Handelsblatt App
Jetzt 4 Wochen für 1 € Alle Inhalte in einer App
Anzeigen Öffnen
MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2022

10:27

Gastkommentar

Eine Agenda für die Weltwirtschaft in fünf Punkten

PremiumLieferketten absichern, Abhängigkeiten abbauen und trotzdem den Handel unter Freunden fördern – das ist die richtige Strategie für die globale Ökonomie in unsicheren Zeiten, meint Janet Yellen.

Janet L. Yellen ist seit  Januar 2021 Finanzministerin der Vereinigten Staaten im Kabinett Joe Bidens. Von 2014 bis 2018 war die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin Präsidentin des Federal Reserve Board. AP

Die Autorin

Janet L. Yellen ist seit Januar 2021 Finanzministerin der Vereinigten Staaten im Kabinett Joe Bidens. Von 2014 bis 2018 war die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin Präsidentin des Federal Reserve Board.

Volkswirtschaften weltweit haben durch die Ereignisse der vergangenen drei Jahre gelitten. Die Covid-19-Pandemie hat Millionen Todesopfer gefordert und die Weltwirtschaft zum Stillstand gebracht. Russlands brutaler Krieg hat nicht nur in der Ukraine Verheerungen angerichtet, menschliche und materielle, sondern auch die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen, die Energie und Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben.

Die globale Ökonomie war gerade erst dabei, wieder Tritt zu fassen. Über diesen Krisen schwebend zeichnet sich drohend der Klimawandel ab. Schwere Dürren und Überflutungen beeinträchtigen die landwirtschaftlichen Kapazitäten und haben die Energieknappheit weltweit verschärft.

Diese Verwerfungen haben zu schweren Verknappungen wichtiger Güter – von Bauholz über Mikroprozessoren bis hin zu Energieträgern – geführt und deren Preise in die Höhe schießen lassen. Das wiederum hat das weltweite Wachstum verlangsamt.

Während des vergangenen Jahres hat die Regierung von US-Präsident Joe Biden einen historischen Wirtschaftsplan zur Stärkung der amerikanischen Resilienz auf den Weg gebracht. Wir haben Hafenkapazitäten aufgebaut, Lieferketten geprüft und historische Investitionen in unsere physische Infrastruktur beschlossen. Und wir haben Gesetze verabschiedet, die die inländischen Produktionskapazitäten in zentralen Sektoren wie Halbleitern und sauberer Energie ausweiten werden.

Doch bin ich der Ansicht, dass der Erfolg unseres Plans auch von unserer Außenwirtschaftspolitik abhängt. Die traditionelle Vorstellung vom Freihandel betont die Effizienz eines durch komparative Kostenvorteile bestimmten Handels. Dies ist die Wirtschaftstheorie, die nahelegt, dass jede Volkswirtschaft das produzieren sollte, was sie vergleichsweise am besten kann.

Die komparativen Kostenvorteile erklären die Effizienzsteigerungen durch internationalen Handel und Spezialisierung. Aber wir haben gelernt, dass wir auch der Verlässlichkeit des Handels Rechnung tragen müssen.

Ich bin überzeugt, dass jede wirtschaftliche Agenda in der heutigen Welt die potenziellen Auswirkungen regionaler und globaler Erschütterungen auf unsere Lieferketten in Betracht ziehen muss; dies schließt auch Erschütterungen ein, die durch die Politik bestimmter ausländischer Regierungen bedingt sind.

Wir sind besorgt über die zunehmenden geopolitischen und sicherheitspolitischen Risiken sowie über die Verstöße gegen die Menschenrechte. Durch einen als „Friendshoring“ bezeichneten Ansatz verfolgt die US-Regierung das Ziel, die Effizienzsteigerungen, die der Handel bringt, zu erhalten und zugleich die wirtschaftliche Resilienz der USA und ihrer Partner zu fördern.

Grafik

Wir müssen die weltweite wirtschaftliche Integration energisch schützen. Dazu brauchen wir einen sicheren Handel, der die Vorteile wirtschaftlicher Integration ausschöpft und zugleich eine größere Verlässlichkeit des Angebots der Güter gewährleistet, auf die wir angewiesen sind.

Folgende Risiken gilt es dabei zu minimieren:

1. Überkonzentrationen beseitigen:

Die USA und ihre Partner haben ein starkes Interesse an der Absicherung ihrer Lieferketten. Wir müssen jede Überkonzentration der Produktion kritischer Güter in einem bestimmten Markt vermeiden. Die Konzentration von Quellen zentraler Komponenten kann manchmal zu Kostensenkungen führen. Doch sie macht die Lieferketten anfällig für Dominoeffekte, die Arbeitnehmern und Verbrauchern schaden.

Nehmen wir als Beispiel Halbleiter. Mikrochips sind unverzichtbare Bausteine der modernen Wirtschaft. Doch praktisch die gesamte Fertigung der modernsten Chips befindet sich in Ostasien.

Wir haben die Folgen eines Mangels, der laut einer Schätzung mindestens 169 Branchen in Mitleidenschaft gezogen hat, am eigenen Leib erlebt. Allein in der Automobilindustrie belaufen sich die Kosten des pandemiebedingten Chipmangels 2021 auf schätzungsweise 210 Milliarden Dollar an Umsatzverlusten. Hersteller wie Ford und General Motors waren gezwungen, zeitweilig mehrere ihrer Werke zu schließen.

Besonders akut können sich Konzentrationsrisiken während einer Krise manifestieren. Derartige Ereignisse bringen plötzliche Angebots- oder Nachfrageschocks hervor; sie können Länder zudem veranlassen, sich nach innen zu orientieren.

Vor der Pandemie importierten die USA fast die Hälfte ihrer persönlichen Schutzausrüstung aus China. Als die Weltnachfrage Anfang 2020 plötzlich stieg, führte diese Konzentration zu dem drastischen Mangel an persönlicher Schutzausrüstung für jene amerikanischen Arbeitnehmer, die im Rahmen ihrer Arbeit mit anderen Menschen zu tun hatten.

Wir dürfen nie wieder zulassen, dass unser medizinisches Personal im Falle einer Notlage im Bereich der öffentlichen Gesundheit auf Müllbeutel als Schutzausrüstung zurückgreifen muss. Und das erfordert eine Umgestaltung unserer Lieferketten.

2. Absicherung von geopolitischen Risiken

Zweitens müssen wir uns gegen geopolitische und Sicherheitsrisiken absichern. Russland führt derzeit nicht nur einen brutalen Krieg gegen das ukrainische Volk; es setzt zudem gegenüber der Welt Rohstoffexporte als Waffe ein. Allzu lange waren breite Teile der Welt bereit, Russlands Behauptung zu glauben, dass es ein zuverlässiger Lieferant und preiswerter und praktischer Energieträger sei.

Die Folgen sind klar. In den ersten fünf Monaten seit Russlands Invasion in der Ukraine ist der Preis für Erdgas in Europa um 170 Prozent in die Höhe geschnellt. Russlands Zerstörung von Getreidespeichern und seine Blockade ukrainischer Häfen haben die Nahrungsmittelkosten nach oben getrieben. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass Russlands Krieg bis zu 70 Millionen Menschen zusätzlich in akute Ernährungsunsicherheit stürzen könnte.

3. Auf die Menschenrechte kommt es an

Drittens müssen wir eine Abkehr von Lieferketten vollziehen, in denen gegen zentrale Menschenrechte verstoßen wird. Die USA verbieten den Import von unter Einsatz von Zwangsarbeit hergestellten Waren bereits seit Jahren.

Ein besonders problematischer Bereich sind Importe aus der chinesischen Region Xinjiang, wo die chinesische Regierung Menschenrechtsverstöße an den Uiguren und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten begangen hat. Sie hat die Insassen ihrer Internierungslager durch Gewaltandrohung, körperlichen und sexuellen Missbrauch und Folter zur Zwangsarbeit veranlasst. Die Biden-Regierung beschränkt den Import von Waren, die in Xinjiang unter Einsatz von Zwangsarbeit produziert werden, darunter Baumwolle, Tomaten und bestimmte Produkte auf Siliziumbasis.

Lieferkettenrisiken sind ein Anlass zu großer Besorgnis. Als Erstes müssen wir uns bewusst machen, dass der private Sektor das richtige Maß wirtschaftlicher Resilienz nicht von allein internalisiert. Einige Unternehmen haben starke Anreize, sich auf kurzfristige Kostensenkungen zu konzentrieren, und tragen den längerfristigen Risiken von Überkonzentrationen in den Lieferketten womöglich nicht Rechnung.

4. Friendshoring: Handel unter Partnern fördern

Der Friendshoring-Ansatz der Biden-Regierung zielt darauf, unsere wirtschaftliche Integration mit einer großen Zahl vertrauenswürdiger Handelspartner zu vertiefen. Und er strebt danach, Redundanzen in die Lieferketten einzubauen, um die Risiken für unsere Volkswirtschaften zu verringern.

Wir sind der Ansicht, dass es wichtig ist, eine Abkehr von einem Handel zu vollziehen, der nur den billigsten Lieferketten hinterherläuft, ohne dabei andere Faktoren wie Konzentrations-, geopolitische und Sicherheits- sowie Menschenrechtsrisiken zu berücksichtigen.

Friendshoring ist eine Replik auf all jene, die argumentieren, dass sich wirtschaftliche Sicherheit nur durch Protektionismus erreichen lässt. Friendshoring zielt darauf, gleichzeitig wirtschaftliche Resilienz zu erreichen und die vom Handel ausgehenden wirtschaftlichen Effizienzsteigerungen zu realisieren.

Wir streben nicht danach, alles selbst zu produzieren. Und wir sind auch nicht bemüht, den Handel auf eine kleine Gruppe von Ländern zu beschränken. Das würde die vom Handel ausgehenden Effizienzsteigerungen erheblich verringern und der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft der USA schaden. Unser zentrales Ziel besteht vielmehr in einer Diversifizierung weg von Risikoländern und konzentrierten Lieferketten.

Die Biden-Regierung verfolgt ihre Friendshoring-Agenda durch ein breites Spektrum bilateraler und multilateraler Bemühungen. Im US-EU-Handels- und Technologierat arbeiten wir gemeinsam daran, sichere Lieferketten in den Sektoren Solar, Halbleiter und Seltenerdmagneten aufzubauen.

Grafik

Im indopazifischen Raum sind die USA dabei, ähnliche Partnerschaften über das Indo-Pacific Economic Framework (IPEF) aufzubauen und in Lateinamerika über die Americas Partnership for Economic Prosperity.

Selbstverständlich drängt sich in jeder Diskussion über Friendshoring die Frage auf: Wer sind unsere Freunde?

Friendshoring richtet sich nicht an eine in sich abgeschlossene Gruppe von Ländern. Es ist offen ausgerichtet und schließt zusätzlich zu den hochentwickelten Volkswirtschaften unsere Partner in Schwellenmärkten und Entwicklungsländern ein. Tatsächlich besteht ein zentraler Bestandteil unserer Agenda darin, die Integration der USA und unserer Partner mit den Entwicklungsländern zu vertiefen.

Das Friendshoring wird allmählich umgesetzt werden. Doch die Entwicklung neuer Lieferketten kommt voran. Die Europäische Union beispielsweise arbeitet mit Intel zusammen, um eine Investition von fast 90 Milliarden Dollar zum Aufbau einer regionalen Lieferkette für Halbleiter im Verlauf des nächsten Jahrzehnts zu fördern.

Auch die USA tun ihr Teil: Wir arbeiten mit unseren vertrauenswürdigen Partnern zusammen, um ein komplettes Halbleiter-Ökosystem hier in den USA zu entwickeln.

Wir arbeiten darüber hinaus mit Australien zusammen, um Einrichtungen zur Förderung und Verarbeitung Seltener Erden in unseren beiden Ländern aufzubauen. China hält traditionell einen dominanten Marktanteil an der Produktion von Magneten und Seltenerdelementen, die wichtige Bestandteile von Verbraucherelektronik, Kapazitäten zur Erzeugung sauberer Energie und Militärtechnologien sind.

5. Den Klimaschutz stärken

In den USA haben wir vor Kurzem die bisher aggressivste Klimaschutzmaßnahme unseres Landes umgesetzt, die uns auf einen vielversprechenden Kurs zur Erfüllung unserer Emissionsziele bringt. Wir werden darüber hinaus auch weiterhin den Entwicklungsländern helfen, sich entschiedener auf eine resilientere, kohlenstoffärmere Zukunft hinzuentwickeln.

Über die Auswirkungen auf das Klima hinaus wird unsere gemeinsame Abkehr von fossilen Energieträgern zudem unsere Anfälligkeit für Öl- und Gaspreisschocks und unsere Abhängigkeit von autokratischen Regimen verringern, die häufig einen großen Teil der weltweiten Vorkommen an fossilen Energieträgern kontrollieren.

Wir werden uns bei der Verfolgung dieser Initiativen weiterhin auf Friendshoring für Sektoren und Produkte konzentrieren, die für unsere nationale und wirtschaftliche Sicherheit von zentraler Bedeutung sind. Wir werden uns dabei mit unseren Handelspartnern über hohe Standards für Menschenrechte, Arbeitnehmer und Umwelt verständigen. Und wir werden die Integration des Handels, die der Weltwirtschaft beträchtliche Vorteile gebracht hat, weiterhin unterstützen.

Ich bin überzeugt: Im Rückblick einiger Jahrzehnte werden uns die letzten drei Jahre als eine in einzigartiger Weise volatile Phase unserer modernen Geschichte erscheinen, geprägt durch Pandemie, Krieg und Naturkatastrophen. Doch ich glaube auch, dass diese Phase als ein Moment betrachtet werden wird, an dem die USA und ihre Partner eine neue Säule ihrer Wirtschaftsagenda vorangetrieben haben, die sich auf Resilienz konzentriert.

Die Autorin: Janet L. Yellen ist seit Januar 2021 Finanzministerin der Vereinigten Staaten im Kabinett Joe Bidens. Von 2014 bis 2018 war die renommierte Wirtschaftswissenschaftlerin Präsidentin des Federal Reserve Board.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×