichen Gesundheitsdienst seit Jahrzehnten bewährt.

    Die Sorge, die Bevölkerung mit einer Vielzahl von Indikatoren womöglich zu überfordern, scheint unbegründet. Die Bürger akzeptieren auch Seewetterberichte, obwohl oder gerade weil sie auf vielen komplexen Werten beruhen und von Experten interpretiert werden. Wohl kaum würden wir akzeptieren, dass Häfen und Strände allein auf Basis der Sieben-Tages-Wassertemperatur gesperrt werden, nur weil sich dieser Wert vermeintlich besser messen und kommunizieren lässt.

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