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27.07.2021

04:00

Gastkommentar

Mehr Tempo für die Bildungsrepublik

PremiumMit Mittelmaß kann Deutschland sein Wohlstandsmodell nicht mehr lange verteidigen, warnt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.

Die CDU-Politikerin Anja Karliczek ist Bundesministerin für Bildung und Forschung. imago images/Reiner Zensen

Die Autorin

Die CDU-Politikerin Anja Karliczek ist Bundesministerin für Bildung und Forschung.

Momentan läuft der „Sommer der Berufsausbildung“ mit vielen Aktionstagen und Veranstaltungen. Ich selbst war zum Beispiel dabei, als die Handwerkskammer Koblenz ihre moderne überbetriebliche Ausbildungsstätte vorstellte: mit einem hochsensiblen GPS-Rover als neuer Messtechnik für den Einsatz im Straßenbau und einer computergesteuerten CNC-Fräse, mit der Tischlernachwuchs Reliefs anfertigt. Junge Menschen müssen trotz Corona-Pandemie ihren Weg in den Beruf finden.

Noch haben zu viele keinen Ausbildungsplatz, obwohl zahlreiche Lehrstellen auch noch unbesetzt sind. Hinter dem „Sommer der Berufsausbildung“ steht eine Allianz aus Industrie, Handel, Handwerk und freien Berufen, von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretungen, Bund und Ländern. Genauso muss es sein, wenn wir die Bildung in unserem Land voranbringen wollen – und uns als Bildungsrepublik verstehen. Sicher: Das Ziel der „Bildungsrepublik Deutschland“ wurde schon vor einem Jahrzehnt formuliert, doch es ist immer noch höchst aktuell.

Auf dem Weg dorthin sind wir in den vergangenen Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Aber der Anspruch ist noch längst nicht Wirklichkeit geworden. Denn ein modernes Deutschland braucht nicht nur gute Bildung. Es braucht erstklassige Bildung. Mit Mittelmaß – dort bewegen wir uns in den internationalen Vergleichsstudien seit Jahren – dürfen wir uns nicht zufrieden geben. Auch wenn wir heute wahrlich kein schlechtes Bildungssystem haben: Wir müssen noch besser werden.

Das fängt in den Kindergärten an. Sie sollten als Bildungseinrichtungen verstanden werden – natürlich altersgerecht. Wie das gehen kann, zeigen die vielen „Häuser der kleinen Forscher“. Generell müssen Schülerinnen und Schüler von Anfang an die Chance haben, das Beste aus sich zu machen. Aktuell heißt das: Es muss gelingen, Bildungsdefizite auszugleichen, die in der Pandemie bei vielen entstanden sind.

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    Das wird nicht von einem Tag auf den anderen möglich sein – trotz unseres Zwei-Milliarden-Programms. Hier ist Beharrlichkeit gefordert.

    Vor allem müssen wir nicht zuletzt durch eine bessere digitale Ausstattung der Schulen erreichen, individuelle Bildungschancen zu eröffnen und so Chancengerechtigkeit Realität werden zu lassen. Das notwendige Geld hierfür ist vorhanden, vor allem durch Bundesmittel von 6,5 Milliarden Euro für den Digitalpakt Schule.

    Verstärkte Kooperation erforderlich

    Digitalisierung ermöglicht an den individuellen Bedürfnissen jedes Einzelnen orientiertes Lernen. Digitalisierung bietet – gut gemacht – Riesenchancen für Bildung in allen Lebensphasen. Auf der anderen Seite erreichen wir nichts mit Grundsatzdiskussionen über die Zuständigkeiten in Sachen Bildung. Für die Schulen sollen und müssen ohne Zweifel Länder und Kommunen weiter verantwortlich sein – allein schon, weil sie viel näher an den Bildungseinrichtungen dran sind.

    Aber es gibt auch übergreifende Themen, bei denen alle gewinnen, wenn der Bund Impulse geben kann, etwa bei der Digitalisierung. Eine verstärkte Kooperation von Bund und Ländern gerade auf diesem Gebiet sollte meines Erachtens durch eine Grundgesetzergänzung ermöglicht werden. Die Menschen wollen eine starke Bildungsrepublik, in der alle Ebenen gut zusammenarbeiten.

    Die Zusammenarbeit ist in den vergangenen Jahren schon viel besser geworden. Das belegt nicht nur das Aufholprogramm, es wurde auch in der Pandemie deutlich, als es darum ging, schnell Schüler- und Lehrerlaptops anzuschaffen. Es gibt die Initiative digitale Bildung, damit Schule, Ausbildung und Hochschulen so modern werden, wie es das Leben der jungen Menschen längst ist.

    Geht es um Bildung, sollte die Öffentlichkeit sich nicht nur auf Kindergärten und Schulen fixieren, so bedeutend sie für eine gute Zukunft unserer Gesellschaft auch sind. Ebenso brauchen wir eine exzellente Hochschulausbildung in einer Welt, in der das Wissen rasant wächst. Wir brauchen exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie hervorragend ausgebildete Akademiker.

    Die starke Säule duale Ausbildung

    Wir wollen attraktiv sein für die klügsten Köpfe der Welt. Darum engagiert sich auch der Bund für die Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Über all dem darf jedoch die zentrale Bedeutung unserer beruflichen Bildung nicht in den Hintergrund geraten. Mit dieser Säule der dualen Ausbildung war Deutschland immer stark. Die exzellente Berufsausbildung ist für ein Innovationsland wie Deutschland von immenser Bedeutung.

    Darum werbe ich bei Schülerinnen und Schülern aller Schulformen für eine Berufsausbildung als Alternative zum Studium. Gerade die berufliche Weiterbildung bietet heute oft vergleichbare Aufstiegschancen. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in neuen Abschlussbezeichnungen wie Bachelor und Master Professional wider, die auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt das Niveau unserer Absolventen besser verdeutlichen.

    Wir haben in dieser Legislaturperiode für mehr Vergleichbarkeit unterschiedlicher Bildungswege gesorgt und zugleich Übergänge erleichtert. Bei einem Gespräch mit Auszubildenden erzählte mir eine junge Zahntechnikerin mit großer Selbstverständlichkeit, nach der Ausbildung wolle sie Zahnmedizin studieren – ein in der Medizin häufig beschrittener Weg. Doch auch nach anderen Erstausbildungen gibt es mehr denn je weitere Fortbildungsstufen oder akademische Angebote.

    Am Geld soll dies jedenfalls nicht scheitern. Dafür gibt es das Aufstiegs-Bafög, das inzwischen 3,2 Millionen Menschen den Weg zu einer höheren Qualifikation geebnet hat. Mir ist wichtig, dass wir die unterschiedlichen Bildungswege, Abschlüsse und Qualifikationen gleichermaßen wertschätzen. Diese Wertschätzung bildet das Fundament für die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems.

    Erfindungen sind nicht alles

    Keine Frage: Wir brauchen exzellente Forscherinnen und Forscher. Aber die Erfindungen nutzen der Gesellschaft erst dann wirklich, wenn sie von anderen praktisch umgesetzt und angewendet werden. Die Wertschöpfungskette besteht aus unterschiedlichen Gliedern. Je besser jedes für seine Aufgabe qualifiziert ist, desto höher sind Stabilität und Qualität der Kette, auf der unser Wohlstand beruht. Deshalb braucht es das Engagement für Bildung auf allen Ebenen.

    Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat ein schönes Plakat geschaffen. Darauf ist eine junge Frau zu sehen, die konzentriert an etwas bastelt, dazu der Slogan „Andere sehen dich sinnlos tüfteln, wir sehen dich an deiner Karriere feilen“. Diese positive Grundeinstellung gegenüber unterschiedlichen Interessen, Begabungen und Leidenschaften brauchen wir überall, wenn es um die Verbesserung von Bildung geht.

    Für exzellente Bildung zu sorgen ist eine der zentralen Aufgaben des Staats, aber auch eine Verpflichtung für die gesamte Gesellschaft. Dessen müssen wir uns in den nächsten Jahren in Deutschland noch stärker bewusst werden – und dafür steht auf Bundesebene ein starkes Bildungs- und Forschungsministerium.
    Die Autorin: Die CDU-Politikerin Anja Karliczek ist Bundesministerin für Bildung und Forschung.

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