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05.10.2022

04:00

Gastkommentar

Japan zeigt, wie ein Land Rohstoffsouveränität erreichen kann

PremiumMit einem Gesetz zur Wirtschaftssicherheit sichert Japan sich kritische Rohstoffe für eine klimaneutrale Zukunft. Das Konzept ist ein Vorbild für Deutschland, meint Sandra Detzer.

Sandra Detzer ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Rohstoffberichterstatterin für Bündnis 90/Die Grünen. imago images/photothek

Die Autorin

Sandra Detzer ist Mitglied des Deutschen Bundestags und Rohstoffberichterstatterin für Bündnis 90/Die Grünen.

Die Zeit der Sorglosigkeit ist vorbei. Deutschland war Exportweltmeister von Russlands Gnaden, billiges Gas galt als selbstverständlich. Doch seit dem 24. Februar ist klar: Rohstoffe sind wieder eine Waffe im Ringen um die künftige Welt- und Wirtschaftsordnung.

Die Bundesregierung unternimmt nun alles, um die Fehler der Vergangenheit zu beheben. Während die Bewältigung der Energiekrise noch auf Hochtouren läuft, steht aber längst der nächste Elefant im Raum: die Versorgung mit kritischen Rohstoffen, die wir für Digitalisierung und Klimaschutz brauchen. Sie entscheidet über unsere künftige Wettbewerbsfähigkeit.

Auf dem Programm für Deutschlands Rohstoffsicherheit stehen heute: Kobalt, Kupfer, Lithium und Seltene Erden. Wir brauchen sie für Windkraftgeneratoren und Solarpanels, Elektromotoren und Stromleitungen. Was Öl und Gas für die alte Welt waren, sind diese Metalle für die klimaneutrale Welt von morgen: unersetzlich.

Japan hat seine Zeitenwende schon im Jahr 2010 erlebt

Kaum ein anderes Land hat das so gut verstanden wie Japan. Kaum ein anderes Land hat so gut strategisch vorgesorgt. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt erlebte ihre Zeitenwende bereits im Jahr 2010.

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    Anlass war der bekannte Streit mit China um eine unbewohnte Inselgruppe nördlich von Taiwan, die heute zu Japan zählt und von China beansprucht wird. China stellte damals seine Seltene-Erden-Exporte nach Japan ein.

    Über 90 Prozent seiner Importe von Seltenen Erden, die für Elektronik- und Automobilindustrie unersetzlich sind, bezog Japan zu diesem Zeitpunkt aus China. Heute sind es nur noch 60 Prozent.

    „Das Lieferkettenrisiko war nicht mehr Theorie. Unsere ganze Autoindustrie befand sich kurz vor dem Stillstand“, sagt der ehemalige Staatssekretär im Tokioter Wirtschaftsministerium Meti, Tatsuya Terazawa, den viele für den Erfinder der heutigen japanischen Rohstoffpolitik halten.

    Die Folgen des chinesischen Exportverbots beschäftigen Terazawa bis heute: „Viele unserer Unternehmen können ohne China nicht leben. Japan aber kann ohne wirtschaftliche Sicherheit nicht leben.“

    Der Begriff der Wirtschaftssicherheit, den Japans Regierung nun im neuen Wirtschaftssicherheitsgesetz operationalisiert, spielt im deutschen Diskurs bisher kaum eine Rolle. Mit Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ist aber sein inhaltlicher Kern sehr wohl ganz nach vorn auf die politische Agenda gerückt: die Diversifizierung von Rohstoffquellen, die Absicherung von Lieferketten und die Frage nach einer neuen Arbeitsteilung zwischen Staat und Unternehmen hinsichtlich des geopolitischen Risikomanagements. Japan ist hier Vorreiter.

    Je wichtiger ein Rohstoff ist und je risikoreicher sein Herkunftsland, umso mehr unterstützt Japan Firmen bei der Rohstoffsicherung

    Tokio hat vor allem drei Institutionen aufgebaut:

    • eine Rohstoffagentur (Jogmec) mit über 600 Mitarbeitern, Büros in 18 Bergbauländern und einem Jahresbudget von umgerechnet über zwölf Milliarden Euro,
    • eine Taskforce der Regierungspartei zur Wirtschaftssicherheit, welche die Aufgaben der Lieferkettendifferenzierung und Kreislaufwirtschaft im Alltag der Parteiarbeit verankert,
    • ein neues Ministeramt für Wirtschaftssicherheit, das zentral die Arbeit aller Ministerien bei Fragen der Wirtschaftssicherheit inklusive Rohstoffbeschaffung und Recycling koordiniert.

    Japan versteht heute seine Abhängigkeit von besonders kritischen Rohstoffen als potenziell existenzgefährdend für die Gesamtgesellschaft. Unternehmen wie Mitsubishi Electric haben eigene Abteilungen für Wirtschaftssicherheit eingerichtet.

    Toyota investiert sehr früh in der Wertschöpfungskette und ist bereits im Bergbau aktiv, so, wie es sich VW in Kanada heute erst vornimmt. Und die äußerst schlagkräftige japanische Rohstoffagentur Jogmec unterstützt dabei – von der Erkundung über die Gewinnung bis zu Vorgaben für die Lagerhaltung.

    Im Kern lautet die Formel: Je seltener und wichtiger der Rohstoff und je risikobehafteter das Herkunftsland, desto größer die staatliche Unterstützung. Im Ergebnis sind japanische Unternehmen global in der Rohstoffsicherung aktiv – und das entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

    Deutschland kauft dagegen größtenteils Vorprodukte ein, die überwiegend aus chinesischer Hand kommen. Aus diesem Grund warb Japan erst kürzlich auf dem Elmauer G7-Gipfel für sein neues Wirtschaftssicherheitsgesetz.

    Doch wie groß ist das Problem anfälliger Rohstoffketten wirklich? Die Antwort: sehr groß. Und es nimmt noch weiter zu.

    Europa soll als erster Kontinent klimaneutral werden, das schulden wir unseren Kindern und Enkeln. Doch brauchen wir dafür immer größere Mengen kritischer Rohstoffe.

    Projektionen der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigen, dass nicht mehr Gas und Öl in Zukunft den Großteil der energierelevanten Handelsgüter weltweit ausmachen werden, sondern kritische Rohstoffe.

    Europa kann seine Rohstoffversorgung nicht weiter von geopolitischen Kräften abhängig machen

    Übrigens bedarf es keines Konflikts mit China, um zu erkennen, dass wir Abhängigkeiten reduzieren müssen. China hat erst im März den Ausbau seiner Erneuerbaren-Kapazität um 450 Gigawatt bis 2030 beschlossen.

    Wenn China seine Rohstoffe nun für die eigene Energiewende nutzt, statt sie zu exportieren, oder – wie geschehen – die Magnesiumproduktion aus innenpolitischen Überlegungen drosselt, käme unsere Energiewende schnell ins Stocken.

    Uns fehlt, was für die japanische Politik schon seit Jahren eines ihrer wichtigsten Ziele ist: Rohstoffsouveränität.

    Der betriebswirtschaftlich nachvollziehbare Rückzug deutscher Unternehmen aus der Rohstoffbeschaffung und -verarbeitung hat bei uns zu einem immensen Marktanteil chinesischer Akteure geführt. Die europäische Rohstoffversorgung weiter den geopolitischen Kräften zu überlassen wäre jedoch sträflich.

    Basierend auf einem fundierten Bedarfs- und Verfügbarkeitsmonitoring, das die deutsche Rohstoffagentur Dera und die EU bereits in Teilen realisieren, könnte der Staat risikoreiche Investitionen in Rohstoffe wie Seltene Erden und Lithium begleiten und sie, wo nötig, auch finanziell unterstützen. In Japan schießt der Staat dabei bis zu 75 Prozent der Kosten zu.

    Japan hat schon einmal den Weg gewiesen - mit der Erfindung der just-in-time-Produktion

    Meist sind die Risiken des Bergbaus ökologischer und sozialer Natur, wie Grundwasserverseuchung und Kinderarbeit. Doch gerade hier könnte eine Stärke neuer europäischer Rohstoffprojekte liegen: in hohen ökologischen und sozialen Standards, in minimalinvasivem Bergbau und in der Nutzung der Sekundärrohstoffe durch Kreislaufwirtschaft.

    Die derzeitige europäische Haltung, Bergbau und die ökologisch oft nicht weniger problematische Weiterverarbeitung von Rohstoffen weit vor die Tore Europas zu verlagern, darf in Zukunft keine Option mehr sein. Sonst liegt die Zukunft unserer Energiewende und unserer Industriestärke in den Händen anderer.

    Schon einmal, Anfang der 1990er-Jahre, reisten viele deutsche Unternehmer und Politiker insbesondere aus Autobauer-Regionen nach Japan. Sie besichtigten dort Unternehmen, die neue Managementstrategien wie die „Just in time“-Produktion eingeführt hatten.

    Nichts von dem war eins zu eins auf Deutschland übertragbar. Und doch haben viele deutsche Unternehmen die Idee übernommen, was zu enormen Innovations- und Produktivitätsschüben hierzulande beigetragen hat.

    Auf dem Weg zu einer deutschen und europäischen Rohstoffsouveränität könnte es ähnlich laufen.

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