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05.07.2022

08:37

Gastkommentar

Lieferketten-Schocks: Wie neue Modelle aus dem Krisenmodus führen

Krisensichere Transportwege sind entscheidend für die Energiewende und die wirtschaftliche Stabilität Europas. Deshalb müssen wir sie jetzt stärken, fordert Sucheta Govil.

Liveorg

Sucheta Govil

Das Bild ging um die Welt: Hunderte von Schiffen stauten sich nach der Havarie der Ever Given vor dem Suezkanal. Der Vorfall war eine Lehrstunde: Es braucht nur einen Fehler – und unzählige globale Lieferketten stehen still.

Rohstoffe fehlen, Produktionsprozesse geraten ins Stocken, Waren erreichen mit immenser Verspätung ihren Bestimmungsort.

Solche Lieferketten-Schocks können langfristig sogar die Energiewende gefährden: Grüner Wasserstoff, aus Ökostrom gewonnen, gilt als unverzichtbar im Kampf gegen den Klimawandel.

Allein für die Chemiebranche könnten per Tanker beispielsweise Tausende Tonnen mit grünem Wasserstoff hergestellten Ammoniaks aus Australien geliefert werden. Funktionierende Lieferketten werden somit ein bestimmender Faktor für das Zukunftsprojekt Wasserstoff sein.

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    Transportkapazitäten werden auf lange Sicht knapp bleiben

    Der Klimawandel, wirtschaftliche und geopolitische Umwälzungen tragen dazu bei, dass Lieferketten-Schocks häufiger auftreten, größere Kreise ziehen und das globale Handelsnetzwerk aus dem Gleichgewicht bringen, wie eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung darlegt.

    Immerhin werden rund 90 Prozent aller Waren und Güter weltweit auf See transportiert.

    Hinzu kommt: Transportkapazitäten dürften auf längere Sicht knapp bleiben. Der Krieg in der Ukraine spielt dabei in mehrerer Hinsicht eine Rolle.

    Kraftstoffkosten sind drastisch gestiegen, Transportwege haben sich durch die Verlagerung von Lieferketten um Russland, Weißrussland und die Ukraine herum teils verlängert.

    Zudem fehlen Lkw-Fahrer, die für den Zu- und Ablauf von Containern in den Häfen sorgen.

    Und auch die Geopolitik könnte in den kommenden Jahren immer wieder für Turbulenzen sorgen: Der Anteil des globalen Handels mit Ländern, die nach Einschätzung der Weltbank in Bezug auf die politische Stabilität in der unteren Hälfte des weltweiten Rankings zu verorten sind, ist von 16 Prozent im Jahr 2000 auf 29 Prozent im Jahr 2018 gestiegen, wie eine aktuelle McKinsey-Studie darlegt.

    Lieferketten sollten diversifiziert, transparent und grün sein

    Die Auswirkungen von Lieferketten-Schocks können dramatisch sein. In Deutschland macht die Industrie ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes aus.

    Allein durch Unterbrechungen von Lieferketten könnte es der Studie zufolge für Unternehmen über einen Zeitraum von zehn Jahren zu Einbußen von fast 45 Prozent des Jahresgewinns kommen.

    Wie gravierend Lieferketten-Schocks sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette auswirken können, zeigte zuletzt die Halbleiterkrise: Sie zwang Autohersteller, ihre Produktion zu stoppen.

    Das wirkt sich auf die Zulieferer aus – mit Folgen für Chemie, Elektronik-Industrie und alle Partner der Kette.

    Je besser die Strategien zur Risikominderung sind, desto widerstandsfähiger sind Unternehmen gegenüber Lieferketten-Schocks. Ein entscheidender Faktor dabei: diversifiziertere und nachhaltigere End-to-End-Lieferketten.

    Eine kluge Balance aus globalen und regionalen Liefernetzwerken lohnt sich in mehrerer Hinsicht: Die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen verringert sich, unvorhergesehene Ausfälle an einer Stelle lassen sich an anderer Stelle eher kompensieren.

    Auch mit Blick auf das geplante Lieferkettengesetz macht es Sinn, spätestens jetzt die Weichen für eine Lieferkette zu stellen, die den künftigen Anforderungen hinsichtlich lückenloser Transparenz bis in die letzte Stufe der Wertschöpfungskette standhält.

    Und nicht zuletzt zahlt eine „grünere“, klimaschonende und ressourceneffiziente Logistik auf die Erwartungen von Kunden und Endverbrauchern an unternehmerische Verantwortung ein.

    Die Digitalisierung macht den Transport krisenresistenter

    Ob dies gelingt, wird letzten Endes auch eine Frage der Digitalisierung sein. Innovative Technologien stellen das Mantra infrage, wonach Resilienz nur auf Kosten der Effizienz erkauft werden kann.

    Immer mehr Unternehmen investieren in die digitale Infrastruktur, um die gesamte Wertschöpfungskette in einem nahtlosen Datenfluss zu verbinden.

    Supply-Chain-Analysen optimieren Planung, Beschaffung, Produktion und Vertrieb und verbessern gleichzeitig die Transparenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

    Virtuelle Ebenbilder – sogenannte digitale Zwillinge – erlauben es, Produkte digital durch alle Stufen der Wertschöpfungskette zu begleiten. Mittels Track-and-Trace-Verfahren lassen sich Container weltweit in Echtzeit verfolgen.

    Je lückenloser dieses System ist, desto größer die Produktionssicherheit.

    Störungen entlang der Lieferkette werden schneller erkannt, Unternehmen gewinnen wertvolle Zeit, um Ausfälle zu kompensieren und drohende Produktions- und Lieferausfälle zu vermeiden.

    >>Lesen Sie hier:
    Die Schaffung von digitalisierten, nachhaltigen und dadurch krisensichereren Lieferketten liegt nicht nur in der Verantwortung der Wirtschaft. Auch die Europäische Union muss investieren.

    Bereits 2020 hat die EU die Weichen für eine Industriestrategie gestellt, die den Übergang zu einer grünen, digitalen Wirtschaft unterstützen und Europas Industrie wettbewerbsfähiger machen soll.

    Mit einem starken Binnenmarkt sowie einer Diversifizierung internationaler Partnerschaften und Industrieallianzen sollen Lieferkettenabhängigkeiten verringert werden.

    Mit Blick auf die strategischen Abhängigkeiten industrieller Schlüsselbereiche wie beispielsweise der Chemieindustrie von der Energieerzeugung gilt es, schnellere Fortschritte bei den verschiedenen Allianzen zu erzielen.

    Genehmigungsverfahren müssen beschleunigt und der Schienenverkehr verbessert werden

    Robuste Lieferketten und eine grüne Logistik setzen zudem massive Investitionen in den Schienenverkehr voraus. Häufige Baustellen und der stockende Ausbau führen immer wieder zu Verzögerungen in der Lieferkette. Für „just-in-time“-Industrieprozesse ist das verheerend.

    Soll die Kreislaufwirtschaft konsequent umgesetzt werden, bedeutet dies auch ein deutlich gesteigertes Logistikaufkommen: Rohstoffe werden aufbereitet, weiterverarbeitet, das neue Endprodukt an seinen Bestimmungsort transportiert – aber bitte nachhaltig.

    Beschleunigte Genehmigungsverfahren und Wettbewerb auf der Schiene haben das Potenzial, dem Ausbau der Infrastruktur dringend notwendigen Schub zu verleihen.

    Investitionen in krisenfeste, nachhaltige Lieferketten werden über Europas wirtschaftliche Stabilität und den Erfolg der Energiewende entscheiden. Neue Ansätze dürfen nicht an den eigenen Unternehmensgrenzen halt machen, es braucht starke Partner und Kooperationen.

    Beispiel Digitalisierung: Es reicht nicht aus, digitale Einzellösungen zu etablieren. Nur wenn diese vernetzt und standardisiert werden, kann eine Branche mit einem breit aufgestellten Logistik- und Zulieferernetzwerk effektiv zusammenarbeiten und eine verlässliche Produktion garantieren.

    Zwar werden Lieferketten-Schocks die große Unbekannte bleiben. Aber der Grad der Anfälligkeit von Industrien und der Produktion lässt sich reduzieren, Schritt für Schritt.

    Die Autorin:

    Sucheta Govil ist Chief Commercial Officer und Vorstandsmitglied von Covestro.

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