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12.07.2019

06:54

Gastkommentar

Digitale Transformation beginnt im Kopf, nicht am Computer

Von: Harald Christ

Für die Industrie in Deutschland birgt die digitale Transformation einige Chancen. Um sie zu nutzen, braucht es einen Masterplan.

Harald Christ ist Geschäftsführer der Agentur Consultum und Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums. ERGO Group

Harald Christ

Harald Christ ist Geschäftsführer der Agentur Consultum und Präsidiumsmitglied des SPD-Wirtschaftsforums.

Die Unken rufen: Deutschland sitzt auf einem sterbenden Ast. Doch diese Schwarzmalerei ist unangebracht. Sie lähmt nur. Natürlich eilen amerikanische Digitalriesen wie Google, Apple, Amazon und Uber oder Alibaba aus China den Europäern davon – und deshalb ist es aller Mühe wert und nötig, Gegenpole zu schaffen.

Aber Europa und vor allem Deutschland braucht vor Google & Co. nicht in Schrecken zu erstarren. Ich sage: Wir sitzen auf vielen grünen Zweigen. Wir müssen sie nur sorgfältig düngen, bewässern und pflegen.

Es war der Amerikaner James Watt, der einst die Dampfmaschine erfunden hat, die symbolisch für die erste industrielle Revolution steht. Aber: Deutsche Unternehmen perfektionierten sie. Erfinden ist gut, aber Innovation sorgt schließlich für die Rendite. Innovation ist der Schlüssel für die deutsche Wirtschaft, das Tor zur digitalisierten Welt weit zu öffnen.

Deutschlands Stärken ruhen auf einem stabilen Handwerk, dessen Rückgrat gut geschulte Meister und Gesellen sind, ausgebildet im Dualen System, um das uns die halbe Welt beneidet – und auf einer Industrie, die immer noch fast ein Viertel der Werte schöpft und mit den industrienahen Dienstleistungen rund 60 Prozent aller Beschäftigten stellt. Das ist keine Garantie auf Dauer. Aber doch die Grundlage für künftiges Wachsen und Gedeihen.

Die Amerikaner haben das Internet, wir haben die Dinge. Das Internet ist mobil, die Dinge eher nicht. Darin liegt unsere Chance, und viele produzierende Unternehmen nutzen sie bereits. Sie führen Produktion und Innovation in ihren Werkhallen zusammen – und praktizieren das Internet der Dinge. Sie beschäftigen viele Menschen und bilden aus. Frage doch mal einer bei Amazon oder Ebay, ob sie eine Ausbildungsstelle für den Sohn oder die Tochter haben.

Deutschland hat keinen digitalen Weltmarktführer

Deutschland hat keinen digitalen Weltmarktführer und mit SAP nur einen großen Player. Aber Deutschland hat den Unsinn der De-Industrialisierung nicht mitgemacht. Deshalb sind bei uns die intelligenten Fabriken zu Hause, die Maschinen, Antriebe, Roboter, Sensoren und Bauteile vernetzen, und Zulieferer, Kunden, Spediteure oder Wartungstechniker gleich dazu.

Wir nennen sie „Hidden Champions“. Wie EOS im oberbayerischen Krailling, spezialisiert auf metallische Werkstoffe im 3-D-Druck. Wenn in der Welt eine Firma den Prototyp eines neuen Bauteils fertigt, greift sie meistens auf 3-D-Lasertechnik aus Deutschland zurück.

Oder TeamViewer aus dem schwäbischen Göppingen, Weltmarktführer bei Software für die Fernwartung von Computern und Handys. Oder Phoenix Contact im ostwestfälischen Blomberg mit Verbindungstechnik, die garantiert, dass Maschinen bei der Produktion jederzeit sicher mit Energie und Daten versorgt werden. Die deutschen Digitalmarktführer sind hoch innovativ. Sie verknüpfen deutsche Ingenieurskunst mit digitalen Verwertungsabläufen. Sie erfinden praktisch eine neue Industrie - die Industrie 4.0.

Aber aufgepasst: Die Digitalkonzerne entdecken die handfeste Industrie als Wachstumsfeld und kaufen sich in der Industrie ein – und werden versuchen, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu formen. Deshalb: Um bei der Industrie 4.0 die Oberhand zu behalten, brauchen wir gemeinsame Regeln und Standards für ganz Europa, um die industriellen Kompetenzen auch künftig in Wettbewerbsvorteile ummünzen zu können.

Die Grenzen zwischen der realen und digitalen Welt verwischen

Professor Tobias Kollmann, führender Digital-Wissenschaftler, Praktiker und Berater von Regierungen, sagt, die Unternehmen sollten die Standards schnell festlegen und gemeinsam Plattformen schaffen. Die Politik in Deutschland und Europa sollte diesen Prozess flankieren. Als Beispiel effektiver Zusammenarbeit von Staat, Unternehmen und Gewerkschaften, das die EU aufgreifen könnte, nennt er die Nationale Plattform Elektromobilität (NPE) der Bundesregierung. Europaweite Koordination ist angesagt. Kollmann fordert, Investitionsprogramme wie den Juncker-Plan konsequent auf die Förderung der digitalen Transformation auszurichten.

Die Digitale Transformation beginnt im Kopf und nicht im Computer. Sie beschränkt sich nicht darauf, eine Firma mit Internetanschluss zu betreiben. Mit dieser irrigen Annahme lehnen sich immer noch zu viele Mittelständler zurück und hoffen, der Spuk vergeht bald wie ein Schnupfen.

Sicher ist: Wir können die Vergangenheit nicht vor der Zukunft schützen. Diese Lehre zeigt jeder Strukturwandel. Das Internet der Dinge, die Industrie 4.0, hat längst Einzug ins Arbeitsleben und in den Alltag gehalten. Die Grenzen zwischen der realen und digitalen Welt verwischen.

Um einen klaren Kurs zu stecken, brauchen wir einen digitalen Masterplan. Eine bessere Übersetzung der digitalen Themen für Betriebe und für die Politik - eine Schnittstelle, einen Dolmetscher, der dafür sorgt, beide Welten zu verbinden, das Internet und die Dinge. Konzerne und große Mittelständler sind auf der Höhe der Zeit. Aber der breite Mittelstand, der unsere Wirtschaft trägt, muss noch Tempo machen.

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