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13.07.2022

08:49

Gastkommentar

Europa braucht eine unabhängige Solarenergie – doch macht dafür zu wenig

PremiumChina dominiert die weltweite Produktion von Solaranlagen. Europa sollte bei erneuerbaren Energien eine Abhängigkeit wie die von russischem Gas vermeiden, fordert Mark Widmar.

First Solar

Mark Widmar

Während sich in den Jahren der Pandemie die Schwachstellen globaler Lieferketten bemerkbar gemacht haben, läuten in der demokratischen Welt seit dem Beginn der Invasion in der Ukraine alle Alarmglocken. Das Risiko der Abhängigkeit von feindlichen Nationen bei der Öl- und Gasversorgung ist präsenter als je zuvor.

Anstatt die Abhängigkeit zu reduzieren, hat die Energiepolitik der letzten Jahre dazu geführt, dass unsere Energieversorgung plötzlich auf wackeligen Füßen steht. Führende Köpfe fordern nun eine Neuausrichtung der langfristigen Strategien zur Sicherung der Energieversorgung sowie eine beschleunigte Einführung von erneuerbaren Energien.

Der deutsche Finanzminister Christian Lindner formulierte es so: „Erneuerbare Energien lösen uns von Abhängigkeiten. Erneuerbare Energien sind deshalb Freiheitsenergien.“

Lindner und andere führende europäische Politiker mit ähnlichen Äußerungen haben das Potenzial erneuerbarer Energien für Demokratien richtig erkannt. Leider ist es aber nicht ganz einfach, wenn die gewünschte Unabhängigkeit auf dem Bezug erneuerbarer Treibstoffe oder Technologien aus Autokratien basiert.

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    Solarenergie etwa ist ein kostenloser Kraftstoff, der allen 27 Nationen der Europäischen Union zur Verfügung steht. Allerdings sind Solaranlagen, die für die Umwandlung der Photonen in Elektronen benötigt werden, nicht kostenlos.

    Acht von zehn Solarherstellern sitzen aus China

    Es ist sogar so, dass die Produktion von Solaranlagen sowie die gesamte Wertschöpfungskette, die diese Produktion erst ermöglicht, beinahe vollständig in chinesischer Hand liegt. Und China macht keinen Hehl daraus, dass es nichts für demokratische Werte übrig hat und sogar seine eigenen Expansionsbestrebungen verfolgt.

    Aktuell haben acht von zehn der weltweit größten Solarhersteller ihren Sitz oder ihre Produktion in China. Das Land kontrolliert einen Großteil der weltweiten Produktion von Polysilizium, dem Halbleitermaterial, das die Basis für die meisten Solarmodule bildet. Außerdem kontrolliert China 99 Prozent der Produktion von kristallinen Silizium-Wafern und 80 Prozent der Produktion von kristallinen Siliziumzellen.

    Infolgedessen muss sich Europa, das einst führend in der globalen Solarindustrie war, heutzutage größtenteils auf Importe aus China oder den Ländern der südostasiatischen Initiative Neue Seidenstraße (BRI) verlassen, wo chinesische Hersteller Billigfabriken eingerichtet haben, angeblich um Anti-Dumping-Zölle zu umgehen.

    Ganz wichtig: Obwohl in Europa 2020 bereits eine Solarmodulkapazität von 6,75 Gigawatt (GW) bestand, hing diese Kapazität größtenteils von kristallinen Silizium-Wafern und -Zellen aus chinesisch kontrollierten Lieferketten ab.

    Laut Angaben der Europäischen Kommission gab die EU im Jahr 2020 acht Milliarden Euro für den Import von Solarmodulen aus und installierte 18,2 GW an neuer Solarkapazität. Der direkte Anteil Chinas an diesem Importwert betrug 75 Prozent, und wenn man die BRI-Importe dazurechnet, steigt die Zahl vermutlich auf über 80 Prozent.

    Laut einem Bericht der China Photovoltaic Industry Association hat China 2021 Solarmodule mit einer Leistung von 98,5 GW weltweit exportiert, 39 Prozent oder rund 38 GW gingen nach Europa. Tatsächlich wurden in Europa 2021 aber nur 25,9 GW installiert. Was mit dem Rest geschehen ist, weiß keiner.

    Heute hängt Europa von russischem Gas ab, morgen könnte es chinesische Solarmodule sein

    Und die Lage wird nicht besser. Angesichts des von der EU vorgegebenen Sollwerts von 45 GW an neuen Solarinstallationen pro Jahr und einer installierten Kapazität von 600 GW bis 2030 scheint sich Europas Abhängigkeit von chinesischen Solarlieferketten für kristallines Silizium ohne eine industriepolitische Strategie weiter zu verschärfen.

    Chinas Vorherrschaft in der Solarmodulherstellung ist kein Zufall. Die chinesischen Solarunternehmen haben den internationalen Wettbewerb durch Dumping-Preise für Solarmodule systematisch untergraben. Ohne staatliche Zuschüsse für die Hersteller und subventionierten Kohlestrom wären ihre Preise nicht möglich gewesen – eine Verletzung der geltenden WTO-Regelungen.

    Die chinesische Regierung hat damit faktisch eine weitere strategische Schwachstelle in Europa geschaffen, die sie zu ihrem Vorteil auszunutzen kann. Heute sind es russisches Öl und Gas, morgen könnten es chinesische Solarmodule sein.

    Die Notwendigkeit, Chinas Vorherrschaft in der Solarproduktion eine nachhaltige Energiepolitik entgegenzusetzen, ist heute dringender denn je und scheint sich auch in der Europäischen Kommission durchzusetzen. In der Tat erklärte Kadri Simson, EU-Kommissarin für Energie, vor ein paar Monaten, dass die Europäische Kommission „alles dafür tun wolle“, um die Solarproduktion wieder nach Europa zu holen.

    Wir verfügen bereits über die Technologien, um die Produktionskapazitäten in der EU schnell aufzubauen. Was fehlt, ist eine Kombination aus Handels- und Industriepolitik, sodass der Weg für heimische Hersteller geebnet und Anreize für die Produktion geschaffen werden könnten. Mit der richtigen politischen Strategie könnte Europa in kurzer Zeit solare Autarkie erreichen.

    Indien hat gezeigt, wie man die heimische Solarenergie stärken kann

    Aber wie schnell? Das perfekte Vorbild dafür, wie man mit einer umfassenden Politik, einschließlich Handelsschutzmaßnahmen, Produktionsanreizen und greifbaren Zielen eine heimische Produktion ankurbeln kann, ist Indien.

    Heute schaut Indien auf 50 Gigawatt an neuer Modulkapazität, die voraussichtlich 2025 ans Netz gehen wird. Das ist doppelt so viel wie die installierte Solarmodulkapazität in allen 27 EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2021.

    Das ist eine direkte Folge der effektiven Kombination aus tariflichen und nichttariflichen Handelsbeschränkungen, des produktionsbezogenen Förderprogramms der indischen Regierung zur Förderung der einheimischen Produktion und der staatlichen Zielvorgabe für grüne Energie, die den jährlichen Ausbau um 25 Gigawatt an neuer Kapazität bis zum Ende des Jahrzehnts vorsehen.

    Indiens Strategie scheint eindeutig zu funktionieren. Davon können Europa und die USA etwas lernen.

    Der Schlamassel, in dem sich die Demokratien heute befinden, ist wohl das Ergebnis jahrzehntelanger Misswirtschaft und zu kurzsichtiger Entscheidungen, mit denen jede Chance zum Aufbau einer autarken Solarwirtschaft verspielt wurde. Die Reaktionen auf den russischen Angriff auf die Ukraine haben gezeigt, dass es nicht sinnvoll ist, unabhängige Energieversorgungsketten in aller Eile aufzubauen, nachdem das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

    Europäische Regierungschefs müssen sich der Risiken und Schwachstellen in der erneuerbaren Energieversorgung bewusst sein, entschlossen handeln und dafür sorgen, dass die Fehler der Vergangenheit nicht noch einmal gemacht werden.

    Denn Solarenergie ist nur dann „Freiheitsenergie“, wenn die Politik einsieht, dass auch die Technologien zur Umwandlung von Photonen in Elektronen unsere Werte und Grundsätze widerspiegeln müssen – und zwar ohne autoritären Einfluss.
    Der Autor:
    Mark Widmar ist CEO von First Solar, dem größten amerikanischen Solarhersteller.

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