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12.04.2022

04:19

Gastkommentar

Sieben Gründe, warum sich das Russland-Geschäft deutscher Konzerne nicht erholen wird

PremiumMit vielen Tricks haben sich deutsche Konzerne an ihr Russlandgeschäft geklammert. Das funktioniert nicht mehr. Die Konzerne sollten es abschreiben, meint Bernd Ziesemer.

Bernd Ziesemer ist Publizist und ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts. Von 1990-95 war er Moskau-Korrespondent. bernd-ziesemer.com [M]

Der Autor

Bernd Ziesemer ist Publizist und ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts. Von 1990-95 war er Moskau-Korrespondent.

Seit der deutsche Industrielle Otto Wolff von Amerongen und der Sowjetvertreter Sergej Borisow am 4. August 1952 bei einem Geheimtreffen im Kopenhagener Luxushotel Richmond die Ära besonderer Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern begründeten, sorgten Krisen und Kriege immer wieder für Rückschläge.

Die Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956, der Einmarsch in Prag 1968, der lange Afghanistankrieg zwischen 1979 und 1989, der Zerfall der Sowjetunion 1991, die blutigen russischen Feldzüge gegen Tschetschenien ab Ende 1994, der Krieg Wladimir Putins gegen Georgien 2008 und die militärische Besetzung der Krim 2014 brachten das Geschäft der deutschen Unternehmen jedoch niemals an den Bruchpunkt.

Man hielt sich an eine unausgesprochene Arbeitsteilung: Die deutsche Politik protestiert, die deutsche Wirtschaft macht weiter wie vorher.

Die Unternehmen hielten sich mehr oder weniger an den Wortlaut von Sanktionen, entwickelten jedoch sogleich sehr viel Fantasie bei ihrer Umgehung. Wenn sich die deutschen Konzerne einmal ein Stück zurückziehen mussten, signalisierten sie den Partnern in Moskau augenzwinkernd: „Wir sind bald zurück!“

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    So war es zum Beispiel bei BASF: Nach der Krim-Krise musste der Vorstand den lange geplanten Asset-Tausch mit Gazprom 2014 auf Eis legen, brachte das Milliardengeschäft aber schon ein Jahr später über die Bühne und datierte es passenderweise sogar auf 2013 zurück.

    Die deutschen Konzerne haben die Taktik des Überwinterns in jeder Russland-Krise so sehr verinnerlicht, dass sie auch jetzt noch davon träumen. So wie die SAP SE: Man verkündet vollmundig die Beendigung des Cloud-Geschäfts in Russland, doch verschickt am Vortag noch schnell einen Brief an alle russischen Kunden mit dem Vorschlag des Vorstands, die betroffenen Daten doch auf die Schnelle ins Ausland zu transferieren.

    Sieben Gründe, warum sich das Russland-Geschäft deutscher Konzerne nicht erholen wird

    Doch dieses Mal funktioniert das Kalkül nicht. Die russische Wirtschaft steht vor einem sehr langen Winter. Eine Rückkehr zum Status quo ante, wie ihn zumindest einige deutsche Konzerne erhoffen, wird es deshalb auch nach dem Ende des Ukrainekriegs nicht geben.

    Dafür gibt es sieben Gründe:

    Erstens sind normale politische Kontakte mit dem „Kriegsverbrecher“ Putin, wie US-Präsident Joe Biden den russischen Präsidenten nannte, nicht mehr möglich. Solange der Diktator an der Macht bleibt, setzt sich kein Bundeskanzler und erst recht kein US-Präsident mehr mit ihm an einen Tisch. Da es kaum Hoffnung auf einen „Regime-Change“ in Russland gibt, stehen wir mit großer Wahrscheinlichkeit vor langen Jahren eines neuen, in vieler Hinsicht noch erbitterteren Kalten Kriegs als in den 50er- und 60er-Jahren.

    Zweitens zerbricht mit dem Erdöl- und Erdgasgeschäft gerade das Rückgrat der deutsch-russischen Beziehungen. Es geht in der öffentlichen Debatte nicht mehr darum, ob wir uns aus der Abhängigkeit befreien, sondern nur noch darum, wann.

    Selbst bei einem Sturz Putins, der wohl nur als Palastcoup innerhalb der jetzigen nationalistischen Führung denkbar wäre, gibt es kein Zurück in Energiefragen. An dem ganzen Gazprom-Geflecht hängt jedoch auch ein erheblicher Teil der deutschen Exporte nach Russland.

    Drittens sollte die deutsche Wirtschaft auch nach einem Ende des Kriegs nicht damit rechnen, dass die Sanktionen des Westens fallen. Die Amerikaner scheinen entschlossen, das Putin-Regime ein für alle Mal wirtschaftlich so zu schwächen, dass es sich einen weiteren Krieg wie in der Ukraine nicht mehr leisten kann.

    Seit die Bilder von dem russischen Massaker in Butscha um die Welt gehen, unterstützt der Mainstream der Republikaner diese Haltung des US-Präsidenten. Da die amerikanischen Sanktionen grundsätzlich weltweit gelten, sollte niemand auf die Idee kommen, sie wie früher leicht umgehen zu können.

    Viertens sind neue Großprojekte in Russland auf Jahre hinaus zu riskant – insbesondere, solange es keine Hermes-Garantien mehr gibt. Die USA verbieten neue Investitionen im Reich Putins sogar ganz. Diejenigen Konzerne wie zum Beispiel Claas oder Knauf, die um jeden Preis in Russland bleiben wollen, müssen mit dem schleichenden Verfall ihrer Fabriken rechnen.

    Das Verbot von Halbleiter-Exporten allein macht es für viele Konzerne unmöglich, weiter zu produzieren wie in der Vergangenheit. In einigen Fällen – Beispiel Flugzeuge – führt der Mangel an Ersatzteilen auf mittlere Sicht zum völligen Stillstand in Russland.

    Fünftens müssen die Konzerne, die sich aufs Überwintern in Russland verlegen, die hohen Reputationsrisiken in aller Welt bedenken. Je länger sich der russische Angriff hinzieht, je mehr wir in Echtzeit Zeugen grausamster Kriegsverbrechen an Frauen und Kindern in der Ukraine werden, umso höher wird der Druck gerade auf Firmen aus Deutschland.

    Kein westliches Land hat durch seine zögerliche Unterstützung der Ukrainer so viel Sympathie in Mittel- und Osteuropa verspielt wie wir. Wer sich seine Russland-Umsätze bewahren will, muss damit rechnen, sie in Tschechien oder Polen zu verlieren. Man könnte es das Ritter-Sport-Syndrom nennen.

    Russland verwandelt sich in ein Armenhaus

    Sechstens verschlechtert sich für alle westlichen Konzerne vor unseren Augen das schon vor dem Krieg sehr schlechte Geschäftsklima in Russland. Und für uns Deutsche ganz besonders.

    Verblendet durch 20 Jahre Propaganda und nationale Hetze, fühlen sich die meisten Russen als eigentliches Opfer des Kriegs, ungerecht bestraft durch westliche Sanktionen und von den Deutschen in besonderer Weise verraten. Deutsche Manager, die noch in sehr kleiner Zahl in Russland ausharren, berichten über verbale Angriffe aller Art. Je stärker die Russen die Folgen des Kriegs und der westlichen Sanktionen spüren, umso aggressiver reagieren sie.

    Siebtens verwandelt sich Russland gerade in ein Armenhaus, obwohl die Milliarden für Gazprom aus dem Westen weiter fließen. Von der „konsumfreudigen“ Bevölkerung, die bisher für viele deutsche Konzerne wie den Großhändler Metro oder die Globus-Einzelhandelskette als Hauptargument für ihr starkes Engagement in Russland herhalten musste, bleibt künftig nur noch wenig übrig.

    Der Krieg radiert über 15 Jahre Wachstum aus, der ohnehin kleine Mittelstand im Reich Putins dürfte sich in kürzester Zeit halbieren, berechneten selbst russische Experten. Die Inflation drückt das Drittel der Bevölkerung, das ohnehin am Rande des Existenzminimums vegetiert, weiter herab.

    Was in Putins Staatskasse fließt, dürfte in den kommenden Jahren vor allem in das Wettrüsten mit der Nato fließen. Die Geschichte, die einst mit dem ökonomischen Zusammenbruch der Sowjetunion endete, wiederholt sich.

    Bei der Frage, ob man das Russland-Geschäft besser schließt oder nicht, geht es nicht allein um moralische Fragen. Einige Unternehmen wie die Obi-Märkte begründen ihren Rückzug ausdrücklich mit ethischen Argumenten. Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller sagt: „Lieber auf Umsatz verzichten als auf Anstand.“

    Aber es gibt auch viele rein ökonomische Gründe, die Milliarden-Investitionen der Vergangenheit lieber früher als später abzuschreiben. Einfach nur überwintern zu wollen wie früher kann keine Geschäftsstrategie mehr sein.

    Im Russischen gibt es ein Sprichwort, das auf die jetzige Diskussion in vielen deutschen Konzernen passt: Man sollte vor wichtigen Entscheidungen „sieben Mal abmessen“, aber danach muss man dann auch „einmal abschneiden“.
    Der Autor: Bernd Ziesemer ist Publizist und ehemaliger Chefredakteur des Handelsblatts. Von 1990-95 war er Moskau-Korrespondent.
    Mehr: Der Krieg verändert die Welt erneut – Sieben Thesen zu den langfristigen Folgen des Ukrainekriegs.

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