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02.11.2021

09:36

Gastkommentar

Klimaneutrales Wachstum nicht im europäischen Alleingang angehen

Die weltweiten Herausforderungen des Klimaschutzes sind gigantisch. Wie Unternehmen Teil der Lösung sein können, skizziert Henkel-Chef Carsten Knobel.

Carsten Knobel, Henkel Chef Henkel

Carsten Knobel

Carsten Knobel, Henkel Chef

Wer heute noch den durch Menschen verursachten Klimawandel als „Panikmache“ abtut, verschließt die Augen vor der Wirklichkeit. Klimaschutz ist das Thema unserer Zeit. Deutschland kommt dabei als größter Volkswirtschaft Europas mit starker industrieller Basis eine besondere Rolle zu.

Unser Handeln hat Signalwirkung für andere Länder. Wir müssen aber auch die Chance ergreifen, neue Wege für Innovation und Technologie aufzuzeigen. Nur so können wir einen Beitrag leisten und die Themen Klimaschutz und industrielle Produktion miteinander vereinen.

Dieses Thema steht zu Recht im Mittelpunkt der Koalitionsverhandlungen. Alle drei Parteien der Ampelkoalition haben erklärt, ihnen gehe es darum, dass Deutschland weiterhin ein zukunfts- und international wettbewerbsfähiger Industriestandort bleibt. Das ist wichtig. Schließlich sichert die industrielle Stärke unserer Wirtschaft Beschäftigung und Wohlstand – und schafft damit die politische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit, um die anstehenden Veränderungen zu bewältigen.

Die Frage nach klimaneutralem Wirtschaftswachstum kann allerdings nicht in einem nationalen oder europäischen Alleingang angegangen werden. Es macht keinen Sinn, einen Wettbewerb um die ambitioniertesten Ziele zu starten. Es muss vielmehr gelingen, im globalen Dialog Veränderungen mit Nachdruck voranzutreiben. Das ist nicht einfach. Die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen in Asien, den USA oder Europa sind sehr unterschiedlich.

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    Sei es mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung, den Energiemix, die Energieressourcen oder Technologien. Aber es geht kein Weg an einer konzertierten internationalen Anstrengung vorbei. Es ist zu hoffen, dass die Klimakonferenz in Glasgow dazu beiträgt, hier konkrete Fortschritte zu erzielen. Was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Ich bin überzeugt, dass Wirtschaftswachstum und Umweltschutz nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen.

    Verbote bringen keine notwendige Veränderung

    Mit Forderungen nach Verzicht oder mit Verboten wird es nicht gelingen, notwendige Veränderungen herbeizuführen. Wir brauchen das Vertrauen in Innovationsfähigkeit, den Wettbewerb von Ideen und Konzepten, die gezielte Förderung von neuen Technologien und die Offenheit zur Veränderung. Statt staatlichem Dirigismus benötigen wir die richtigen Rahmenbedingungen: Schnelle Genehmigungsverfahren, Abbau bürokratischer Hürden, steuerliche Anreize und marktwirtschaftliche Instrumente werden mehr Fortschritte für den Klimaschutz bringen als Verbote und Verzichtsappelle.
    Wir können klimaneutral wachsen, wenn wir es richtig angehen. Mit kreativen Innovationen und technologischem Fortschritt müssen wir Ökonomie und Ökologie verbinden. Es geht darum, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und Arbeitsplätze zu schaffen. Wir müssen aber zugleich den Planeten schützen, gesellschaftlichen Wohlstand steigern und Belastungen sozial abfedern, die mit dem Wandel verbunden sind.

    Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg wird es sein, Wachstum und Rohstoffverbrauch über die gesamte Wertschöpfungskette zu entkoppeln. Anders ausgedrückt: mit weniger Ressourcen mehr zu erreichen. Die Ziele des Pariser Klimaabkommens sind eindeutig. Dazu gehört die Halbierung der Treibhausgasemissionen bis 2030 und Klimaneutralität bis 2050, damit der Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzt werden kann.

    Dafür braucht es in den nächsten zehn Jahren Innovationen für grüne Technologien. Unternehmen sind bereit, den Wandel aktiv voranzutreiben. So auch Henkel. Wir setzen gemeinsam auf ambitionierte Klimaziele und verfügen über Ressourcen, Wissen, Erfahrung, Größe und Marktposition, um sie auch umzusetzen. Die Industrie steht zu ihrer Verantwortung und entwickelt konkrete Lösungen für eine klimaneutrale Zukunft. Ob regenerative Energien, emissionsfreie Wärmeversorgung oder die Vernetzung von Energieeffizienz und Digitalisierung: Maßnahmen zum Klimaschutz sind auch Chance und Anreiz für neues Wachstum.

    Neue Nachhaltigkeits-Märkte erschließen

    Heute schon können CO2-arme Technologien helfen, die Umweltbilanz zu verbessern und die Kosteneffizienz zu steigern, in der Industrie ebenso wie im Bau und Verkehr. Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft schützt Ressourcen und reduziert die Abfallmengen. Nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle erschließen heute schon neue Märkte sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern.

    Umweltbewusstes Wirtschaften erhöht auch die Chancen am Finanzmarkt. Investoren schauen immer mehr auch auf die Klimabilanz: Laut einer Umfrage von Union Investment berücksichtigen heute gut 70 Prozent aller institutionellen Investoren Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Anlageentscheidungen. Das zeigt die Relevanz, die nachhaltige Investments inzwischen haben.

    Es kommt immer mehr auf innovative Zukunftstechnologien und ressourcenschonende Prozesse an. Dabei entstehen auch neue Formen der Zusammenarbeit. Viele große Konzerne, auch Henkel, gehen strategische Allianzen mit jüngeren oder etablierten Unternehmen ein, die eine hohe Nachhaltigkeits-Expertise haben. Damit lassen sich Erfolg versprechende Konzepte aufgreifen und rasch umsetzen.

    Viele Ideen mit großem Potenzial müssen nicht erst erfunden werden, es gibt sie bereits. 2021 lag der Anteil grüner Start-ups bereits bei 30 Prozent aller jungen Unternehmen in Deutschland. Auch Investitionen in grüne Start-ups nehmen zu, ein Trend, der sich in Zukunft noch verstärken und die Gründerszene zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor machen wird. Hier hat Deutschland die Chance, sich weltweit eine führende Position zu sichern.

    Greenwashing wird nicht funktionieren

    Das aktuelle politische Klima stärkt den Trend zur nachhaltigen Transformation. Die USA sind unter Präsident Joe Biden dem Pariser Klimaabkommen wieder beigetreten, haben neue Klimaziele angekündigt und planen beträchtliche Investitionen in nachhaltige Technologien und Klimaschutz. Die EU hat ihre Klimaziele ebenfalls angehoben. Und auch für die künftige deutsche Regierung stehen Wachstum und Klimaschutz ganz oben auf der Agenda. Das sind wichtige, teils überfällige Schritte in die richtige Richtung.

    Wir befinden uns mitten in einem tief greifenden Umbruch. Unternehmen, die einen Fokus auf Nachhaltigkeit und ganzheitliches Wachstum legen, werden Wettbewerbsvorteile haben. Eines ist aber klar: „Greenwashing“ wird nicht funktionieren. Es geht um die richtige Haltung und um die richtigen Handlungen. Bei Henkel haben wir uns klare Ziele gesetzt, an denen wir gemessen werden können: Wir wollen bis 2030 in der Produktion 100 Prozent Elektrizität aus erneuerbaren Quellen einsetzen und bis 2040 klimapositiv sein, das heißt überschüssige Energie an Dritte abgeben.

    In den nächsten Jahren entscheidet sich, ob wir der globalen Herausforderung, mit weniger Ressourcen mehr zu erreichen, gewachsen sind. Wenn Unternehmen, Politiker, Wissenschaftler und Verbraucher an einem Strang ziehen, werden wir diese Herausforderung meistern. Ich glaube fest daran, dass Deutschland eine Pionierrolle im internationalen Wettbewerb einnehmen kann und wird. Wir dürfen aber keine Zeit mehr verlieren und müssen heute für morgen handeln.

    Wir müssen die richtigen Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen – in Deutschland, Europa und weltweit.

    Der Autor: Carsten Knobel ist Vorstandsvorsitzender des Henkel-Konzerns.

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