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02.08.2022

20:42

Gastkommentar

Europas Sonderweg in der Berichtspflicht zur Nachhaltigkeit führt ins Abseits

PremiumStatt eine globale Lösung zu suchen, setzt Brüssel eigene Regeln, die viel Mehraufwand bedeuten. Kleine und mittlere Firmen sollten davon ausgenommen werden, fordert Nicolas Peter.

BMW-Manager Rainer Häckl/BMW [M]

Nicolas Peter

BMW-Manager

Die Berichterstattung über Nachhaltigkeitsleistungen, die für große börsennotierte Unternehmen gesetzlich verpflichtend ist, wird in den kommenden Jahren enorm ausgeweitet.

Mit großem Regulierungseifer hat die EU in den vergangenen Monaten die Einführung der Corporate Sustainability Reporting-Richtlinie (CSRD) vorangetrieben, deren regulatorische Inhalte Ende Juni vom Gesetzgeber festgelegt wurden.

Damit manifestiert sich, dass die Europäische Union mit aller Konsequenz einen Sonderweg einschlägt, der aus unternehmerischer Sicht höchst bedenklich ist.

Zwei Stolpersteine sind hier insbesondere kritisch hervorzuheben – die Einführung spezifisch europäischer nichtfinanzieller Rechnungslegungsstandards sowie die Ausweitung der Berichtspflichten.

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    Die sogenannten European Sustainability Reporting Standards sollen maßgebend für die Nachhaltigkeitsberichterstattung in der EU werden. Die EU-Kommission hat Mitte 2021 ein Beratungsgremium mit der Entwicklung umfassender Standards beauftragt.

    Damit hat sie bewusst auf eine europäische Lösung gesetzt – sinnvoller wäre aber, die Entwicklung internationaler Nachhaltigkeits-Berichtsstandards aktiv zu forcieren, analog zu den global hoch anerkannten und angewendeten IFRS für die Finanzberichterstattung.

    Das Ergebnis der Standardsetzung auf internationaler Ebene ließe sich dann in europäisches Recht überführen und gegebenenfalls ergänzen.

    Für globale Unternehmen, aber auch für Investoren und Anleger, sind international einheitliche Standards der bessere Weg. Sie machen die Berichterstattung zu Nachhaltigkeitsthemen transparenter und vergleichbar.

    Die EU kompliziert mit ihrem Alleingang die Berichterstattung für europäische Unternehmen und erhöht dabei das Risiko ungleicher Wettbewerbsbedingungen. Statt neue Strukturen aufzubauen, Standards zu fragmentieren und zu regionalisieren, sollte die EU vielmehr die Nachhaltigkeitsstandards des International Sustainability Standards Board (ISSB) berücksichtigen.

    Gründerin dieses Gremiums ist die IFRS-Stiftung, der weltweit führende Standardsetzer für die finanzielle Berichterstattung. Der Board erarbeitet – in einem transparenten Erstellungsprozess und mit entsprechender Expertise – umfassende, global gültige Nachhaltigkeitsberichtsstandards in Bezug auf den Unternehmenswert.

    Diese werden so konzipiert, dass sie mit regional- oder länderspezifischen Anforderungen, zum Beispiel auf europäischer Ebene, kombiniert werden können. Sie würden folglich eine sogenannte Global Baseline, einen weltweiten Mindeststandard, darstellen.

    Die europäischen Nachhaltigkeitsstandards sollten im Einklang mit den globalen Grundlagenstandards stehen. Diesen Global-Baseline-Ansatz haben die Finanzminister und Notenbankgouverneure der G7- und G20-Staaten wiederholt unterstützt, zuletzt im Mai 2022.

    Zudem haben sich die deutsche Wirtschaft, aber auch die Bundesregierung erfolgreich für die Ansiedlung des ISSB in Frankfurt eingesetzt und unterstützen die Arbeit des Boards aktiv. Damit würde eine valide Grundlage für global einheitliche Nachhaltigkeitsberichtsstandards gelegt.

    Die vorgeschlagenen Berichtspflichten sind realitätsfern

    Der zweite Stolperstein betrifft die Berichtspflichten, die deutlich ausgeweitet werden: Möglichst viele europäische Unternehmen sollen künftig ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten offenlegen.

    In Deutschland wird dadurch die Anzahl der berichtspflichtigen Unternehmen von heute rund 500 auf circa 15.000 Unternehmen hochschnellen. Die Ausweitung der Berichtspflichten auch auf definierte Tochtergesellschaften von berichtspflichtigen Konzernen wird den Anwendungsbereich nochmals erhöhen.

    Die neuen Berichtspflichten werden also auch Deutschlands Mittelstand in der Breite treffen. Diese Ausweitung bürdet gerade kleineren und mittleren Unternehmen, die weder über die notwendige Personalstärke noch Expertise verfügen, zusätzliche hohe Belastungen auf.

    Statt wie bisher einzelne Nachhaltigkeitsdaten für Großunternehmen zu erfassen, müssten dann auch kleine und mittlere Unternehmen umfassend berichten. Sie sollten wegen des hohen Aufwands aber von der Regel ausgenommen werden.

    Die seit Ende April vorliegenden Entwurfsstandards des europäischen Beratungsgremiums European Financial Reporting Advisory Group schießen weit übers Ziel hinaus. Der Vorschlag enthält zu detaillierte und umfangreiche Berichtspflichten, die aus Unternehmenssicht realitätsfern sind.

    Für Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen allein sind über 130 Berichtspflichten vorgesehen und damit mehr als 800 Datenpunkte. Bei einem beträchtlichen Teil handelt es sich um komplett neue Anforderungen, die so bisher nicht von europäischen Unternehmen berichtet werden und auch gesetzlich nicht gefordert sind.

    Weniger wäre auch in diesem Fall mehr: Der Mehrwert dieser Informationsflut für Investoren und für die Öffentlichkeit erschließt sich nicht. Generell empfiehlt sich zur besseren Vergleichbarkeit und für mehr Transparenz der erwähnte prinzipienbasierte und weniger präskriptive Ansatz.

    Reform im Hauruckverfahren

    Trotz der – pandemiebedingten – Verzögerung des laufenden Gesetzgebungsverfahrens soll die Anwendung der CSR-Richtlinie und damit auch der europäischen Berichtstandards bereits für das Geschäftsjahr 2024 erfolgen.

    Die endgültigen Offenlegungspflichten zu den übergreifenden Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen auf Basis dieser Berichtsstandards werden jedoch erst spät im Jahr 2023 vorliegen.

    Den Unternehmen bleibt damit wieder kaum Zeit für die Implementierung der neuen Anforderungen. Hier scheint die Einhaltung von selbst gesetzten Fristen wichtiger zu sein als die inhaltliche Qualität der überarbeiteten Richtlinie und der Berichtsstandards sowie die Konsequenzen für die Unternehmen.

    Für die Umsetzung der neuen Reporting-Anforderungen sollte ein ausreichender Zeitrahmen gelten. Für die Implementierung neuer Rechnungslegungsstandards haben Unternehmen üblicherweise einen Vorlauf von mehreren Jahren. Schließlich müssen sich berichtspflichtige Unternehmen und Prüfgesellschaften mit ausreichendem Vorlauf vorbereiten.

    Wünschenswert wäre auch eine gestaffelte Einführung der Berichtspflichten, beispielsweise unter Priorisierung der ökologischen Kennzahlen. Dies würde Unternehmen die Implementierung der neuen Anforderungen erheblich erleichtern.

    Für uns alle drängt die Zeit: Die Klimaziele erfordern rasche Fortschritte beim laufenden Umbau der bestehenden Wirtschaft und Industrie. Es kommt jetzt darauf an, mit Augenmaß und Entschlossenheit die richtigen Dinge nachhaltig zu tun.

    Dabei sollte die EU die Unternehmen in ihrer Transformation zur Klimaneutralität unterstützen, statt diese durch ausufernde Regulierung zu erschweren.

    Der Autor: Nicolas Peter ist Finanzvorstand der BMW Group und Vorsitzender des Verwaltungsrats des DRSC (Deutsches Rechnungslegungs Standards Committee e.V.)

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