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16.11.2022

09:00

Gastkommentar

So schaffen wir das grüne Wirtschaftswunder in Europa

PremiumDer Kampf gegen den Klimawandel braucht Innovationen und private Investitionen. Europa hat dafür die besten Voraussetzungen – nur eine Zutat fehlt noch, meint Danijel Višević.

Der Autor ist Partner beim europäischen Climate-Tech-Wagniskapitalgeber World Fund. Max Siegmayer/Wikipedia, PR

Danijel Višević

Der Autor ist Partner beim europäischen Climate-Tech-Wagniskapitalgeber World Fund.

Wenn es um Climate-Tech-Innovationen geht, spricht vieles für Europa: Ein Drittel der führenden Forschungseinrichtungen in diesem Bereich ist in Europa angesiedelt und 28 Prozent aller Patente der Branche werden in Europa angemeldet – mehr als in jedem anderen Wirtschaftsraum der Welt.

Europa ist nicht nur führend in Forschung und Entwicklung, auch die politischen Ambitionen sind hierzulande am größten: Die Europäische Union hat sich verpflichtet, der erste klimaneutrale Kontinent zu werden – und lässt dieser Ankündigung auch Taten folgen: 30 Prozent des Zwei-Billionen-Haushalts der EU im Zeitraum 2021 bis 2027 sollen in die Bekämpfung des Klimawandels fließen.

33 Milliarden Euro davon sind für Climate-Tech vorgesehen, also für Technologien, die sich explizit auf die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen beziehen. Dieser Betrag kommt zusätzlich zu den 58 Milliarden Euro des Horizont-2020-Programms sowie 100 Milliarden Euro aus dem Budget für Forschung und Entwicklung.

Europa gründet weltweit die meisten Climate-Tech-Firmen, aber zum Wachstum fehlt Wagniskapital

Die Innovationen verlassen auch die Labore und führen zu Unternehmensgründungen: Laut den Daten unseres World Funds führt Europa vor jedem anderen Wirtschaftsraum der Erde bei den Climate-Tech-Gründungen. Im Energiesektor wurden in Europa 2021 beispielsweise 363 Climate-Tech-Unternehmen gegründet, in den USA 243. In der Akku-Branche verzeichneten wir im selben Jahr 102 Gründungen in Europa – mehr als die 80 Gründungen in China und den USA kombiniert.

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    Das alles ist auch für den Wirtschaftsstandort Europa mehr als erfreulich, denn Climate-Tech-Start-ups werden zu den wertvollsten Unternehmen des nächsten Jahrzehnts gehören, wenn die Dekarbonisierung unserer Weltwirtschaft beginnt.

    Das ungenutzte Marktpotenzial wird von den Big Four der Wirtschaftsberatungen auf mehrere Billionen Dollar geschätzt. Laut Blackrock-CEO Larry Fink werden die kommenden 1000 Unicorns Climate-Tech-Unternehmen sein, und schon seit 2014 haben Investments in Climate-Tech höhere Renditen erzielt als Unternehmen ohne Klimafokus.

    Also rosige Aussichten für Europa beim Bau der kommenden 1000 Klima-Einhörner? Leider nicht ganz: Von 2006 bis 2011 investierten hauptsächlich amerikanische Wagniskapitalgeber 25 Milliarden Dollar in Clean Tech – mit großem Erfolg. Heute sind diese Unternehmen – darunter Tesla, Beyond Meat, Quantum-Scape – mehr als 600 Milliarden Dollar wert. Europa dagegen hat diese Welle weitgehend verpasst.

    Diesen Fehler droht Europa jetzt zu wiederholen: Von 2013 bis 2019 flossen 29 Milliarden Dollar aus den USA, 20 Milliarden aus China und nur sieben Milliarden Dollar aus Europa in Climate-Tech-Start-ups. US-Investoren haben das Potenzial längst erkannt: Weil europäische Climate-Tech-Unternehmen dank der enormen Forschungsaufwendungen auf dem Kontinent technologisch oft führend, gleichzeitig aber unterfinanziert und unterbewertet sind, suchen US-Investoren gezielt nach europäischen Unternehmen.

    Gerade bei Climate-Tech ist ein besonders langer Atem bis zur Marktreife nötig

    Das Problem: Viele aus Europa stammende, bahnbrechende Innovationen haben das Tal des Todes auf dem Weg zur Marktreife bislang nicht überlebt. Der Grund: Climate-Tech-Innovationen finden oft im Hardware- und Deeptech-Bereich statt, in denen ein besonders langer Atem bis zur Marktreife benötigt wird. Da dafür in Europa vergleichsweise wenig Geld zur Verfügung stand, erweckte das bei manchen europäischen Investoren den falschen Eindruck, dass die Investments in Clean-Tech-Unternehmen der ersten Generation ein Misserfolg waren.

    Europas grünes Wirtschaftswunder braucht deshalb Risikokapital mit längerem Atem, um die Lücke zwischen Forschung und Entwicklung und der Markteinführung zu schließen. Europäischen Investoren – insbesondere jenen aus Deutschland – steht dabei bis heute oft noch vor allem ein Missverständnis im Weg: „Was Impact schafft, kann keine Rendite erwirtschaften.“

    Doch aktuelle Daten zeigen, dass endlich Bewegung in den Markt kommt: Laut einer Analyse des Wagniskapital-Datenanbieters Dealroom sind europäische Investitionen in Climate-Tech auf dem besten Weg, die Rekordinvestitionen von 2021 in diesem Jahr noch einmal zu übertreffen – und das trotz der allgemein düsteren Lage auf dem VC-Markt.

    Schon zuvor verzeichnete Europa das stärkste Wachstum weltweit bei Climate-Tech-Investitionen mit einer Versiebenfachung der Investitionssumme von 2016 bis 2021.

    Zu Recht, denn der Blick auf Forschung, Wissen, Menschen, Gründungen und politische Rahmenbedingungen zeigt, dass Europa die besten Voraussetzungen hat, die Klima-Einhörner der kommenden Dekaden hervorzubringen. Inzwischen erkennen auch immer mehr Investoren, dass die Bewältigung der Klimakrise nicht nur notwendig, sondern auch äußerst profitabel ist.

    Der Autor: Danijel Višević ist Partner beim europäischen Climate-Tech-Wagniskapitalgeber World Fund.

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