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08.12.2022

11:00

Gastkommentar – Global Challenges

Europas Unternehmen stärken

PremiumWir brauchen einen effizienteren EU-Binnenmarkt und keinen neuen transatlantischen Handelskonflikt, analysiert Jörg Rocholl.

Jörg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin. Imago

Der Autor

Jörg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin.

Besser als erwartet und schlechter als möglich: So lautet das Fazit zum Zustand der deutschen und europäischen Wirtschaft am Ende dieses „Zeitenwende“-Jahres. Besser als erwartet, weil keines der Horrorszenarien – tiefe Rezession oder gar das Ende des deutschen und europäischen Wirtschaftsmodells – eingetreten ist.

Die Prognosen für das Jahr 2023 sagen, wenn überhaupt, nur eine leichte Rezession voraus. Angesichts der enormen Herausforderungen infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sowie Europas großer Abhängigkeit von Gas und anderen fossilen Energieträgern sind das gute Nachrichten.

Sie zeigen die enorme Anpassungsfähigkeit des marktwirtschaftlichen Systems, in dem viele dezentrale Entscheidungen dafür sorgen, dass die Wirtschaft sich schnell auf neue Herausforderungen einstellt. Diese systemische Stärke sollte Zuversicht geben im Wettstreit mit dem zentral gesteuerten System Chinas, das mit der verheerenden Null-Covid-Politik gerade an seine Grenzen gerät. Gleichzeitig aber schneiden die deutsche und europäische Wirtschaft im internationalen Vergleich deutlich schlechter als möglich ab.

Studien zeigen, dass US-Unternehmen weltweit die höchsten Gewinne und besten Umsatzrenditen erzielen. Sie liegen deutlich vor den deutschen und europäischen Unternehmen. Unter den 100 wertvollsten Unternehmen der Welt sind kaum europäische und kein einziges deutsches Unternehmen vertreten.

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Standort erkennen

    Schlimmer noch: Konzerne wie der Gasespezialist Linde entscheiden sich, dem Börsenplatz Frankfurt den Rücken zu kehren. Deutschland und Europa verlieren so zunehmend den Anschluss an die internationale Konkurrenz.

    Der europäische Kapitalmarkt ist zersplittert

    Wegen der geringen Börsenbewertung wächst überdies die Gefahr, von ausländischen Wettbewerbern übernommen zu werden. Eine dauerhafte Gewinnschwäche gegenüber außereuropäischen Konkurrenten bedroht nicht nur europäische Unternehmen, sondern auch den Wirtschaftsstandort. Es ist daher keine Überraschung, dass der US-Bundesstaat Kalifornien mit seinen großen Technologieunternehmen Deutschland bald in puncto Wirtschaftskraft überholen dürfte – und das mit weniger als der Hälfte der Bevölkerung.

    Global Challenges – Idee und regelmäßige Autoren

    Global Challenges – die Idee

    Global Challenges ist eine Marke der DvH Medien. Das Institut möchte die Diskussion geopolitischer Themen durch Veröffentlichungen anerkannter Experten vorantreiben.

    Prof. Dr. Ann-Christin Achleitner

    Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU-München und zudem Mitglied in zwei Konzern-Aufsichtsräten

    Sigmar Gabriel

    Ehemaliger Außen-, Wirtschafts- und Umweltminister und Vorsitzender der Atlantik-Brücke e.V.

    Prof. Dr. Veronika Grimm

    Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Sachverständigenrats

    Werner Hoyer

    Werner Hoyer ist Präsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

    Günther Oettinger

    Ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und ehemaliger EU-Kommissar für Haushalt, Digitale Gesellschaft, Wirtschaft, Energie; Präsident von United Europe e.V.

    Prof. Jörg Rocholl, PhD

    Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen

    Prof. Dr. Bert Rürup

    Ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates und Chefökonom des Handelsblatts in Düsseldorf

    Prof. Dr. Renate Schubert

    Hochschullehrerin für Nationalökonomie an der ETH Zürich und am Singapore ETH-Centre

    Jürgen Trittin

    Der Grünen-Politiker ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und ehemaliger Bundesumweltminister.

    Redaktion

    Dr. Michael Brackmann, Bonn

    Die Gründe für dieses Zurückfallen sind breit diskutiert worden, die daraus abzuleitenden wirtschaftspolitischen Reaktionen fallen aber nach wie vor zu schwach aus. Das beginnt mit dem Kapitalmarkt, das europäische Finanzsystem ist nach wie vor zu zersplittert, um gegenüber den USA wettbewerbsfähig zu sein. Investitionen in Wachstumsunternehmen hinken deutlich hinter den USA hinterher und werden in Europa sogar häufig mit US-Kapital finanziert, obwohl es auf dem alten Kontinent genügend Kapital gibt.

    Diese Schwäche hat unmittelbare Auswirkungen: Europa kann zwar in der Grundlagenforschung mit den USA und anderen Weltregionen mithalten, die Investitionen in Bereichen wie Life-Science liegen zum Teil sogar über dem amerikanischen Niveau. Geht es aber um die Vermarktung der Erfindungen, verkehrt sich der europäische Vorsprung in einen Rückstand.

    Fatalerweise gilt dies insbesondere für die Wachstumsphase innovativer Unternehmen, also gerade dann, wenn die wahre Wertschöpfung eintritt und große ökonomische Gewinne entstehen.

    Herausforderung durch den Inflation Reduction Act

    Deshalb muss die europäische Wirtschaftspolitik alles daransetzen, diesen Nachteil kraftvoll auszugleichen, vor allem durch eine Stärkung des Binnenmarkts. In der Gründungszeit der Europäischen Union symbolisierte das Ende der Grenzschlagbäume das Zusammenwachsen des Kontinents. Heute müssen die weniger sichtbaren, aber umso wirkungsmächtigeren Barrieren im Finanz- und Kapitalmarkt abgeräumt werden – zumal sich eine weitere mögliche Bedrohung abzeichnet.

    Die US-Regierung hat mit dem Inflation Reduction Act (IRA) eine ebenso ambitionierte wie zukunftsweisende wirtschaftspolitische Initiative auf den Weg gebracht: Hunderte von Milliarden Dollar sollen in die Bereiche Klima und Energie investiert werden. Ob und in welchem Maße dabei auch europäische Unternehmen zum Zug kommen können, darum wird nach heftigen Protesten vor allem aus Paris und Berlin derzeit noch gerungen.

    Bislang sieht es so aus, dass der IRA als protektionistische Initialzündung für neue und weitere Handelsbeschränkungen zwischen Europa und den USA wirken könnte – und das zu einem Zeitpunkt, in dem die Einigkeit zwischen Europa und den USA wegen des russischen Angriffskriegs so wichtig ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

    Eigentlich sollte im industriepolitischen Verhältnis zwischen Europa und den USA genau das gelten, was auch für die europäischen Finanz- und Kapitalmärkte gilt: Eine weitere Integration der Märkte wäre für alle Beteiligten die beste Lösung – und würde mögliche europäische Gegenmaßnahmen zum IRA erübrigen.

    Ein neuer transatlantischer Handelskonflikt wäre nämlich nur aus Wladimir Putins Perspektive besser als erwartet – für Europa und die USA aber weitaus schlechter als möglich.
    Der Autor:
    Jörg Rocholl ist Präsident der European School of Management and Technology Berlin.

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