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18.01.2023

09:00

Gastkommentar

Europa kann zum globalen Leitmarkt für Klimatechnologien werden

PremiumDeutschland war stets innovativ. Die Bundesregierung muss jetzt Schlüsseltechnologien fördern – bei Künstlicher Intelligenz etwa haben wir Nachholbedarf, meint Michael Brigl.

Michael Brigl ist Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und zudem verantwortlich für das Geschäft in der Schweiz, Österreich und Osteuropa. dpa, BCG

Der Autor

Michael Brigl ist Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und zudem verantwortlich für das Geschäft in der Schweiz, Österreich und Osteuropa.

„Made in Germany“ muss neu aufgesetzt werden. Wir müssen in den kommenden zwei Jahrzehnten jede Branche in Richtung Klimaneutralität transformieren. Deutschland kann das. Wir haben große Visionäre und Visionärinnen, Macher und Macherinnen. Ich bin felsenfest überzeugt, dass Deutschland, dass Europa der globale Leitmarkt für Klimatechnologie werden kann.

Historisch haben wir uns in Deutschland durch unsere Innovationsfähigkeit ausgezeichnet. Wir müssen uns bewusst sein, was uns besonders macht und uns vom Innovationssystem der USA und Chinas abgrenzt.

In den USA herrscht ein klassisch darwinistisches System: Innovation durch Verdrängung. Die dortige Regierung fördert Wandel.

China dagegen koordiniert ein Innovationsmodell, in dem zum Beispiel Technologieunternehmen als Bindeglied zwischen Tech-Giganten und etablierten Unternehmen fungieren. Sie treiben die Themen und gelten in China nicht als Konkurrenten. Das ist höchst effizient.

In Deutschland gibt es einen dritten Weg. Wir leben ein integriertes Innovationsmodell mit etablierten Unternehmen im Zentrum, die jeweils ihr eigenes Ökosystem fördern. Die Regierung schützt und orchestriert dieses System.

Wir müssen die Ökosysteme für Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz fördern

Zuletzt waren wir vom Prinzip „schneller, besser, billiger“ getrieben. Wir waren Weltmeister im Hochlaufen der S-Kurve, die anzeigt, wann eine Innovation keine bedeutenden Fortschritte mehr bietet. Das Ergebnis: Top-Produkte zu hochkompetitiven Preisen haben uns zum Exportweltmeister gemacht.

Doch das reicht nicht mehr aus, um Innovationsführer zu sein. Heute geht es darum, bei Schlüsseltechnologien voranzukommen – häufig verbunden mit Sprunginnovationen.

Und so gut wir beim Hochlaufen abschneiden, so schwer haben wir uns getan, auf die nächste S-Kurve zu springen. Aber jetzt gilt es, neue Schlüsseltechnologien in Deutschland zu forcieren, um im weltweiten Innovationssystem zu bestehen. Der Klimawandel ist eine Chance für neue Geschäftsmodelle.

Stichwort Innovationssystem Deutschland: Wir müssen die Ökosysteme für die Schlüsseltechnologien wie Biotech oder E-Mobilität fördern. Ein führender Akteur ist unsere Regierung. So soll die Allianz für Transformation, die Bundeskanzler Olaf Scholz ins Leben gerufen hat, Ideen- und Taktgeber werden und eine Transformationsagenda für Deutschland entwickeln.

Es gilt vor allem, solche Technologien zu fördern, in denen Deutschland noch Nachholbedarf hat wie etwa in Künstlicher Intelligenz. Dazu ist es notwendig, eine klare Mission mit einem ambitionierten Zielbild zu definieren und Entscheidungsprozesse zu beschleunigen.

Die bestehenden Lücken bei der staatlichen Förderung von Grundlagen- und angewandter Forschung sollten wir schließen, auch die Brüche im Übergang von der Forschung in die unternehmerische Umsetzung. Wir brauchen einen Dialog zwischen Politik und Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, der eine Vision für Deutschland entwirft und einen breiten gesellschaftlichen Konsens schafft.

Deutschland braucht mehr Finanzinvestoren auf dem Klimatech-Markt

Stichwort Finanzierung: Wir brauchen mehr Finanzinvestoren, die sich im Klimatechnologiemarkt engagieren. Nur 3,5 Prozent des weltweit in Start-ups für Climate und Clean Tech investierten Kapitals sind nach Deutschland geflossen.

Das ist erschreckend wenig. Zum Vergleich: In den USA sind es 56 Prozent, in China 23 Prozent. Dieses Missverhältnis darf so nicht bestehen bleiben.

Schließlich die Digitalisierung: ein Querschnittsthema, das für den Klimaschutz große Bedeutung hat. 2020 wurden zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) in den Top-Wissenschaftszeitschriften knapp 90 Forschungsberichte aus Deutschland veröffentlicht, in den USA waren es mehr als 17 Mal so viele: 1600. China kommt auf 280 Berichte. Das Know-how aus den deutschen Laboren muss auf die Straße.

Unsere Analysen zeigen, dass Innovationsführende zwar das 1,4-Fache investieren, Innovationsnachzügler aber beim wirtschaftlichen Erfolg um etwa das Vierfache übertreffen. Top-Performende bauen gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten ihre Wettbewerbsvorteile aus.

Wir brauchen eine industriepolitische Agenda, die den Einsatz innovativer Technologien aus den Bereichen Dekarbonisierung oder Greentech stark voranbringt. Ein europäisches und deutsches Förderprogramm ist die richtige Antwort auf den Inflation Reduction Act, mit dem die USA Investitionen in Klimatechnologien fördern.

Es kann in Zukunft einen Klimatech-Leitmarkt Europa geben. Dafür benötigen wir ein kompetitives Innovationssystem, eine neue industriepolitische Agenda und ein Ökosystem, in dem unsere Vordenkerinnen und Vordenker vernetzt sind. Also: Let’s group up for climate.
Der Autor:
Michael Brigl ist Deutschland-Chef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und zudem verantwortlich für das Geschäft in der Schweiz, Österreich und Osteuropa.

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