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20.01.2022

04:00

Gastkommentar – Global Challenges

Worauf es beim globalen Klimaschutz ankommt

Man muss die ungleich verteilten Chancen und Risiken der Transformation verstehen, um geeignete politische Rahmenbedingungen zu schaffen, analysiert Veronika Grimm.

Ökonomin, Mitglied des Sachverständigenrats Statistisches Bundesamt/Bildkraft

Veronika Grimm

Ökonomin, Mitglied des Sachverständigenrats

Klimaschutz, das rückt zu oft in den Hintergrund, ist eine globale Herausforderung. Nur mit weltweiten Kraftanstrengungen kann die Verringerung von Emissionen schnell genug gelingen. Allerdings sind in diesem Prozess die Ausgangspositionen und Interessen verschiedener Länder und Regionen, ihre Chancen und Risiken höchst ungleich verteilt.

Die Verwundbarkeit von Staaten durch den Klimawandel dürfte in Äquatornähe, wo die Temperaturen bereits heute hoch sind, am größten sein. In fortgeschrittenen Ländern werden die physischen Risiken zwar auch zunehmen, zumeist aber stehen hier Herausforderungen wie die tief greifende Veränderung von Produktionsstrukturen und wegfallende Geschäftsfelder im Vordergrund.

Nicht immer gelingt die Koordination von Veränderungen entlang der komplexen und oft internationalen Wertschöpfungsketten. Die Folge: Unsicherheit zögert notwendige Investitionen hinaus.

Gleichzeitig kann es in entwickelten Volkswirtschaften zu abrupten Vermögensverlusten kommen, wenn wirtschaftliche Aktivitäten nicht mehr mit den nationalen Klimazielen übereinstimmen. Außerdem senkt etwa die Zunahme von Extremwetter die Profitabilität von Versicherungsunternehmen – daraus ergeben sich auch Risiken für die Finanzmarktstabilität. Dennoch müssen die Finanzmärkte eine zentrale Rolle bei der Finanzierung der ökologischen Transformation spielen. Es gilt somit, die Risiken zu adressieren und zugleich die Möglichkeiten zur Finanzierung der Transformation zu stärken.

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    Hinsichtlich der bevorstehenden Herausforderungen haben Staaten mit Zugang zu Wasserkraft wie die Schweiz und Norwegen oder solche mit einem hohen Potenzial für erneuerbare Energien wie Australien oder die Golfstaaten eine deutlich bessere Ausgangsposition als Länder wie Polen, China und Indien, in denen ein Großteil der Energieversorgung auf Kohle basiert – oder auch Russland und Nigeria, die Öl und Gas exportieren.

    Saudi-Arabien setzt auf Diversifizierung

    Viele Länder mit umfangreichen Vorkommen an Öl und Gas sind in hohem Maße wirtschaftlich abhängig von deren Förderung und Export. Andere Wirtschaftsbereiche haben oft einen vergleichsweise geringen Wertschöpfungsanteil. Die sogenannten Ressourcenrenten dieser Förderländer sind dabei extrem unterschiedlich. Sie hängen vor allem von den geologisch bedingten Förderkosten im Vergleich zu den Marktpreisen ab. Länder mit großen Ölreserven und niedrigen Förderkosten wie die Golfstaaten erzielen im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt hohe Ressourcenrenten.

    Global Challenges

    Global Challenges ist eine Marke der DvH Medien

    Das neue Institut möchte die Diskussion geopolitischer Themen durch Veröffentlichungen anerkannter Experten vorantreiben. Regelmäßige Autoren sind Prof. Dr. Ann-Kristin Achleitner, Sigmar Gabriel, Prof. Dr. Veronika Grimm, Werner Hoyer, Günther Oettinger, Prof. Dr. Jörg Rocholl, Prof. Dr. Bert Rürup, Prof. Dr. Renate Schubert und Jürgen Trittin.

    Prof. Dr. Ann-Christin Achleitner

    Co-Direktorin des Center for Entrepreneurial and Financial Studies (CEFS) an der TU-München und zudem Mitglied in zwei Konzern-Aufsichtsräten

    Sigmar Gabriel

    Ehemaliger Außen-, Wirtschafts- und Umweltminister und Vorsitzender der Atlantik-Brücke e.V.

    Prof. Dr. Veronika Grimm

    Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftstheorie, an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Sachverständigenrats

    Werner Hoyer

    Werner Hoyer ist Präsident der Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

    Günther Oettinger

    Ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg und ehemaliger EU-Kommissar für Haushalt, Digitale Gesellschaft, Wirtschaft, Energie; Präsident von United Europe e.V.

    Prof. Jörg Rocholl, PhD

    Präsident der internationalen Wirtschaftshochschule ESMT Berlin und stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium der Finanzen

    Prof. Dr. Bert Rürup

    Ehemaliger Vorsitzender des Sachverständigenrates und Chefökonom des Handelsblatts in Düsseldorf

    Prof. Dr. Renate Schubert

    Hochschullehrerin für Nationalökonomie an der ETH Zürich und am Singapore ETH-Centre

    Jürgen Trittin

    Der Grünen-Politiker ist Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags und ehemaliger Bundesumweltminister.

    Redaktion

    Dr. Michael Brackmann, Bonn

    Zunehmend bemühen sich aber beispielsweise Saudi-Arabien und das Emirat Dubai, ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Sie vertiefen ihre Wertschöpfungsketten, setzen auf High Tech und investieren in erneuerbare Energien und die Produktion von Wasserstoff. Gleichzeitig erhalten Klimaschutzziele global ein immer größeres Gewicht. Die Chancen der Dekarbonisierung treten damit immer mehr in den Vordergrund.

    Nach der 2015 in Paris besiegelten Einigung auf ein globales Klimaziel haben sich in den vergangenen Jahren viele große Emittenten Klimaneutralitätsziele gesetzt – die Europäische Union, die USA, Kanada, Japan und Südkorea bis zum Jahr 2050, China und Saudi-Arabien bis 2060. Durch die konkreten Klimaziele großer Industrieländer ergibt sich ein enormer Bedarf an Technologien, mit denen sich weltweit klimaneutral Energie erzeugen und klimafreundlich wirtschaften lässt.

    Unternehmen in den Industrieländern haben nun die Gewissheit: Auf der Basis klimaschädlicher Technologien lässt sich langfristig kein Geld mehr verdienen. Deshalb fordern sie Weichenstellungen für eine ambitionierte Klimapolitik – und eine Verringerung der regulatorischen Unsicherheit im nationalen und globalen Umfeld.

    Die Chancen sind ungleich verteilt

    Handlungsbedarf und Chancen sind vielfältig und wiederum ungleich verteilt. Staaten mit einer Spezialisierung auf klimafreundliche Technologien können neue Möglichkeiten der Wertschöpfung erschließen. Deutschland, Skandinavien, die USA und Kanada etwa haben ein hohes Potenzial bei Clean-Tech-Start-ups. Deutschland steht im internationalen Vergleich bei umweltbezogenen Patenten gut da. China und Japan dominieren allerdings schon heute die Produktion von Elektrofahrzeugen, Batteriezellen, Photovoltaikanlagen und Elektrolyseuren.

    Entscheidend für die zukünftige Wettbewerbsposition der Staaten wird es sein, rasch innovationsfreundlichere politische Rahmenbedingungen zu schaffen. Weitere Chancen ergeben sich im Zuge der Umstellung des globalen Energiehandels auf klimafreundliche Energieträger. Staaten mit guten Voraussetzungen zur Erzeugung von grüner Energie auf der Basis von Wind, Photovoltaik, Wasserkraft oder Geothermie können neue Wertschöpfungspotenziale durch Energieexport erschließen – das gilt beispielsweise für Chile, afrikanische Staaten, aber auch Saudi-Arabien, Australien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

    Andere Staaten, so auch Deutschland, können dadurch ihre Energieabhängigkeit auf mehrere Schultern verteilen. Die Vorteile einer solchen Diversifizierung liegen spätestens seit der jüngsten Energiepreiskrise und den Diskussionen um die Abhängigkeit von russischem Gas auf der Hand. Bilaterale Partnerschaften der Bundesrepublik mit Ländern wie Japan, Chile, Marokko und Australien zielen schon heute auf Kooperationen bei Wasserstofftechnologien oder -importen ab.

    Die Industrie steht bereit, zum Aufbau dieser Wertschöpfungsketten beizutragen und sich so in Zukunftsmärkten zu positionieren. Um Anbieter und Nachfrager von Wasserstoff zusammenzubringen, ist beispielsweise die Initiative H2 Global gut geeignet. Klar muss aber auch sein: Um das Weltklima zu retten, müssen wir auch den Staaten eine Brücke bauen, die nicht ohne Weiteres einen Transformationswillen entwickeln können oder wollen. Sei es, weil die Machteliten ihren Wohlstand aus den fossilen Ressourcenrenten beziehen oder die Finanzkraft für eine ökologische Transformation bei Entwicklungs- und Schwellenländern einfach nicht vorhanden ist.

    Die Rahmenbedingungen müssen stimmen

    Aus deutscher Perspektive illustriert Russland dieses Spannungsverhältnis: So wichtig es ist, durch Diversifikation der Energieimporte die Abhängigkeit perspektivisch zu reduzieren, so bedeutsam ist es gleichermaßen, den Gestaltungsspielraum, den eine gegenseitige Abhängigkeit bietet, zu erhalten und zu nutzen.

    Keine Frage: Bi- und plurilaterale Kooperationen werden schon wegen der Diversität und Vielfalt der Interessen einzelner Staaten in den kommenden Jahren eine wichtige Rolle spielen. Verwirklichen kleinere Gruppen von Staaten Synergieeffekte etwa beim Aufbau von Energiehandelsbeziehungen oder durch die Gründung eines Klimaklubs, so sollte dies immer auch auf die internationale Klimapolitik und deren Finanzierung einzahlen.

    Es wird wichtig sein, dass die Staaten internationale Rahmenbedingungen schaffen, die für Unternehmen den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten attraktiv machen – etwa durch Investitionsschutzabkommen und Fortschritte bei Handelsabkommen. Deshalb hat auch der Sachverständigenrat diese Optionen in seinem aktuellen Jahresgutachten breit diskutiert.


    Die Autorin: Veronika Grimm ist Professorin für Volkswirtschaft an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.


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