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21.01.2022

16:06

Gastkommentar

Gasverbraucher müssen über Speicher abgesichert werden

Mehrere Akteure der neuen Bundesregierung äußern, dass Eingriffe in den Gasmarkt kurzfristig zu erwarten sind. Was das konkret bedeuten könnte, analysiert Sebastian Bleschke.

Der Füllstand der deutschen Gasspeicher hat einen historischen Tiefstand erreicht. GAZPROM Germania GmbH

Gasleitung am Kavernenspeicher Etzel in Niedersachsen

Der Füllstand der deutschen Gasspeicher hat einen historischen Tiefstand erreicht.

Mit dem 1. April startet das Speicherjahr, und entsprechend beginnen für gewöhnlich die ersten Einspeicherungen von Erdgas. Im letzten Jahr war aber alles anders. Unter anderem aufgrund ungewöhnlich kalter Temperaturen wurde sogar noch bis in den Mai hinein Gas aus den Speichern entnommen.

Die Gasnachfrage in den ersten fünf Monaten des Jahres explodierte förmlich und verzeichnete einen Anstieg von rund 20 Prozent gegenüber den Vorjahresmonaten. Nur zum Vergleich: Pandemiebedingt ging der Gasverbrauch im Jahr 2020 gerade mal um knapp drei Prozent gegenüber 2019 zurück. Dies führte dazu, dass bereits im Mai die Speicherfüllstände aus dem historisch üblichen Korridor ausbrachen. Bislang sind sie dahin nicht zurückgekehrt. 

Anders als beim Ölmarkt, für den es eine Pflicht zur Vorhaltung einer Reserve gibt, werden Einspeicherungen in Gasspeichern vor allem preisgetrieben durch die Händler am Markt vorgenommen. Ist der Preis im Sommer niedrig, wird eingespeichert. Ist der Preis im Winter hoch, erfolgen Ausspeicherungen. Eine Gasreserve analog zur Ölreserve gibt es nicht.

Genau der Preisunterschied zwischen Sommer und Winter aber stand während des vergangenen Sommers auf dem Kopf. Der Preis fiel nach den langen Ausspeicherungen nicht, sondern stieg über den Sommer 2021 hinweg immer weiter an. Entsprechend verhalten erfolgten Einspeicherungen. Das Gasangebot konnte mit der gestiegenen Nachfrage ganz offensichtlich nicht Schritt halten.

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    Der Markt spiegelte das angespannte Verhältnis durch einen entsprechenden Preis wider. Allein zwischen August und September verdoppelte sich der Gaspreis von rund 40 auf über 80 Euro am Großhandelsmarkt, mit entsprechender Wirkung. Die Gasnachfrage brach in den beiden Monaten um rund 17 Prozent ein.

    Grafik

    Mit dem extremen Anstieg der Gaspreise gerieten Industriekunden unter Druck. Es werden immer mehr Industriekunden bekannt, die ihre Anlagen drosseln oder ganz abschalten mussten, weil sie zu den Gaspreisen nicht mehr wettbewerbsfähig produzieren können. Für das Jahr 2021 verblieb vor diesem Hintergrund insgesamt nur noch ein Zuwachs der Gasverbräuche um knapp vier Prozent.

    In dieser angespannten Marktlage und mit den damit verbundenen Anreizen zur Einspeicherung erreichten die Gasspeicher im November 2021 nur einen Füllstand von knapp über 70 Prozent. Normalerweise liegt der Füllstand in dieser Zeit bei über 90 Prozent.

    Seitdem wird Gas vergleichbar mit der historischen Inanspruchnahme aus den Speichern entnommen. Lediglich einige milde Tage Ende Dezember und Anfang Januar ließen kurzzeitig wieder Einspeicherungen zu.

    Vorsorglich hat Trading Hub Europe (THE) als Verantwortlicher für das deutsche Gasmarktgebiet deshalb über zwei Sonderausschreibungen sogenannter Long-Term-Options (LTO) gespeicherte Gasmengen für das Ende des Winters vertraglich reserviert. Eine zu rasche Entleerung der Füllstände soll damit vermieden werden. Derzeit wird aber weiterhin stark ausgespeichert, wodurch die Füllstände mit 46 Prozent weiterhin historisch tief sind.  

    Insolvenzen bringen Grundversorgung in Schieflage

    Als Nachfrager treten auf den Großhandelsmärkten nicht nur Industriekunden, sondern allen voran auch Energieversorger auf. Sie beschaffen dort Gas, um ihre Kunden beliefern zu können. Und genau da werden extrem hohe Preise politisch. Neben der kurzfristigen Beschaffung können Energieversorger über Terminprodukte oder Langfristverträge Gas auch für weit in der Zukunft liegende Zeiträume einkaufen.

    In der Tendenz erfolgte die Gasbeschaffung immer stärker kurzfristig, da die Liquidität der Handelsmärkte zunahm und die kurzfristige Beschaffung Kostenvorteile versprach.

    Einige sogenannte Energiediscounter haben daraus ganze Geschäftsmodelle entwickeln können und immer mehr Kunden akquiriert. Kurzfristige Beschaffungsstrategien sind aber eben auch mit Risiken verbunden, wie die aktuelle Situation zeigt.

    Wer vorher zu Billigpreisen kurzfristig einkaufte, muss nun teuer Gas beschaffen. Ursächlich für den Einbruch der Liquidität an den Handelsmärkten könnte unter anderem eine reduzierte Vermarktung kurzfristig zur Verfügung stehender Gasmengen sein. Beispielsweise fanden die letzten Vermarktungsaktivitäten des Gazprom-Konzerns auf der konzerneigenen Sales-Plattform im Oktober 2021 statt.

    Infolge dieser fundamental veränderten Marktsituation gerieten einige kurzfristig beschaffende Energieversorger in Liquiditätskrisen und mussten Insolvenz anmelden. Die zum Teil stark angewachsenen Kundenstämme sind über Nacht in die Ersatzversorgung der Grundversorger gefallen.

    Grundversorger stehen aber dann vor dem gleichen Problem der kurzfristig teuren Gasbeschaffung. Zur Absicherung der eigenen Liquidität fordern die Grundversorger, das heißt insbesondere die kommunalen Stadtwerke, deshalb nicht ohne Grund zinslose Darlehen und spalten die Grundversorgungstarife in Bestands- und Neukunden auf, um zusätzliche Einnahmen zu generieren.

    Neben einer Liquiditätskrise von Unternehmen, die das Fundament der deutschen Daseinsvorsorge in Sachen Gas darstellen, gibt es aber noch ein weiteres politisches Problem. Für die Kunden, für die nun kurzfristig mit viel Geld Gas beschafft werden muss, wurde kein Gas in Speichern eingelagert.

    Entsprechende Verunsicherung besteht angesichts der historisch niedrigen Füllstände, ob nach dem Geld nicht auch das Gas irgendwann knapp werden könnte. Grundversorger können diese substanzgefährdenden wirtschaftlichen Risiken im Grunde nicht handhaben. Die Politik überlegt deshalb, wie sie die Liquidität von Grundversorgern und in Zukunft auch die physische Verfügbarkeit von Gas absichern kann.

    Markteingriffe seitens der Politik stehen unmittelbar bevor

    Aufgrund des Marktverhaltens einer relevanten Anzahl an Versorgungsunternehmen, die mit Blick auf die aktuell extrem hohen Marktpreise offensichtlich zu hohe Beschaffungsrisiken eingegangen sind, bleibt der Politik im Grunde keine andere Wahl, als zu handeln. Zunächst werden die unmittelbaren Gefahren abgewendet werden müssen.

    Patrick Graichen, neuer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, hat auf dem Handelsblatt-Energie-Gipfel bereits erklärt, dass die Praxis der Aufspaltung von Grundversorgungstarifen legitimiert werden wird. In Sachen Darlehen ist die KfW schon eingeschritten und hat den Markt gestützt. Es bleibt aber die Frage, wie für die Zukunft ein Marktverhalten unterbunden werden kann, das das gesamte System der Grundversorgung ins Wanken bringt.

    Mit einer ergebnisoffenen Analyse von Handlungsoptionen ist das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums offenbar schon befasst. Es heißt, dass im Februar kurzfristig zur Thematik eine Entscheidung getroffen werden soll, damit die Wintervorsorge bereits im nächsten Jahr besser klappt.

    Wer die Debatten der letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, wird noch im Gedächtnis haben, dass sich vor allem die Grünen, insbesondere in Person von Oliver Krischer, immer wieder für die Einrichtung einer Gasreserve ausgesprochen haben. Mittlerweile als parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium beschäftigt, dürfte er an der Entscheidung maßgeblich beteiligt sein. Auch die SPD befasst sich mit dem Thema. In einem Positionspapier vom 20. Januar 2022 schreibt die Bundestagsfraktion: „Die Schaffung einer nationalen Erdgasreserve werden wir prüfen.“

    Für den politischen Abwägungsprozess empfiehlt INES, Lieferanten zu verpflichten, die Belieferung geschützter Kunden, das heißt insbesondere der Haushaltskunden, durch die Nutzung von Speichern physisch abzusichern. Geht ein Versorger insolvent, könnte sein Anteil an der Wintervorsorge für die Grundversorger freigegeben werden, in deren Ersatzversorgung die von der Insolvenz betroffenen Kunden fallen. Damit nicht jeder Lieferant selbstständig Gas bevorraten muss, wäre eine zentrale Umsetzung dieser Lieferantenverpflichtung über den Marktgebietsverantwortlichen THE vorstellbar.


    Sebastian Bleschke ist Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), dem Zusammenschluss der Erdgasspeicherbetreiber in Deutschland.


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