Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

08.07.2022

10:00

Gastkommentar

Die Städte müssen sich neu erfinden – aber zu viel Bürokratie verhindert das

PremiumHeimarbeit und Onlinehandel erfordern ein neues Stadtplanungsrecht. Dann investieren Einzelhändler auch wieder, mahnt Karsten Wildberger.

Karsten Wildberger ist CEO von Ceconomy und Vorsitzender der Geschäftsführung der Media-Saturn-Holding. Ceconomy

Der Autor

Karsten Wildberger ist CEO von Ceconomy und Vorsitzender der Geschäftsführung der Media-Saturn-Holding.

Corona ist eine Zäsur, die unser gesellschaftliches Zusammenleben nachhaltig verändert hat. Besonders deutlich sehen und spüren wir die Folgen der Pandemie in unseren Städten. Sie sind anonymer geworden. Kälter und leerer.

Insbesondere unsere Innenstädte drohen zunehmend zu veröden. Dieser schleichende Prozess hat bereits vor Corona eingesetzt, aber die Pandemie hat ihn beschleunigt. So ist der Leerstand in den Geschäftsvierteln im Zuge von Corona und des Trends, von zu Hause aus zu arbeiten, global von acht auf zwölf Prozent gestiegen, in vielen Metropolen beträgt er schon 20 Prozent.

Die rückläufige Büro- und Geschäftstätigkeit trifft die angrenzenden Cafés, Gastronomiebetriebe und Einzelhändler hart. Angesichts gestiegener Mieten und niedrigerer Kundenfrequenzen lassen sich vor allem in den Fußgängerzonen der Innenstädte viele Geschäfte nicht mehr wirtschaftlich betreiben.

Die aktuelle Stadtplanung ist nicht mehr zeitgemäß

Der Lebensraum Stadt muss sich neu erfinden, wieder einmal. Aber wie können wir jetzt unsere Städte als zentrale Orte der Begegnung erhalten? Wie geben wir ihnen in unserer zunehmend digitalen Welt Lebendigkeit und das besondere Flair zurück?

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Von selbst wird das nicht passieren, wir müssen aktiv und mit einem klaren Plan gegensteuern. Bei dieser Aufgabe sind alle gesellschaftlichen Gruppen gefordert: Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft. Raus aus dem Krisenmodus, es ist höchste Zeit, wieder gemeinsam zu gestalten!

    Das Wichtigste: Wir brauchen eine zukunftsorientierte Bau- und Stadtplanung, welche die Voraussetzungen für ein vielfältiges Kultur- und Gastronomieangebot schafft und das veränderte Freizeit- und Einkaufsverhalten der Menschen berücksichtigt.

    Die Menschen wünschen sich heute beispielsweise eine nahtlose Verbindung aus stationärem und Onlineeinkauf, die Vorteile aus beiden Welten. Sie wollen ihr Produkt schnell in den Händen halten.

    Sie erwarten ein bequemes und attraktives Einkaufserlebnis, maßgeschneiderte Angebote und Beratung, Transparenz und Nachhaltigkeit. Und das jederzeit und auf allen Kanälen.

    Das heißt auch: Wenn die Kunden stationär einkaufen, wollen sie dies in ihrer näheren Umgebung bei leicht erreichbaren Einzelhändlern tun. Eine gute und sichere Anbindung an den ÖPNV und ausreichend Parkmöglichkeiten sind längst Standardkriterien geworden.

    Die Realität sieht derzeit leider so aus: Will ein Einzelhändler seinen Standort aus der Fußgängerzone in der Innenstadt in ein anderes Stadtviertel verlegen, um sein Unternehmen führen zu können, stößt er häufig auf unüberwindbare Hürden im Bau- und Stadtplanungsrecht.

    Hier gelten starre Verordnungen bezüglich Sortiment und Standort, die kaum Ausnahmen ermöglichen und längst nicht mehr in die Zeit passen. Sicher, der Grundgedanke zentraler Versorgungsbereiche ist nachvollziehbar, um eine Zersiedelung zu vermeiden und frequenzbringende Handelsflächen in den Innenstädten zu behalten.

    Doch mit Blick auf den wachsenden Onlinehandel und spätestens seit Corona führt dieser Ansatz in die Sackgasse. Es geht heute nicht mehr um eine klare Trennung zwischen Innenstadt und grüner Wiese. Es geht darum, das Ökosystem Stadt insgesamt weiterzuentwickeln und lebendig zu halten.

    Warum zahlen Unternehmen, die vor Ort beraten, denselben Mehrwertsteuersatz wie Onlinekonzerne?

    Wenn hier kein Umdenken stattfindet, sieht die Zukunft der Städte düster aus. Eine weitere Abwanderung des stationären Einzelhandels wäre die Folge. Dabei leiden schon heute nicht nur einzelne Stadtviertel, sondern viele Klein- und Mittelstädte an einer Unterversorgung im Non-Food-Bereich.

    Benötigt werden schnelle, unbürokratische und vor allem flexible Genehmigungsverfahren. Die Baunutzungsverordnungen und die Landesentwicklungspläne müssen an die veränderte Lebenswirklichkeit angepasst werden.

    Die neue Normalität erfordert auch beim Mietrecht mehr Flexibilität. Marktbedingungen verändern sich heute rasend schnell – gewerbliche Vermieter und Mieter müssen die Möglichkeit haben, ihre individuellen Vereinbarungen zügig mit der jeweiligen Marktlage zu synchronisieren. Und das schließt ausdrücklich mit ein, sowohl Chancen als auch Risiken fair zu teilen.

    Eine zeitgemäße Bau- und Stadtplanung muss zudem konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein. Die Stadt der Zukunft ist grün. Es wäre nur konsequent, solche Unternehmen, die ihre Geschäfte besonders energieeffizient betreiben und eine Vielzahl von nachhaltig zertifizierten Produkten im Sortiment haben, steuerlich zu entlasten.

    Es geht um die richtigen Anreize, und es geht um klare Regeln für einen fairen Wettbewerb. Die Plattformökonomie hat die Wettbewerbslandschaft stark verzerrt.

    Wollen wir weiterhin deutsche und europäische Unternehmen, die in ihren Städten und Gemeinden auch gesellschaftlich verankert sind? Dann brauchen wir ein Level Playing Field.

    Der stationäre Einzelhandel zahlt seine Steuern dort, wo er seine Gewinne erwirtschaftet. Man sollte das Engagement der Unternehmen, die sich für unser städtisches Zusammenleben starkmachen, unterstützen.

    Warum gilt beim Einkauf in einem Geschäft, in dem die Kunden persönlich beraten werden, derselbe Mehrwertsteuersatz wie beim anonymen Click im Internet?

    Der stationäre Einzelhandel muss mehr bieten als das Internet

    Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, investieren die Unternehmen, auch im Einzelhandel. Sie werden Standorte verlagern und neue eröffnen. Überall dort, wo es wirtschaftlich Sinn ergibt.

    Die positiven gesamtgesellschaftlichen Effekte liegen auf der Hand: Arbeitsplätze werden erhalten, neue kommen hinzu. Die Kommunen nehmen Gewerbesteuer ein, und die Menschen können auch in unmittelbarer Nähe ihres Zuhauses andere Produkte als Lebensmittel kaufen.

    Natürlich ist nicht nur die Politik gefragt. Der stationäre Einzelhandel selbst ist in der Pflicht, sich weiterzuentwickeln, schon aus eigenem Interesse. Von jeher leistet er einen wichtigen Beitrag für die Vielfalt und Lebensqualität unserer Städte.

    Diese Rolle muss er nun neu definieren. Der stationäre Einzelhandel muss beweisen, dass er seinen Kunden im Vergleich zum Einkauf übers Internet einen Mehrwert bietet – nämlich fachkundige Beratung, eine möglichst hohe Produktverfügbarkeit, einen einfachen Zugang zu den richtigen Produkten und die Möglichkeit, online bestellte Ware im Markt abzuholen.

    Kunden kommen, wenn der Service gut ist und der Einkauf Spaß macht, er darf durchaus Event-Charakter haben. Und sicher muss das Einkaufserlebnis sein, auch nach der Pandemie.

    In den vergangenen Jahrhunderten haben sich Städte nach tiefen Einschnitten immer wieder neu erfunden. Nach verheerenden Bränden haben wir mit anderen Materialien gebaut, nach den großen Seuchen wurden Kanalisationssysteme angelegt und die Hygienebedingungen verbessert.

    In einer gemeinsamen Kraftanstrengung wird es uns auch jetzt gelingen, unsere Städte weiterhin vielfältig und lebenswert zu gestalten. Lebendige Städte sind ein hohes Gut. Es liegt in unser aller Hand, es zu wahren.

    Der Autor:

    Karsten Wildberger ist CEO von Ceconomy und Vorsitzender der Geschäftsführung der Media-Saturn-Holding

    Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

    Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

    Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

    ×