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29.05.2022

19:43

Gastkommentar

Digitale Bildung braucht kurze Wege und einen langen Atem

PremiumDeutschland hinkt im EU-Vergleich bei der Digitalisierung der Schulen hinterher. Es ist Zeit, das endlich zu ändern, fordern Stefanie Kreusel und Heinz-Peter Meidinger.

Stefanie Kreusel ist Konzernbeauftragte für Digitale Bildung und Schule bei der Deutschen Telekom, Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Die Autoren

Stefanie Kreusel ist Konzernbeauftragte für Digitale Bildung und Schule bei der Deutschen Telekom, Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Die Digitalisierung der Bildung bietet Stoff für Diskussionen. Sowohl Eltern als auch Vertreterinnen und Vertreter der Politik, der Pädagogik, der Wirtschaft und der Medienwelt stellen übereinstimmend fest, dass es hier jahrzehntelang Versäumnisse gegeben hat. Diese gilt es jetzt aufzuholen – aber man muss es richtig angehen.

Der Plan, die deutsche Schulbildung zu digitalisieren, wird gern als temporäre Herausforderung angesehen, die man irgendwann gemeistert haben will. Diese Betrachtungsweise wird der Sache jedoch nicht gerecht – denn die Digitalisierung der Bildung ist eine Daueraufgabe.

Das Bereitstellen einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur und das Ausstatten der Schulen mit Tablets und Softwarelösungen sind nur der Auftakt.

Die eigentliche Aufgabe ist viel größer: Sie besteht darin, technische und logistische, vor allem aber didaktisch-methodische Standards für Schulen zu etablieren und diese kontinuierlich zu bedienen und weiterzuentwickeln.

Die Welt bleibt schließlich nicht stehen. Zur Bedienung von Digitalstandards gehört es auch, die Digitalkompetenz der Lehrenden nachhaltig zu fördern und den Schulen dauerhaft professionellen IT-Support zur Verfügung zu stellen.

Digitalpakt Schule: Kluft zwischen gut gemeint und gut gemacht

Im Prinzip sind Schulen mit Unternehmen gleichzusetzen. Sie haben eine Belegschaft, ein Management und ein Tagesgeschäft. Da liegt es auf der Hand, dass sie eigentlich auch eine IT-Abteilung haben sollten.

Davon können Schulen allerdings oft nur träumen. Denn wenn es um digitale Belange geht, sind die Schulleitungen oft auf sich selbst gestellt.

Von ihnen wird verlangt, dass sie ihren Digitalbedarf zunächst an den jeweiligen Schulträger melden und dann einen Medienentwicklungsplan (MEP) erstellen. Was der genau beinhalten muss, ist allerdings nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich.

Unklarheit herrscht zum Beispiel im Hinblick auf IT-Support, denn der verursacht laufende Kosten. Die Schulträger befürchten, nach dem Auslaufen der aktuellen Förderprogramme mit diesen Kosten alleingelassen zu werden.

In der Konsequenz ordern sie vorwiegend Hardware und Software. So ist es wohl zu erklären, dass von den 500 Millionen Euro, die der Bund im November 2020 für die schulische IT-Administration zur Verfügung gestellt hat, nach aktuellem Stand bisher nur ein Bruchteil abgerufen wurde.

Schon daraus wird ersichtlich, wie wenig zielführend es ist, das Schulbildungssystem mit limitierten Fördermitteln oder Programmen digitalisieren zu wollen.

Die Digitalisierung der Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Das soll nicht heißen, dass der Grund für die schleppend voranschreitende Digitalisierung der Bildung nur in einer Überbürokratisierung zu suchen ist und dass allein die Politik dafür verantwortlich ist.

Tatsächlich gibt es viel mehr verantwortliche Akteure – und sie alle sind aufgerufen, die Sache anders als bisher anzugehen.

Wenn der digitale Transformationsprozess gelingen soll, müssen alle Beteiligten – also Schulträger, Lehrende, Eltern, die Kultusministerien und die Universitäten sowie globale Lösungsanbieter (oder generell die Wirtschaft) – ihren Teil dazu beitragen.

Noch immer kann man heute ein Lehramtsstudium absolvieren, ohne je eine Lehrveranstaltung zum Thema digitale Unterrichtsmedien belegt zu haben. Das ist nicht mehr zeitgemäß.

Das moderne Lehramtsstudium muss der Innovationsdynamik im Bereich Bildungstechnologien Rechnung tragen. Erfahrene als auch angehende Lehrende haben die Pflicht, sich mit den Möglichkeiten der digitalen Wissensvermittlung unter dem Primat der Pädagogik auseinanderzusetzen.

Tatsächlich ist die Digitalisierung der Bildung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Jede Gruppe hat darin ihren Auftrag:

Politik
Die Politik muss verstehen, dass die Förderprogrammphilosophie zu kurz greift. Stattdessen sind Standards für eine zukunftsfähige Schule nötig; außerdem muss die Ausbildung der Lehrkräfte um Digitalthemen ergänzt beziehungsweise erweitert werden.

Der Digitalpakt ist ein guter Ansatz, er darf aber nicht irgendwann auslaufen, sondern sollte verstetigt werden.

Wirtschaft
Die Wirtschaft muss neben Hardware und Software auch umfassenden IT-Service für Bildungsinstitutionen bereitstellen (einschließlich Hotline, Fernwartung usw.).

Dieser Service muss es den Schulen ermöglichen, das Potenzial der neuen Medien voll auszunutzen und digitalisierten Unterricht ohne technische Ausfälle anzubieten. IT-Service sollte fester Bestandteil der digitalen Bildung werden.

Schulen
Lehrende müssen sich in Bezug auf den Umgang mit Digitaltechnik mehr zutrauen. Es gibt heute weitreichende Möglichkeiten für Erwachsene, sich mit digitalen Angeboten vertraut zu machen.

Lehrkräfte, die dahingehend Nachholbedarf haben, sollten diese nutzen. Dafür brauchen sie allerdings eine angemessene Infrastruktur.

Und natürlich darf man ihnen nicht aufbürden, sich die erforderliche Digitalkompetenz in ihrer Freizeit und in Eigenregie anzueignen. Fortbildungen sollten in das Unterrichtsdeputat integriert werden.
Eltern
Eltern müssen das Thema Medienerziehung ernst nehmen und akzeptieren, dass Digitaltechnologie heute einen festen Platz in der Schule hat. Es muss das gemeinsame Bildungsziel von Schule und Erziehungsberechtigten sein, den Heranwachsenden Souveränität im Umgang mit modernen Medien zu verleihen.

Zu einer solchen Souveränität gehört nicht nur das sichere Bedienen von digitalen Endgeräten, sondern zum Beispiel auch der bewusste Umgang mit sozialen Netzwerken.

Vorbild Dänemark: Jede Schule hat ein eigenes Digitalbudget

Die Coronapandemie hat offenbart, wie sehr wir im europäischen Vergleich zurückliegen.

Zwar stehen die Dinge sicher nicht mehr so schlecht wie noch 2018, als Deutschland in einer Sonderauswertung der weltweiten Pisa-Daten zur digitalen Ausstattung von Schulen nur auf Platz 76 landete (von 78 erfassten Ländern). Jedoch haben wir noch immer Nachholbedarf.

Besonders deutlich wird das, wenn wir uns mit Dänemark vergleichen, einem Vorbildland im Hinblick auf digitalisierte Wissensvermittlung: Dort ist die Ausstattung der Lehrkräfte mit digitalen Dienstgeräten und die Verfügbarkeit von WLAN in den Schulen praktisch flächendeckend.

Digitale Medien werden entsprechend viermal so häufig für schulbezogene Zwecke eingesetzt wie in Deutschland. Der dänische Vorsprung liegt dabei nicht nur in einer besseren Weitsicht begründet (Dänemark hat bereits 2012 begonnen, massiv in die Schuldigitalisierung zu investieren).

Er rührt auch daher, dass die Entscheidungswege bei unserem nordischen Nachbarn erheblich kürzer sind als bei uns. In Dänemark hat zum Beispiel jede Schule ein Budget für den Einkauf von digitalen Lehrmitteln, über dessen Einsatz sie gemäß ihrem Bedarf selbst entscheiden kann.

Der digitale Transformationsprozess im Bildungsbereich ist so komplex, dass er sich nicht auf einen bestimmten Zeitraum terminieren lässt. Es geht nicht darum, ein Projekt zu meistern, sondern darum, die Vermittlung von schulischer Bildung jetzt und in Zukunft zeitgemäß zu gestalten.

Dafür braucht man einen langen Atem – und kurze Wege bei der Beantragung von Mitteln.


Die Autoren:

Stefanie Kreusel ist Konzernbeauftragte für Digitale Bildung und Schule bei der Deutschen Telekom und Mitglied im Aufsichtsrat.

Heinz-Peter Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.


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