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28.07.2022

13:34

Gastkommentar

Europas Industrie auf kaltem Energie-Entzug – dabei gibt es einen Ausweg

Putins Krieg zeigt: Europa muss bei kritischen Rohstoffen so schnell wie möglich unabhängig werden. Erste Projekte zeigen: Das ist gar nicht so schwer, analysiert Werner Hoyer.

Werner Hoyer ist Präsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg. imago/IPON, Montage

Der Autor

Werner Hoyer ist Präsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

Der Konsens in Europa ist breit wie selten: Seit Wladimir Putins Armee die Ukraine überfallen hat, wollen alle Staaten der Europäischen Union so schnell wie möglich weg von russischem Öl und Gas – jener billigen Droge, deren kalter Entzug die Wirtschaft in die Rezession zu stoßen droht. Kurzfristig führt an alternativen Gas-Importrouten kein Weg vorbei. Mittelfristig aber ist die Beschleunigung der grünen Energiewende die naheliegende Lösung.

Erneuerbare Energien, vor allem Solar- und Windenergie, helfen nicht nur dem überhitzten Klima. Sie machen uns auch unabhängig von Energieimporten.

Diese Abhängigkeit zu verringern ist besonders herausfordernd in den energieintensiven Industrien Stahl, Chemie, Zement und Aluminium: Sie können ihre Prozesse oft nicht auf Strom umstellen, weil sie Gas zur Erzeugung sehr hoher Temperaturen oder als stofflichen Input in der Produktion brauchen. Alternativen wie grüner Wasserstoff sind noch sehr teuer.

Strategische Unabhängigkeit müssen wir aber nicht nur schnellstmöglich im Energiesektor erreichen, sondern mittelfristig auch bei kritischen Rohstoffen: Bei fast allen für die grüne Wende unverzichtbaren Ausgangsstoffen ist Europa ähnlich abhängig von Importen aus Staaten mit fragwürdiger Menschenrechts- und Umweltschutzlage wie bei fossilen Energien. Lockdownbedingte Lieferengpässe etwa bei Solarmodulen aus China zeigen unsere Verletzlichkeit.

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    Es gibt bereits Erfolge

    Diese Ausgangslage darf uns nicht entmutigen. Es gibt ja bereits Erfolge: Strom lässt sich inzwischen am günstigsten mit Sonne und Wind herstellen. Dies sollte Ansporn sein, alle verfügbaren Technologien für Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft schnell auszubauen und Innovationen für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft zu beschleunigen.

    Parallel muss es darum gehen, die Rohstoffversorgung neu zu ordnen: Wie bei fossilen Energien geht es vor allem darum, den Verbrauch zu senken, sie also effizienter einzusetzen.

    Es muss uns auch gelingen, Rohstoffe in viel größeren Mengen zu recyclen – und sie künftig auch in Europa abzubauen. Die Aufgaben, vor denen Politik, Unternehmen und Gesellschaften stehen, sind gewaltig. Das gilt ebenso für die Investitionen, die in diesem Jahrzehnt für den klimagerechten Umbau der Wirtschaft notwendig werden. Mit den gewaltigen Herausforderungen gehen aber auch immense Chancen einher.

    Die richtigen Investitionen werden den Innovationsstandort Europa stärken und helfen, unseren Technologievorsprung im Bereich grüner Technologien zu verteidigen und damit auch unsere Wirtschaft im globalen Wettbewerb zu stärken.

    Dafür muss Europa endlich groß und auch strategisch denken. Das Ziel Klimaneutralität ist zwar im EU-Recht verankert. Trotzdem mangelt es aber oft am Ehrgeiz europäischer wie nationaler Politiker, als erster Kontinent die Klimawende tatsächlich zu schaffen – und dabei mit dem Nachbarkontinent Afrika eng zu kooperieren.

    Denn all unsere Klimaziele werden in Rauch aufgehen, wenn in Afrika der steigende Energiebedarf mit fossilen Energien gedeckt wird, statt den Sonnen- und Windreichtum des Kontinents mit modernster Technologie zu nutzen, etwa für die Produktion großer Mengen grünen Wasserstoffs.

    Eine Liste mit 30 kritischen Rohstoffen

    Dabei beginnen wir ja nicht bei null: In Schweden etwa fördert die Europäische Investitionsbank mit H2 Green Steel ein Projekt zur Herstellung von beinahe CO2-neutralem Stahl, basierend auf einem 800-Megawatt-Elektrolyseur zur Produktion von grünem Wasserstoff. Im spanischen Puertollano unterstützen wir ein Wasserstoff-Großprojekt des Energieversorgers Iberdrola zur Düngemittelproduktion.

    Was das Thema Rohstoffknappheit betrifft, führt die EU-Kommission längst eine Liste mit 30 kritischen Rohstoffen wie Kobalt, Lithium oder Bauxit. Derzeit wird an der Finanzierung einer innovativen Aluminium-Recyclinganlage in Griechenland gearbeitet, um unabhängiger von Bauxit-Importen zu werden.

    Von all diesen Initiativen brauchen wir noch viel mehr, gleichzeitig muss die Geschwindigkeit bei Planung und Umsetzung der Projekte erhöht werden, um die Transformation unserer Wirtschaft erfolgreich meistern zu können.

    Aus der Abhängigkeit von Rohstofflieferantenländern, die zu Recht in der Kritik stehen, werden wir uns allerdings erst dann wirklich befreien können, wenn wir uns ehrlich machen. Wie der Krieg in der Ukraine überdeutlich zeigt, rächt es sich, dass Europa fast alle Bergbau-Tätigkeiten ausgelagert hat. Dreck und Landschaftsverbrauch haben wir in den vergangenen Jahrzehnten lieber den Menschen auf anderen Kontinenten zugemutet als uns selbst.

    Kupfer und Nickel auch in Europa abbauen

    Wenn wir die grüne Transformation der europäischen Industrie mit Weitsicht vorantreiben wollen, müssen wir Rohstoffprojekte vorrangig in Ländern unterstützen, die unsere Werte von Demokratie und Menschenrechten teilen. Ärmere Länder brauchen unsere Unterstützung, höhere Umwelt- und Arbeitsschutzstandards einzuführen. Wir müssen dafür auch stärker zu Technologietransfers bereit sein als heute.

    Weitsicht, auch in Hinblick auf unsere strategische Autonomie in der grünen Transformation, bedeutet allerdings nicht zuletzt, dass wir Kupfer, Nickel, Lithium und Bauxit auch in Europa abbauen sollten. Der Bergbau wird in Teilen nach Europa zurückkehren müssen. Oft ist zu hören, es würde Jahre dauern, bis ein Bergbauprojekt geplant, genehmigt und umgesetzt ist. Ein Argument, das jedoch nur dann Überzeugungskraft hätte, wenn Putins Krieg eine kurze Episode bliebe, nach der das Leben in gewohnte Bahnen zurückkehren würde.

    Das aber ist eine Illusion! Europa muss sich darauf einrichten, dass ein aggressives Russland als Energie- und Rohstofflieferant dauerhaft ausfällt – und die Konflikte des Westens mit China eher zu- als abnehmen. Zaudern und Zögern wären also völlig falsch. Je eher Europa die Herausforderungen der Zeitenwende ernst nimmt, desto schneller können wir die Energiekrise bewältigen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Europa ein wichtiger Industriestandort bleibt.

    Bergbau muss nicht Landschaft verbrauchen

    Erste Projekte zeigen, dass neue Rohstoffminen in Europa möglich sind: Das finnische Unternehmen Keliber etwa will batteriefähiges Lithium herstellen und den Rohstoff dafür in Finnland abbauen. Viele Batterierohstoffe lagern sogar in Europas Kohleregionen – eine Chance auf neue Arbeitsplätze für alte Reviere.

    Bergbau muss nicht immer als landschaftsverbrauchender Tagebau daherkommen. Es gibt die Chance, Technologien zu entwickeln, die einen umweltverträglichen Abbau ermöglichen. Europa könnte neue Standards auch für umweltschonenden Rohstoffabbau setzen – weltweit, damit Umweltzerstörung und Kinderarbeit auch in anderen Teilen der Welt enden können.

    Der Erneuerbaren-Sektor ist auch hierfür das richtige Beispiel. Die Entwicklung von Wind- und Solartechnologien trägt nicht nur erheblich zu besserer Luftqualität bei, sie hilft auch, den Import von Gas und Kohle aus Ländern wie Russland zu verringern.

    Der Autor: Werner Hoyer ist Präsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

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